Physik ätzt!", steht an einer Klotür auf dem Campus der Universität Bremen. Ein Herr im schwarzen Samtjackett mit aufgenähten Glitzerpailletten und Zebra-Fell am Kragen ist da anderer Meinung. Für Marcus Weber ist Physik Spannung und Unterhaltung. Weber ist nicht nur Physiker, sondern auch Comedian und Unternehmer – ein "Physikant". Eine genauere Berufsbezeichnung gibt es nur auf Neudeutsch: Der Herr im schillernden Outfit ist Edutainer. Er verkauft hauptberuflich Physikunterricht als Show.

Im Veranstaltungsraum des Bremer Wissenschaftsmuseums Universum ist es eng. Neben 150 Menschen müssen noch ein bis zwei Tonnen Ausrüstung Platz finden. Am Rand stapeln sich Kisten mit Computern, ein sechs Meter langes Edelstahlrohr bohrt sich von links in die Mitte. Eine Videoleinwand, ein Kontrabass, daneben eine Artischocke und eine Gießkanne. Aus dem Hintergrund tönt We Will Rock You.

"Physik zum Entspannen" steht auf dem Programm. Dabei ist der Inhalt wissenschaftlich hartes Brot: Schallausbreitung, Wellentheorie, Videorückkopplung und fraktale Muster. Doch für all jene, die zwar Interesse, aber keine Ahnung haben, verpacken die Physikanten die Inhalte in eingängige Effekte. Bei ihnen geht es um Musik, Feuer und La-Ola-Wellen – gepaart mit Jonglagen, Taschenspielertricks und Sound-Effekten.

Der selbstähnliche Wollpullover

Wenn Marcus Weber die Bühne betritt, verwandelt eine Hornbrille den schlaksigen Blonden in den holländisch radebrechenden Unterhalter Herrn Schwupp, eine Mischung aus Joachim Bublath und Rudi Carrell. Warum braucht man Holländisch zur Physikvermittlung? "Keine Ahnung", sagt Weber, "das fühlt sich irgendwie besser an." Spricht’s, schiebt den Unterkiefer vor und stößt ein einfältiges Grunzen aus. Der Klamauk kann beginnen. Neben Herrn Schwupp steht Doktor Blume. Der Physiker Stefan Heusler übernimmt in Bremen den seriösen Part, denn wie Weber festgestellt hat, wird Physik "im Dialog lustiger. Ohne den Weißclown wirkt auch der mit der roten Nase nicht." Doktor Blume scheint es nicht so ganz geheuer zu sein, was da mit der ehrwürdigen Physik passiert – gleich zu Beginn erbittet er Absolution. Ein Blick zu Boden, ein Hüsteln: Verzeih uns, liebe Wissenschaft!

Denn um das Publikum bei Laune zu halten, sind viele Mittel recht. Weber pumpt sich Schwefelhexafluorid in die Lungen und röhrt mit einer zwei Oktaven tieferen Stimme Rocksongs. Lerneffekt: In schwerem Gas ist die Schallausbreitung langsamer. Danach folgt ein Kopfstand, um das schwere Gas wieder aus der Lunge zu kriegen. Nächster Auftritt: Die Artischocke zeigt, was ein natürliches Zufallsmuster ist – eines, das sich sowohl auf großer als auch auf kleiner, atomarer Skala ähnlich sieht. Selbstähnlichkeit sagen dazu ernsthafte Wissenschaftler. Und was sagt Weber? "Das ist ein Wollpullover, den man zu heiß gewaschen hat: kleiner als vorher, aber sich selbst ähnlich." Glucksen im Publikum, die Pointe sitzt.

Die Idee des Edutainments ist nicht neu. In den angelsächsischen Ländern haben sich die Science-Entertainer längst zu Verbänden zusammengeschlossen. Die british interactive group versucht seit Jahren, Museumsplaner, Edutainer, Künstler, Artisten und Wissenschaftler zusammenzubringen, vermittelt Kontakte, organisiert Messen und veröffentlicht Ideen, wie einem normalen Publikum Wissenschaft schmackhaft gemacht werden kann. Von einem derartigen Umfeld können die Physikanten aus Dortmund nur träumen.

Doch auch in Deutschland kommt die Wissenschaftsunterhaltung in Mode. Der promovierte Chemiker Andreas Korn-Müller ist mit Shows und Knalleffekten unterwegs und führt Farbumschläge, organische Komplexmoleküle und Slapstick vor. Der Mediziner Eckhardt von Hirschhausen tourt mit seiner Approbationsurkunde in der Tasche seit neun Jahren als Comedian über die Kleinkunstbühnen. Motto: "Lachen ist die beste Medizin." Der gebürtige Hesse ist mittlerweile Träger diverser Kleinkunstpreise und moderiert Gesundheitsshows im Fernsehen.