Zum zweiten Mal binnen eines Jahrzehnts ist Nordkorea von einer gewaltigen Katastrophe heimgesucht worden – und zum zweiten Mal hat der wunderliche Eremitenstaat nördlich des 38. Breitengrades die internationale Staatengemeinschaft um Hilfe gebeten. Die Not lehrt bitten.

Die jüngste Katastrophe ereignete sich am Donnerstag voriger Woche, als in dem Städtchen Ryongchon nahe der chinesischen Grenze zwei Güterzüge zusammenstießen, die entweder Sprengstoff für die nördlichen Kohlenbergwerke oder Benzin geladen hatten. An die 200 Menschen kamen dabei ums Leben, über tausend wurden verletzt, rund 40 Prozent der Wohngebäude wurden zerstört; 10000 Menschen wurden obdachlos. Die 22 Millionen Nordkoreaner wurden noch mehrere Tage nach der Explosion über das volle Ausmaß der Katastrophe im Dunkeln gelassen.

Das Unglück auf der Strecke von Seoul nach Peking ereignete sich neun Stunden nachdem Kim Jong Il den Ort auf dem Rückweg von einem Staatsbesuch in Peking passiert hatte. Diese Tatsache gab Anlass zu der verwegenen Spekulation, jemand habe ein Attentat auf den 62-jährigen Spätstalinisten verüben wollen. Die meisten Korea-Fachleute halten dies jedoch für ausgeschlossen. Der apokalyptische Zug-Zusammenstoß geht eher auf die allgemeine Misere des Landes zurück: verrottete Eisenbahnen; veraltete, verfallene Industrieanlagen; durch Wassereinbruch zerstörte Kohleminen; eine ausgelaugte Landwirtschaft, die das eigene Volk nicht ernähren kann.

Wer je in Nordkorea herumgereist ist, kann ein Lied singen von Rost und Schrott, Mangel und Not. In den primitiven Krankenhäusern fehlt es am Allernötigsten: an Antibiotika, Verbandsmaterial, selbst an Aspirin. Der Herausforderung einer Katastrophe wie der von Ryongchon ist das System nicht gewachsen. Deswegen der Hilferuf.

Ganz ähnlich lief es vor neun Jahren schon einmal. In der beispiellosen Überschwemmungskatastrophe des Sommers 1995 wurden viele Kohlebergwerke unter Wasser gesetzt, Kraftwerke zerstört, Dörfer und Städte schwer beschädigt, Straßen und Eisenbahnstrecken unterspült. Seitdem hängt Nordkorea am Tropf des Auslands. In seiner Not rief das Regime die Hilfsorganisationen der Welt an.

Ihre Tätigkeit hat das Land auf subtile Weise verändert. In 162 von 204 Landkreisen liefern sie Lebensmittel, Medikamente, Saatgut, Kohle. Sie führen Impfaktionen für Kinder, Schwangere und Mütter durch; machen Kindergärten und Schulen winterfest; lehren Saatgutverbesserung und Wasserwirtschaft. In vorderster Reihe steht dabei die Deutsche Welthungerhilfe. Anfangs wurden die Helfer scheel angesehen. Mittlerweile wird ihr Wirken anerkannt. Ein Stück weit haben sie die Fensterläden zur Außenwelt aufgestoßen, die bisher verriegelt und zugenagelt waren.

Zaghaft hat Kim Jong Il Reformen des stalinistischen Wirtschaftssystems befohlen. Sehr weit sind sie bisher nicht gediehen. Einmal hat er den südkoreanischen Staatspräsidenten Kim Dae Jung in Pjöngjang empfangen. Der Dialog zwischen den feindlichen Brüdern stockt, doch er dauert an.