Irak Fundamentalismus der KillerSeite 3/3

Kapitalismus als Religion

Gray kommt hier zu demselben Urteil wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Die Industrieländer begehen einen kapitalen Fehler und verwechseln ihre eigenen Interessen mit den Interessen der Weltgesellschaft. Vor allem das Zentraldogma des Internationalen Währungsfonds, es gebe für alle Länder der Erde nur einen einzigen, nämlich den amerikanischen Pfad ökonomischer Tugend, sei verhängnisvoll. Es planiere nicht nur nationale Wirtschaftsformen und lasse ihre Eigentümlichkeiten verdampfen. Noch schlimmer ist für Gray, dass sich der Marktliberalismus wie eine Erlösungsreligion aufführt, die „glaubt, dass kulturelle Unterschiede nur Oberflächenerscheinungen wirtschaftlicher Kräfte seien, die mit dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt verschwinden“.

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Gewiss, auch Gray schüttet das Kind mit dem Bade aus, wenn er „die Moderne“ auf eine derart düstere Weise ausmalt, dass alle Katzen grau werden und al-Qaida zwangsläufig aus ihr hervorgeht. Aber zu Recht befürchtet er eine Eskalation des Schreckens, wenn der Westen nun einen faschistischen Weltfeind ausruft und damit die Freund-Feind-Spaltung des Kalten Krieges wiederholt. Denn würde es sich bei den Gegnern der Moderne ausnahmslos um Islamo-Faschisten handeln, dann gebe es nur eine apokalyptische Perspektive, nur Krieg und Kampf.

Der Liberalismus selbst würde daraus nicht unbeschadet hervorgehen. Von seiner eigenen Logik gefesselt, ruft er den Ausnahmezustand aus und erstarrt in ritualisierter Selbstbehauptung. Er setzt seine Freiheit aufs Spiel und denunziert jene, die auf der Einhaltung des Rechts bestehen, als „Moralisten“. Fixiert auf den Islamo-Faschismus, nimmt die Monstranzformel von Freiheit und Gerechtigkeit einen kalten Klang an. Am Ende wird der autistische Liberalismus die Welt nicht mehr verstehen. Ihm bleibt unbegreiflich, warum einer westlichen Supermacht, die einen Gewaltherrscher unschädlich macht, nicht der Jubel der Befreiten entgegenschlägt, sondern das schier unheilbare Ressentiment, das drohende Flackern einer globalisierten Intifada.

 
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