Sind Historiker, Germanisten und Philosophen an ihrer Misere selbst schuld? Sollten sie ihren gesellschaftlichen Gebrauchswert ausweisen? Diese Fragen sind in der vergangenen Woche im Feuilleton der ZEIT (Nr. 18/04) kontrovers diskutiert worden. Wir setzen die Debatte mit einem Beitrag von Norbert Frei fort, Historiker an der Ruhr-Universität in Bochum und derzeit Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen

Ulrich Greiner hat ja so Recht: Die Geisteswissenschaften müssen sich aus der Abwärtsspirale der permanenten Selbstrechtfertigung befreien und zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein zurückfinden. Wie aber soll das gehen in Zeiten, in denen die Legionäre der grassierenden Nützlichkeitsideologie aus vollen Rohren schießen? Was hilft ein solcher Rat, wenn im selben ZEIT-Feuilleton Martin Spiewak einen Aufmacher platzieren kann, dessen Klischeefülle nur von der Menge seiner Krokodilstränen überboten wird? Dabei ist, was als Auftakt einer seitenlangen Inspektion der geisteswissenschaftlichen Fächer verstanden werden will, nur ein neues Exempel jenes wuchernden Populismus, dem leider auch die ZEIT mitunter nachgibt. Vor Jahren schon beglückte uns die Wissenschaftsredaktion mit den Enthüllungen eines amerikanischen Universitätsmanagers, der angelegentlich seiner Durchreise festgestellt hatte, dass die faulen deutschen Professoren für acht Stunden Arbeit pro Woche fürstliche Gehälter einstreichen.

Nun, vom nächsten Wintersemester an, dürfen wir in NRW neun statt acht Semesterwochenstunden lehren, und unsere Apanagen sind, wie im gesamten öffentlichen Dienst des Landes, bereits via letztem Weihnachtsgeld gekürzt.

Andere Bundesländer werden diese mutige Innovation zu überbieten suchen: natürlich im Einsatz für noch mehr "Qualität in Forschung und Lehre".

Wer in der Lage ist, die deutsche Hochschul- und Bildungspolitik ohne Sarkasmus zu kommentieren, der muss ein Zyniker sein oder blind. Seit Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hält man es in diesem Staat für richtig, an den Ausgaben für Bildung zu sparen. Der Stagnation bis Mitte der achtziger Jahre folgte die Regression, die seitdem andauert. Inzwischen sind wir im Westen wieder dort angekommen, wo der bildungspolitische Aufbruch in den Sechzigern begann: bei deutlich unter 4 Prozent der öffentlichen Ausgaben. Für die Hochschulen bedeutet das 0,6 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt.

Entsprechend sehen die Universitäten aus. Meine in Bochum erinnert mittlerweile an die Innenstadt von Kabul, das hat sogar die Landesbauverwaltung erkannt. Nun wurde ein Sanierungsprogramm annonciert, das auf ein volles Jahrzehnt angelegt ist. Damit wird, wenn es denn "gut" geht, die äußerliche Wiederherstellung dieser ersten Neugründung in der Geschichte der Bundesrepublik fast doppelt so lange dauern wie ihre Errichtung auf der grünen Wiese vor 40 Jahren.

Wer über die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen nicht reden will, der sollte von Eliteuniversitäten und Reformen schweigen. Aber die Kosten-Killer schwadronieren - und verraten sich: Dass ein "kultureller Kanon" nicht mehr existiere, registrieren sie mit Genugtuung - dass Wissenschaft "etwas nützen" muss, davon sind sie überzeugt. Und 20 000 "Mitarbeiter für 'geisteswissenschaftliche Angelegenheiten'" in einem 80-Millionen-Volk sind ihnen im Grunde zu viel.