Ponary, ein kleiner Ort, zehn Kilometer südlich von der litauischen Hauptstadt Vilnius, war bis Ende der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel. Doch nach der Besetzung Litauens durch die deutsche Wehrmacht Ende Juni 1941 wurde er zum Inbegriff des Schreckens. In einem nahe dem Orte gelegenen Waldgebiet wurden zwischen Juli 1941 und Juli 1944 insgesamt fast 100000 Menschen ermordet, darunter allein 70000 Juden aus Vilnius und Umgebung sowie zahlreiche sowjetische Kriegsgefangene und polnische Widerstandskämpfer. Noch unter sowjetischer Herrschaft waren hier seit Herbst 1940 riesige Gruben für eine geplante Heizöl-Tankanlage ausgehoben worden; sie dienten nun den neuen Herren als Exekutionsstätte. Die Opfer wurden in Gruppen an die Gruben herangeführt und dort von deutschen Todesschwadronen und ihren litauischen Kollaborateuren, Mitgliedern nationalistischer, paramilitärischer Freiwilligenverbände, erschossen.

 

Grauenvolle Szenen vor den Massenexekutionen

Natürlich war die deutsche Besatzungsmacht daran interessiert, den Massenmord geheimzuhalten. Doch schon früh kursierten, wie man dem Tagebuch der Mascha Rolnikaite entnehmen kann (ZEIT- Literaturbeilage vom Oktober 2002), im Ghetto von Vilnius Gerüchte über das, was in Ponary geschah. Und es gab, was die Nazischergen und ihre eifrigen litauischen Helfershelfer nicht wussten, einen heimlichen Augenzeugen am Orte selbst: den polnischen Journalisten Kazimierz Sakowicz. Am 11. Juli 1941 hörte er zum ersten Mal Schüsse aus dem unmittelbar an sein Haus angrenzenden Waldstück. Fortan beobachtete er vom Dachboden aus, wie nun Tag für Tag Lastwagen vorfuhren mit den Todgeweihten, wie Männer, bald auch Frauen und Kinder wie Schlachtvieh zur Hinrichtungsstätte geprügelt wurden, wie die Mörder Jagd machten auf Flüchtende, die den Erschießungskommandos zu entkommen suchten. Überdies zog er Erkundigungen ein, unter anderem bei Bahnangestellten, die die Deportationszüge nach Ponary dirigierten, und bei Bauern, die den jungen litauischen Mordschützen die Kleidungsstücke der Ermordeten abkauften.

Seine Beobachtungen notierte Sakowicz auf kleinen Zetteln und Kalenderblättern. Er steckte die Aufzeichnungen in Limonadenflaschen und vergrub sie in seinem Garten. Dort wurden sie nach der Befreiung Litauens durch die Rote Armee Mitte Juli 1944 gefunden. Der Tagebuchschreiber selbst erlebte die Befreiung nicht mehr. Er war wenige Tage zuvor von unbekannten Litauern angeschossen worden und kurz darauf seinen Verletzungen erlegen. Jahrzehntelang lagen seine Notizen mit dem Stempelaufdruck "unleserlich" im Zentralarchiv Litauen. Erst vor sechs Jahren gelang es einer Mitarbeiterin des Jüdischen Museums in Vilnius, der Holocaust-Überlebenden und jüdischen Widerstandskämpferin Rachel Margolis, die vergilbten Blätter zu entziffern. 1999 veröffentlichte sie das Tagebuch in einem kleinen polnischen Verlag, und erst jetzt ist eine deutsche Ausgabe erschienen, ebenfalls in einem kleinen Verlag.

Ohne Zweifel handelt es sich um eines der wichtigsten und zugleich entsetzlichsten Zeugnisse des Holocaust, die dank einiger glücklicher Umstände auf uns gekommen sind. Die grauenvollen Szenen, die sich vor den Gruben abspielten – sie sind nirgendwo so direkt, aus dem unmittelbar Erlebten und Gehörten beschrieben worden, sofern sich das Inferno überhaupt beschreiben lässt. Die Feder sträubt sich, aus diesem Tagebuch zu zitieren. Man muss es lesen, Zeile für Zeile, und wird sich dabei wieder und wieder die Frage stellen, wie das möglich war – dieser völlige Verlust jeder humanen Regung, dieser vollkommene Abbau jeglicher Tötungshemmung aufseiten der deutschen Täter und ihrer litauischen Handlanger.

Die Eintragungen brechen mit dem 6. November 1943 ab; das Morden aber ging weiter, in Ponary und an anderen Orten. Von den 200000 litauischen Juden überlebten nur wenige tausend die deutsche Schreckensherrschaft.

In Litauen war der Holocaust und die höchst aktive Rolle, welche die eigenen Landsleute dabei gespielt hatten, lange Zeit ein Tabuthema. Man sah sich selbst gern als Opfer – und zwar der stalinistischen Repression. Erst nach der Unabhängigkeit 1991 hat sich hier ein Wandel vollzogen. Litauische und deutsche Historiker haben gemeinsam damit begonnen, das düsterste Kapitel der gemeinsamen Geschichte aufzuarbeiten.

Woher die große Bereitschaft zur Kollaboration?