Man kann über die amerikanischen Neokonservativen sagen, was man will: Sie haben die Gleichgültigen daran erinnert, dass man sich mit Massenmördern vom Schlage eines Saddam Hussein nicht abfinden darf. Mit diesem moralischen Argument, so es denn nicht nur taktisch gemeint war, hatten die "Neocons" Recht. Doch in allem anderen haben sie sich geirrt. In dem Glauben, ein Krieg im Irak werde den Terrorismus besiegen; in der Überzeugung, Amerika könne seine schützende Hand über die Welt legen wie einst das römische Imperium.

Das neokonservative Projekt liegt in Trümmern, und die Propagandisten eines künftigen Hegemons sind kleinlaut geworden. Das Desaster der militärischen "Lösung" führt zurück zu einer Frage, die unter den imperialen Blütenträumen in Vergessenheit geriet und die konservative Intelligenz ebenso spaltet wie die linke. Diese Frage ist an Schlichtheit nicht zu überbieten und lautet ganz einfach: Ist bin Laden ein Nachfolger von Hitler, Stalin und Mao und damit der geistige Wiedergänger des totalitären Denkens? Oder handelt es sich beim islamistischen Terror um eine Begleiterscheinung der Globalisierung mit sozialen und kulturellen Ursachen? Diese Frage scheidet die Geister und trennt die Welten.

Typisch für die erste Position ist der amerikanische Publizist Paul Berman. Er ist zwar kein origineller Analytiker, aber er verkörpert sehr genau die Haltung jener, die glauben, der Terrorismus sei nichts anderes als ein neuer Totalitarismus und bin Laden die Verkörperung barbarischer Denkweisen. Mit al-Qaida, schreibt Berman in seinem Buch Terror und Liberalismus (Europäische Verlagsanstalt), recke die totalitäre Schlange ihr mörderisches Haupt, "kulturfeindlich, intolerant, patriarchalisch, theokratisch" und vor allem eins: vom Judenhass zerfressen. Die Geschichte wiederholt sich. Erneut erleben wir den Entscheidungskampf zwischen Freiheit und Totalitarismus, und abermals ist die europäische Welt, wie schon beim Aufmarsch Hitlers, auf beiden Augen blind.

Wenn man den Kulturkampf-Ton, den der liberale Berman mit vielen Neokonservativen und linken Konvertiten teilt, einmal ausblendet, so sind seine Belege in ihrer Summe eindrucksvoll. Der radikale Islamismus, so zeigt er, ist keine eigenständige Ideologie, kein Weltbild sui generis. Er ist altes Gift, eine Mutation jenes totalitären Denkens, das Europa im 19. und 20. Jahrhundert ausgebrütet und über die Welt verbreitet hat. Auf dem Islamismus liegt der Denkerstaub der mal linken und mal rechten Gegenmoderne – mit ihrem Hass auf Amerika, ihrem Hass auf Individualismus und Freiheit. Von den "bösartigsten" dieser Lehren führe ein direkter Weg in die Köpfe der Radikalen. Mit einem Wort: Der Islamismus ist Fleisch vom Fleische des antiwestlichen Denkens. Er ist der "Faschismus unserer Zeit".

An Indizien für diese These fehlt es nicht. Wie schon Malise Ruthvens in ihrer Studie A Fury for God gezeigt hat, sind viele Islamisten bei dem Erziehungswissenschaftler und Schriftsteller Sayyid Qutb in die Schule gegangen, jenem Chefideologen der Muslim-Bruderschaft, dessen Schriften sich angeblich auch in der Harburger Wohngemeinschaft der Attentäter vom 11. September fanden. Aufgewachsen in einem kleinen ägyptischen Dorf, studierte Qutb in den Vereinigten Staaten, kehrte 1951 in seine Heimat zurück und propagierte einen fanatischen, durch und durch antisemitischen Islam, der alles Westliche verdammt, ob Marxismus, Kapitalismus oder, für ihn das Größte aller Übel, die sexuelle Freizügigkeit Nordamerikas. Eine wichtige Quelle war für ihn die reaktionäre Lebensphilosophie des französischen Arztes und Nobelpreisträgers Alexis Carrel, vor allem dessen "ganzheitlich" argumentierendes Buch Der Mensch, das unbekannte Wesen (ZEIT Nr. 32/03). Sayyid Qutb, von Nasser 1966 hingerichtet, war davon überzeugt, die islamische Gesellschaft sei der Sündenbock des "heidnischen" Westens und dazu verdammt, die "Krise des modernen Lebens" zu durchleiden – dieselbe Entzweiung, ebenso "Unglück" und "Seelenlosigkeit".

Warum die Saat aufgeht

Auch Qutbs jüngerer Bruder Muhammad predigte in diesem Geist, und auch er wollte den Weg freisprengen für den Auszug aus der entzauberten Welt. Wer ein Opfer des Westens sei, besitze ein Recht auf Notwehr. Muhammad Qutb fand an der saudischen Universität von Dschidda einen gelehrigen Schüler: Osama bin Laden.

So suggestiv solche Herkunftsnachweise auch sind, sie haben doch eine entscheidende Schwäche. Sie begnügen sich damit, den Terror aus der Ideengeschichte des Totalitarismus zu erklären. Für die kulturelle Macht der westlichen Lebensform und ihrer alles umwälzenden Ökonomie haben sie wenig Gespür oder verharmlosen sie unter dem nebligen Titel des "Liberalismus". Vor allem in der amerikanischen Gesellschaft, so darf man den Irak-Krieg-Befürworter Paul Berman verstehen, sei der Weltgeist an das Ziel seiner Wünsche gelangt. Wer das nicht glaubt, der liest die falschen Bücher.