Die Dominanz des Hässlichen im ernsthaften deutschen Bühnentanz der Gegenwart ist relativ neu. Die Gründe hierfür sind jedoch fast so alt wie die Gattung selbst, und der Inbegriff des unschönen Tanzes, der schlecht rasierte, mäßig talentierte Tänzer im hässlichen T-Shirt, ist ein historisch gewachsenes Problem. Im 18. Jahrhundert, als aus den höfischen Prachtballetten ein eigenständiges Aktionsballett entstand, als die schweren Perücken, die beengenden Korsagen weggeworfen wurden und einer Entfaltung des Tanzes nichts mehr im Wege zu stehen schien, postulierten Theatererneuerer wie Lessing ihre Kritik an einer lediglich schön anzusehenden Kunst. Sie werteten das Kunstwerk auf, indem sie ihm eine seelenveredelnde und erzieherische Wirkung abforderten, damit war aber zugleich der Weg für eine restriktive Wirkungsästhetik geebnet. Die Dresdner Palucca-Schule marschierte 1954 auf einer Maidemonstration unter der Losung "Wir bauen und wir tanzen, unser Schaffen gilt dem Ganzen". Aber auch außerhalb des Staatssozialismus hat falsch verstandene Aufklärung das Misstrauen gegenüber dem "Tanz an sich" befördert.

Die Kompagnie der Komischen Oper Berlin ist eine der wenigen ambitionierten Gruppen, für die Tanz nicht bloß ein Mittel zum Zweck ist. Seit Richard Wherlock 1999 hier Ballettdirektor wurde und erst recht nachdem sich das Ensemble 2001 unter Blanca Li als BerlinBallett neu formierte, hat es sich vor allem durch seinen Mut zur Schönheit von den Konkurrenten unterschieden. Wo das betont hässliche Tanztheater vor lauter Selbstreflexion immer unbeweglicher wurde, wie ein Depressiver, der sich in sich selbst verkriecht, da ging man an der Komischen Oper aus sich heraus. Wo die beiden anderen Berliner Ballette in der geheuchelten Schönheit des klassischen Repertoires erstarrten, verfiel man an der Komischen Oper bedenkenlos aus Schwanensee-Posen in Jazz-Schritte, schwebte in elegischen Kleidern einher, wirbelte in grell gestreiften Catsuits herum. Menuett, Rock ’n’ Roll, Modern Dance: Kein Stil, den die Choreografen dem Ensemble nicht zugemutet hätten. Und immer das Ringen um einen autonomen Ausdruck, um jene Schönheit, die (mit Karl Philipp Moritz gesprochen) "Vollendung in sich selbst" ist, jene Kunst, die (nach Schiller) dem Menschen erst ermöglicht, "aus sich selbst zu machen, was er will" und ihm die Freiheit gibt, "zu sein, was er sein soll".

Unter dem Titel Metamorphosen hat die Kompagnie nun noch einmal, letztmalig ihre Wandlungsfähigkeit gezeigt: ernst und komisch, zart und pathetisch, im Tutu und barfuß, zur Musik von Franz Schubert und Meredith Monk. Die norwegische Choreografin Ingun Bjornsgaard und die Australierin Meryl Tankard inszenierten zwei vollkommen verschiedene Dreiviertelstunden, die erste kühl und blau, die zweite laut und bunt. Tänzerinnen, die wie Königinnen auftreten, Tänzerinnen, die wie müde Kinder über die Szene schlenkern. Schmetterlinge, groß wie Helikopter. Für so viel schöne Freiheit ist in Berlin nun kein Platz mehr. Zum Ende der Spielzeit wird die 22-köpfige Kompagnie aufgelöst, während die Ensembles der Deutschen Oper und der Lindenoper zum Berliner Staatsballett zusammengelegt werden. Wer das Repertoire dieser Häuser kennt, das im Wesentlichen aus Cinderella, Nussknacker, Feuervogel und gemäßigter Moderne in Gestalt von Georges Balanchine, Nacho Duato und Heinz Spoerli besteht, der muss die Abwicklung der dritten Kompagnie als schlimmen Verlust beklagen.

Der Titel der letzten Premiere, Metamorphosen, hätte programmatisch über sämtlichen Produktionen des BerlinBalletts stehen können. Es war ständig beschäftigt, seine Formensprache weiterzuentwickeln, alte Arabesquen in neue Bewegungsmuster zu überführen. Wenn die Tänzer nun auf Schuberts romantischen Tönen entlangbalancieren, als seien die eben erst komponiert worden, ahnt man die Zukunft des Genres. Wie die Mädchen und die Männer einander umkreisen, ist nicht das dramatische Miteinander des klassischen Balletts, aber auch nicht das pessimistische Nebeneinander des Tanztheaters, es ist ein permanentes Sicheinanderanverwandeln. So hat Schiller den idealen Tanz gesehen: "Schnell vor ihm her entsteht ihm die Bahn, die hinter ihm schwindet, / Wie durch magische Hand öffnet und schließt sich der Weg."

Vielleicht beherrscht das Ensemble der Komischen Oper unter der künstlerischen Leitung von Adolphe Binder die klassischen Attitudes nicht mit der Perfektion eines Ballett Russe. Aber es ist, anders als die beiden übrig gebliebenen Kompagnien, zu überzeugenden Modern-Dance-Schwüngen und ordentlichen Jazz-Contractions imstande. Es hat gelernt, dem komplizierten Rhythmus des 20. Jahrhunderts zu folgen. Vladimir Malakhov hingegen, Ballettchef der Lindenoper und Intendant des künftigen Staatsballetts, steht für den Strumpfhosenstil des 19. Jahrhunderts. Wenn die Berliner Kultursenatoren Augen im Kopf hätten, wäre ihnen aufgefallen, dass Schwanensee heutzutage so wild getanzt werden kann wie bei dem Briten Matthew Bourne, und dass die Komische Oper das innovativste der drei Berliner Ballette hat. Am 10. Juli gibt es seine Abschiedsparty, bis dahin kann man noch ein paar letzte zukunftsträchtige Tänze erleben.