Die deutsche Musikindustrie macht Schlagzeilen – aber keine guten: Vergangene Woche gab es auf der ganzen Welt wieder Razzien gegen Nutzer von Internet-Musiktauschbörsen. Und schon vor Wochen hatte der deutsche Branchenverband Ifpi Anzeige gegen 68 Privatleute erstattet, die besonders viele Songs im Netz angeboten haben sollen.

Damit eskaliert auch hierzulande ein seit Jahren andauernder Kampf: Musikindustrie gegen Tauschbörsen-Nutzer. Allen voran jene fünf Konzerne, die den Weltmarkt beherrschen, gegen jene rund sieben Millionen Deutsche, die im vergangenen Jahr Musikdateien aus dem Netz heruntergeladen haben. Erst hat die Industrie nur gejammert, dann gebettelt, später gegen die illegalen Musikhändler geklagt und am Ende die Tauschbörsen mit unvollständigen Liedern und akustischen Drohungen überschwemmt. Nichts konnte den Trend aufhalten: Im Jahr 2003 haben deutsche Nutzer 602 Millionen Songs aus dem Netz heruntergeladen.

Diese Nutzer sind Schuld an sinkenden Verkaufszahlen, sagt die Plattenindustrie. Als Indiz dient ihr die Zahl der verkauften CD-Rohlinge: 325 Millionen Stück im Jahr 2003, während die Branche nur 183,2 Millionen bespielte CDs absetzen konnte. In den USA soll der Absatz von Musik-CDs in den vergangenen drei Jahren sogar um mehr als 30 Prozent zurückgegangen sein, und die Branche beziffert die daraus resultierenden Umsatzeinbußen mit über 700 Millionen Dollar. Womit die Musikfirmen beiderseits des Atlantiks in der tiefsten Krise stecken, die sie je erlebt haben.

Jetzt will die deutsche Plattenindustrie die gleiche Doppelstrategie anwenden, die der amerikanische Phonoverband längst nutzt: die Musikpiraten mit Hilfe des Staatsanwalts vom Tauschen abschrecken und sie gleichzeitig in Online-Musikshops locken. Seit Herbst 2003 wurden in den Staaten mehr als 3500 User von Tausch-Netzwerken abgemahnt oder verklagt. Der amerikanische Musik-Branchenverband RIAA ist überzeugt, dass die Klagen ihren Zweck erfüllen und sich bei File-Sharing-Börsen deutlich weniger Nutzer tummeln.

Störende Details werden dabei allerdings übersehen. So hat das Unternehmen BayTSP, das im Auftrag der Medienindustrie Tauschbörsen überwacht, beobachtet, dass sich die Nutzerzahlen gegenüber dem vergangenen Jahr kaum verändert haben. "Wir konnten insgesamt sogar eine leichte Steigerung verzeichnen", sagt Jim Graham von BayTSP. Nur direkt nach jeder Klagerunde waren deutliche Rückgänge bei der Nutzung festzustellen. Für Jonathan Lamy, den Sprecher des Branchenverbandes RIAA, ist das Beleg genug: "Das beweist, dass die Abmahnkampagne funktioniert." Unstrittig ist zumindest, dass Web-Dienste zum Kauf von Musik Rekordumsätze verzeichneten – wenn auch oft ohne Gewinn.

Ob Klagen in Deutschland den gewünschten Effekt haben werden, ist ungewiss: Hiesigen Tauschbörsen-Nutzern steht kein mit den USA vergleichbares legales Angebot zur Verfügung. Zwar ist das Online-Geschäftsmodell der hiesigen Plattenindustrie namens Phonoline ein kleiner Fortschritt: Phonoline vertreibt die Musik nahezu aller deutschen Plattenfirmen; es kann von Online-Shops als Zulieferer genutzt werden und bietet insgesamt 250000 Musikstücke an, die zwischen 99 Cent und 1,49 Euro kosten, je nachdem, wie ein Plattenlabel den Preis für seine Songs festlegt.

Die Musikunternehmen diktieren den deutschen Online-Musikshops aber härtere Konditionen als jenen in den USA, sodass die Shops am Ende höhere Preise verlangen, weniger Auswahl bieten und den Kunden mit geringeren Nutzungsrechten gängeln. Deshalb hat die Handelskette Saturn, die außer Unterhaltungselektronik auch Musik-Downloads anbieten wollte, auf eine Zusammenarbeit mit Phonoline bislang verzichtet. Ein Saturn-Sprecher sagt dazu: "Als Entertainment-Spezialist möchte Saturn seinen Kunden einen perfekten Musik-Download-Shop bieten. Die Lösung von Phonoline entspricht derzeit noch nicht unseren Anforderungen."

Ein Wettbewerbsvorteil von Phonoline ist indes, dass die Technik des Unternehmens von der Deutschen Telekom stammt, sodass die Kunden ihre Musik einfach mit der Telefonrechnung bezahlen können. Seit dem Jahr 2002 gibt es zwar legale Online-Musikshops in Deutschland, zum Beispiel von Karstadt, Mediamarkt oder RTL, doch dort mussten die Kunden umständlich per Kreditkarte oder per Lastschrift abrechnen. Und das ist für viele Deutsche immer noch ein Grund, nicht im Internet einzukaufen.