ComicRebellin unter dem Kopftuch

Eine Kindheit in den Zeiten der islamischen Revolution: Marjane Satrapis Comic „Persepolis“ von 

Mit sechs Jahren wollte Marjane Satrapi „Prophetin“ werden, und drei der menschenfreundlichen Gebote, die sie in ihr Heiliges Buch eintrug, lauteten: Alle sollen ein Auto haben; alle Dienstmädchen sollen mit am Tisch essen; keine Großmutter darf unter Knieschmerzen leiden. Abends, im Bett, führte sie lange Gespräche mit Gott. Aber als sie zehn war, übernahmen geistliche Eiferer die Macht in ihrem Land, die einsperrten, folterten und ihren geliebten Onkel hinrichteten. Da brüllte sie, nachts auf ihrem Kinderbett stehend, den sorgenvoll nach ihr schauenden Gott an: „Raus hier, ich will dich nie mehr sehen!“ In ihrem Buch hat Marjane Satrapi die eigene Kindheit in Iran als Comic nachgezeichnet – anrührend, verstörend, herzzerreißend. Wir lernen ein liebenswertes kleines Mädchen kennen, das im Teheran der islamischen Revolution aufwächst. 1979 dankt der Schah ab, Chomeini kehrt aus dem Exil zurück. Die Mullahs festigen ihre Macht mit grausamer Repression, zwingen schon die Schulmädchen unter das Kopftuch, schicken später die Jungen in die Minenfelder des Kriegs gegen den Irak.

Marji ist frech und altklug, meist lieb und auch mal furchtbar gemein; eine mitfühlende Rebellin, die keine Angst kennt – nicht vor den Lehrern und nicht vor den Revolutionswächtern. Sie umgibt der behagliche Wohlstand des alten Teheraner Bürgertums, der Vater ist Ingenieur, unter den Ahnen findet sich sogar ein Kaiser der Vor-Schah-Zeit. Aber wie soll es für die privilegierte Tochter inmitten der politischen Gewalt eine sorglose Kindheit geben?

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Die Eltern bewegen sich in einem Kreis linker Intellektueller, die von einer marxistischen, nicht von einer islamistischen Revolution geträumt haben. Im Wohnzimmer hört Marji die Erzählungen der entlassenen Gefangenen des Schah-Regimes („Weißt du noch, wie sie mir die Nägel ausgerissen haben?“). Einmal rast der Vater mit ihr im Wagen in die Innenstadt, um die Mutter heimzuholen, die beim Einkaufen von Bärtigen gestoppt worden war, weil sie sich nicht verschleiert hatte. „Sie haben mich beschimpft“, schluchzt die Mutter. „Sie sagten, Frauen wie mich sollte man auf der Straße durchficken und dann auf den Müll schmeißen!“ Als Marji vierzehn ist, schicken die Eltern sie ins Ausland, nach Wien – aus Sorge, die Furchtlosigkeit und der Widerspruchsgeist könnten der Tochter zum Verhängnis werden.

Marjane Satrapi bewundert Art Spiegelman, dessen Maus- Bände ein Vorbild für ihre Arbeit waren. Aber sie hat ihren ganz eigenen Stil gefunden: fast kindlich-naiv anmutende Bilder in hartem Schwarzweißkontrast, die Marjis Geschichte mit all ihren grauenhaften und absurden Episoden voller Wärme erzählen. „Comic-Autobiography“ haben Kritiker Persepolis genannt; gemeinsam mit einigen anderen jungen Autoren habe Marjane Satrapi ein neues literarisches Genre begründet. Sie selbst spricht lieber von „Comic Autofiction“. Weil nicht alles sich wortwörtlich so zugetragen hat, wie sie es im Buch beschreibt. Was an der Wahrheit der Schilderung nichts ändert. An der törichten Indoktrination im Schulunterricht. Am Foltertod der 18-jährigen Kommunistin Nilufar. An der Zerstörung des Hauses der Nachbarfamilie Baba-Levy durch irakische Raketen. Oder an dem erschütternden Abschied von ihrem Onkel Anusch. Vor seiner Hinrichtung darf er nur einen Besucher empfangen. Er möchte noch einmal seine kleine Nichte sehen. „Bin ich schön genug angezogen?“, fragt Marji vor dem Spiegel die Mutter. Zehn Minuten hat sie, um dem Onkel in der Zelle Lebewohl zu sagen. „Du wirst sehen, das Proletariat wird siegen“, versucht der Onkel die schreckgelähmte Marji zu trösten. Zum Abschied schenkt er ihr einen Schwan, den er aus Brotkrumen geformt hat.

Marjane Satrapi lebt heute in Paris. In Frankreich sind von dem insgesamt vier Teile umfassenden Persepolis schon 300000 Exemplare verkauft worden. Pantheon hat in Amerika die (exzellente) englische Übersetzung herausgegeben, die (ebenfalls sehr gelungene) deutsche Fassung ist im März bei der Zürcher Edition Moderne erschienen. Bisher liegen auf Deutsch allerdings nur die ersten beiden Teile in einem Band vor, der mit dem Abschied aus Teheran endet.

In Europa, wo sie ihre Schulausbildung abschloss, wo sie nach kurzzeitiger Rückkehr nach Iran Grafik und Illustration studierte, ist aus Marjane Satrapi eine eloquente Streiterin für die Sache der Freiheit und die Rechte der Frauen geworden, die das Kopftuchverbot an französischen Schulen genauso entschieden verdammt wie den Kopftuchzwang in Teheran. Die für die Libération und die New York Times zeichnet. Und die für Shirin Ebadi übersetzte, als die iranische Menschenrechtsanwältin in Paris völlig unverhofft von der Verleihung des Friedensnobelpreises erfuhr.

Marjane Satrapi liebt es zu streiten, laut und lachend. Sie raucht wie ein Schlot und ist stolz, dass der New Yorker demnächst eine große Geschichte über sie bringen wird. Und sie meint, es sei höchst überflüssig, die iranischen Frauen zu bejammern. Denn die seien aus gutem Grund selbstbewusst; schließlich stellten sie 63 Prozent der Studierenden, machten Karriere als Ärztinnen, Anwältinnen und Abgeordnete. Und die jungen Iranerinnen brezelten sich inzwischen so auf, dass sie selbst, auf Besuch daheim ungeschminkt im Café die Zeitung studierend, von kontrollierenden Revolutionswächterinnen den anwesenden Mädchen als Vorbild empfohlen wurde: „Nehmt euch an ihr ein Beispiel.“ Sie kann sich darüber heute noch schief lachen!

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