Holocaust Protokoll der HölleSeite 2/2

Eine erste Frucht dieser Bemühungen ist nun das Buch Holocaust in Litauen . Es versammelt achtzehn Beiträge deutscher, litauischer und amerikanischer Wissenschaftler, darüber hinaus vier Erinnerungsberichte von überlebenden litauischen Jüdinnen und Juden. Ein Aufsatz widmet sich auch der Mordstätte Ponary (Christina Eckert), doch das Themenspektrum umfasst den gesamten Prozess der Ermordung der litauischen Juden – von den ersten 14 Tagen im Juni 1941, als die deutschen Truppen von den meisten Litauern begeistert als „Befreier“ begrüßt wurden (Joachim Tauber), über die deutsche Besatzungspolitik (Christoph Dieckmann), die enge Kooperation zwischen Wehrmacht und Einsatzgruppen (Kim C. Priemel), die Rolle der litauischen Sicherheitspolizei und der Hilfspolizeibataillone (Michael MacQueen, Arunas Bubnys), Leben und Sterben im Ghetto Kaunas (Alexander Neumann), den jüdischen Widerstand im Ghetto von Vilnius (Petra Peckl) bis hin zu den unzulänglichen Versuchen nach 1945, der Mörder habhaft zu werden (Martin Dean). Zwei biografische Beiträge befassen sich mit zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, zum einen mit dem Leiter des Einsatzkommandos3 SS-Standartenführer Karl Jäger, einem der fürchterlichsten Exekutoren des Holocaust (Wolfram Wette), zum anderen mit dem Feldwebel Anton Schmid, der Juden in Vilnius das Leben rettete und dafür sein eigenes hergab (Arno Lustiger).

In ihrer Einleitung betonen die Herausgeber zu Recht, dass an der „klaren und ausschließlich deutschen Verantwortung für die Morde“ nicht zu rütteln sei. Diese Tatsache entbinde die litauische Geschichtsschreibung jedoch nicht von der Verpflichtung, die ungewöhnlich große Bereitschaft ihrer Landsleute, den Deutschen beim Morden zur Hand zu gehen, zu erforschen und dem breiten Publikum bekannt zu machen. Dass es hier noch manche Widerstände zu überwinden gilt, macht ein aufschlussreiches Resümee Litauische Historiographie über den Holocaust in Litauen (Liudas Truska) deutlich.

Aber keine Frage: Nach ihrem Beitritt zur Europäischen Union am 1. Mai werden die baltischen Staaten nicht darum herumkommen, sich mit ihrer Mittäterschaft am nationalsozialistischen Judenmord offen und kritisch auseinander zu setzen. Jedenfalls wird der Verweis auf die Leiden unter der sowjetischen Herrschaft nicht mehr als Entschuldigung dafür herhalten können, der Frage nach der Kollaboration mit den deutschen Besatzern und dem eigenen Anteil am Holocaust aus dem Wege zu gehen. Insofern hat der Eklat um die Rede der ehemaligen lettischen Außenministerin Sandra Kalniete auf der Leipziger Buchmesse bereits klärend gewirkt.

Rachel Margolis/Jim G. Tobias (Hrsg.): Die geheimen Notizen des K. Sakowicz Dokumente zur Judenvernichtung in Ponary; Antogo Verlag, Nürnberg 2004; 140 S., 12,80 €Die geheimen Notizen des K. SakowiczGeschichte | NationalsozialismusSachbuchDokumente zur Judenvernichtung in PonaryJim G. Tobias (Hrsg.), Rachel MargolisBuchAntogo Verlag2004Nürnberg12,80140Vincas Bartusevicius/ Joachim Tauber/Wolfram Wette (Hrsg.): Holocaust in Litauen Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941; mit einem Geleitwort von Ralph Giordano; Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2004; 337 S., 34,90 €Holocaust in LitauenGeschichte | Nationalsozialismus | HolocaustSachbuchmit einem Geleitwort von Ralph GiordanoWolfram Wette (Hrsg.), Joachim Tauber, Vincas BartuseviciusBuchBöhlau Verlag2004Köln/Weimar34,90337
 
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