Und wenn die Osterweiterung der EU zum wirtschaftlichen Desaster wird? Wenn gerade die deutsche Wirtschaft, die schon die Kosten der Wiedervereinigung kaum stemmt, sich an einer weiteren finanziellen Last vollends verhebt? Solche Ängste haben derzeit Konjunktur. Zwei von drei Deutschen, ergab vergangene Woche eine Umfrage des Allensbach-Instituts, sehen im Beitritt der zehn Länder zur EU mehr Risiken als Chancen für die Bundesrepublik. Nur jeder siebte Deutsche kann überhaupt positive Folgen für die Wirtschaft erkennen.

Andere Töne kommen aus Brüssel. Günter Verheugen, in der EU-Kommission für die Erweiterung zuständig, ist seiner Sache sicher, dass "unter dem Strich die Arbeitsplatzbilanz für Deutschland positiv ist". Die Osterweiterung koste den deutschen Steuerzahler nicht einmal eine Milliarde Euro pro Jahr. Kein Vergleich also zum deutsch-deutschen Aufbau Ost, für den der Westen der Republik jährlich mehr als 80 Milliarden Euro überweist.

Offenbar spielt sich die Debatte über Chancen und Risiken der Osterweiterung auf zwei Ebenen ab. Die Bürger sehen die Risiken, die Politiker verweisen auf die Chancen. Irgendwo dazwischen stehen die Experten und rechnen.

Zum Beispiel, was die Erweiterung von 15 auf 25 Mitgliedsländer tatsächlich kostet. Umsonst gibt es sie nicht; wie teuer sie am Ende aber wirklich wird, darüber lässt sich heute allenfalls spekulieren.

Klarheit besteht nur für die Jahre von 2004 bis 2006. Da hat die EU gut 40 Milliarden Euro für die zehn Neuen eingeplant. Doch das sind so genannte Verpflichtungsermächtigungen, die nicht vollständig ausgezahlt werden. Denn sie gehen nur an Länder, die solide geplante Projekte vorweisen können und den nötigen finanziellen Eigenanteil aufbringen. Da die Neuen zudem selber Beiträge in Höhe von 15 Milliarden abliefern müssen, wird die EU bis Ende 2006 netto nur 12,5 Milliarden an die neuen Mitglieder überweisen. Deutschland trägt davon 22 Prozent, also knapp eine Milliarde Euro im Jahr.

Für den Zeitraum 2007 bis 2013 wird dann ein Finanzplan gelten, der kaum vor Ende des Jahres 2005 beschlossen werden wird. Um ihn ist bereits heftiger Streit entbrannt. Die EU-Kommission möchte ihren Haushalt von heute jährlich 100 Milliarden Euro auf dann 143 Milliarden erhöhen – nicht nur, aber auch wegen der Osterweiterung. Haushaltskommissarin Michaele Schreyer argumentiert so: "Wenn die Staats- und Regierungschefs die neuen Beitrittsländer mit 105 Millionen Menschen aufnehmen, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik einführen und vieles mehr wollen, dann müssen sie das auch bezahlen." Also auch 336 Milliarden Euro für die Förderung der unterentwickelten Regionen in der ganzen EU bis 2013.

Energisch protestierten sechs Nettozahler, allen voran Deutschland und Schweden. Sie teilten der EU-Kommission mit, sie seien nicht gewillt, tiefer in die Tasche zu greifen, um ihre Beiträge am Haushalt der erweiterten Union zu erhöhen. Wenn Brüssel von den Mitgliedsländern einen harten Sparkurs verlange, dann müsse es auch seinen eigenen Haushalt konsolidieren, ließ Bundeskanzler Gerhard Schröder Kommissionspräsident Romano Prodi wissen. Prinzipiell gespart werden könnte vor allem bei den üppigen Agrar- und Struktursubventionen, und eine heftige Finanzkrise könnte den nötigen Druck liefern, um eine Haushaltsreform gegen besonders renitente Empfängerländer wie Spanien durchzusetzen.

Die Bundesregierung sperrt sich auch deshalb gegen einen höheren Beitrag zum EU-Budget, weil bei der Regionalpolitik mehr Geld als bisher in die rückständigsten Regionen Europas gelenkt werden soll – und die liegen künftig vor allem in den Beitrittsländern. Ostdeutschland würde hingegen nach 2006 aus der günstigsten Förderkategorie herausfallen und leer ausgehen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer kritisierte denn auch vorsorglich: "Es kann nicht sein, dass die Ärmsten zulasten der Zweitärmsten gefördert werden."