Dresden floriert. Ob Kinder, Microchips oder die Kunst: Zuwachsraten überall. Die wiederauferstandene Frauenkirche, in deren Kuppel kürzlich der letzte Stein eingesetzt wurde, ist die Inkarnation dieser Stimmungslage. Kaum aber ist die Kuppel begrüßt und besungen, da feiert man jetzt die Eröffnung des Kupferstichkabinetts, das nach Jahrzehnten der Notunterkünfte im Schloss fabelhafte neue Räume unterm Dach mit bestem Ausblick bezogen hat.

Weltsichten – Meisterwerke der Zeichnung, Graphik und Photographie heißt die Ausstellung, mit der sich die Dresdner Sammlung, die älteste in Deutschland, jetzt zurückmeldet, urbi et orbi. Eine Ausstellung, in der 14 große Kapitelüberschriften sich auf relativ kleinem Raum gelegentlich in die Quere kommen, in der die Schwerpunkte mal thematisch, mal historisch und dann wieder medial definiert werden, ist zunächst ein Beweis dafür, dass Reichtum überwältigt – und deshalb durch Unbefangenheit im Zaum gehalten werden muss. So in Dresden angesichts einer Sammlung, die 450 Jahre alt ist und eine halbe Million Arbeiten umfasst, mit glänzenden Schwerpunkten vom deutschen 15. und 16. Jahrhundert bis hin zu Toulouse-Lautrec. Wenn da etwa in der Sektion "Blicke in die Welt" eine Sepiazeichnung von Caspar David Friedrich hängt (sein einziger Auftritt in dieser Ausstellung) und ein Block von 25 Fotogravüren von Olafur Eliasson, jede größer als Friedrichs Blatt, dann ist das ein überdimensionaler Aufwand, um die Unabhängigkeit von Rang und Ruhm zu demonstrieren.

Aber was sind Etiketten und Dimensionen? Auf den Zauber kommt es an. Diese Sammlung nahm ihren Anfang in der 1560 gegründeten Kunstkammer und logiert heute in den früheren Kunstkammerräumen. Da gibt es über die Jahrhunderte hin einen unendlichen Reichtum der Genres, Techniken und fabulösen Einzelgänger. Allein Porträt und Selbstporträt sind ein Kosmos für sich. Jan van Eycks die Farbe Grau zum Leben erweckende Silberstiftzeichnung eines alten Mannes, Vorbereitung eines späteren Porträts und einzige bekannte Zeichnung überhaupt, ist wohl die größte Kostbarkeit der Sammlung. Sie findet einen Widerschein im gezeichneten Selbstporträt des jungen Anton Raphael Mengs und Gegenwelten bei Beckmann, Käthe Kollwitz, El Lissitzkij. Und so fort.

Das Kupferstichkabinett hat nicht nur neue Schauräume, sondern auch einen großen Studiensaal und zuwachsfähige Sammlungsdepots erhalten. Die legendären Werkstätten in Hellerau haben Stühle, Tische und 290 spezielle Sammlungsschränke gebaut. Hier werden die Kunstwerke verwahrt, hier liegen auch die Zeugnisse einer frühen Kunstwissenschaft, denn man sammelte nicht nur, sondern ließ zugleich grafische Reproduktionen von Werken der großen Künstler anfertigen, zehn Bände Raffael gibt es da zum Beispiel. Mit dem Schild "Reissgemach" an einem der neuen Säle wird auf die komplementäre Seite sächsischer Kunstkauflust hingewiesen. Hier war die Zeichenstube des Kurfürsten August von Sachsen, des Gründers der Kunstkammer. Am Beginn der Ausstellung, wo unter dem Titel Scienes die neue Aufstellung der Künste und Wissenschaften im Zwinger durch August den Starken mit dem ältesten Inventarbuch der Sammlung, Schedels Weltchronik und Dürers Proportionslehre illustriert wird, liegt auch ein Zeichenbuch in einer Vitrine. Das aufgeschlagene Blatt zeigt zierlich perspektivisch gezeichnete Objekte. Es ist eine Zeichnung des 16-jährigen Prinzen ChristianI. von Sachsen. Kein Kunstwerk, aber eine Geste.