Europa war längst vor den Europäern ein Begriff. Die phönizischen Seeleute verwendeten ihn für den Sonnenuntergang. Vom Orient wanderte er in die griechische Mythologie. Realpolitisch zur Welt kam Europa mit seinem antiken Erbgut im Mittelalter. Die Muslime hatten ihren Anteil daran. Die damaligen Siegeszüge des Islams trugen dazu bei, dass sich das Weströmische Reich nach Norden verschob. Von dort aus machten sich Karolinger und Ottonen ans Werk, ihre Herrschaft auszudehnen. Europas frühe Väter hatten allerdings noch nicht im Sinn, eine vereinte Völkerfamilie zu gründen. Die Idee reifte erst allmählich, bis hin zur Aufklärung.

Es war Voltaire, der Europa 1751 als "eine Art große Republik" beschrieb, "verteilt in verschiedenen Staaten… Sie alle haben ihr gleiches Prinzip des öffentlichen Rechts und der Politik, unbekannt in anderen Teilen der Welt." Rousseau schwärmte: "Es gibt nicht länger Franzosen, Deutsche und Spanier oder auch Engländer, sondern nur Europäer." Hätten das 19. und 20. Jahrhundert nicht den Nationalstaat überhöht und verabsolutiert mit allen schrecklichen Folgen, wäre der Ökonom Friedrich List nicht so lange auf taube Ohren gestoßen. Er forderte schon 1820: "Welches Leben würde der Handel gewinnen, wenn die Landstraßen von der Ost- und Nordsee bis an das Adriatische Meer, von der Weichsel bis an den Rhein offen stünden!"

Steigen die Löhne, zieht die Karawane der Investoren weiter nach Asien

Nun endlich tun sie es – vom 1.Mai an für 455 Millionen Bürger aus 25 Ländern, darunter die 10 neuen Mitglieder der Union. Wie aber verhält sich der Alte Kontinent? Er gleicht auf den ersten Blick einem Jammertal. Freud- und ratlos stehen die meisten Menschen – junge Eliten ausgenommen – vor der größten Herausforderung in der Geschichte der EU. Der Widerspruch zwischen den politischen Versprechungen seit 1989 und der ökonomischen Wirklichkeit ist immer krasser geworden. Er paralysiert die Regierungen, wie in Polen, oder treibt sie zur Jagd nach Investoren ohne Rücksicht auf die Bevölkerungsmehrheit, wie in der Slowakei. Populisten lehnen dort und anderswo händereibend an den Toren zur EU.

Frankreich und Deutschland, vierzig Jahre lang die dominierenden Gladiatoren der Integration, leiden heute unter ihren moribunden Sozialsystemen. Kaum hat der Regierungswechsel in Spanien die Hoffnungen auf eine europäische Verfassung wieder grünen lassen, droht ihr das künftige Scheitern durch ein Referendum der Briten, denen die Europäer immer noch als Normannen erscheinen, mit Brüssel als Burgverlies. Und das große politische Schisma, in das islamischer Terror und amerikanische Kreuzzüge den Alten Kontinent gestürzt haben, werden auch die Glockenklänge zur Wiedervereinigung am 1.Mai nicht beenden.

Europa ist seiner nicht sicher. Die Völker stehen nicht Spalier. Integration ist kein attraktiver Event. Die politischen Ingenieure in Brüssel sind weder Heroen noch Talkmaster. Die EU-Erweiterung ist keine präsentable Glücksspirale. Die Mehrheit im Westen fürchtet materielle Einbußen, die Mehrheit im Osten existenzielle Verluste.

Die Verunsicherung ist verständlich. Nie zuvor hat die EU so viele und so arme Länder zugleich aufgenommen. Nie zuvor versuchten so viele Staaten in so kurzer Zeit aus freien Stücken, fremd gesetztes Recht, andere Gesellschaftsnormen, Wirtschaftsregulierungen, politische Kultur zu übernehmen. Die Bevölkerungen Ostmitteleuropas haben zum dritten Mal im Zeitraum einer Lebensspanne ihr Hab und Gut, ihre Löhne, Renten und Sozialleistungen neuen Ungewissheiten aussetzen müssen.

Ihre wichtigsten Glaubensartikel waren 1989 die Verheißungen des europäischen Sozialstaats. Er hatte dem Sozialismus die Legitimation genommen. Doch gerade als sich Europas Nachkriegsschicksal wendete und die östlichen Nachbarn auf den versprochenen Bonus hofften, war der Sozialstaat nicht mehr zu greifen. Die Westeuropäer verloren unter dem Druck von Globalisierung, Monetarismus und Finanzmärkten Mittel und Zeit, um den Schutz und die Chancengleichheit der Menschen in den postkommunistischen Ländern nachhaltig genug zu fördern.