Wenn er aus seinem Bürofenster sah, hatte er die Konkurrenz direkt vor der Nase. Nur wenige hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite der Seine, liegt das Pariser Gebäude von Aventis. Lange schon hat der Anblick Jean-François Dehecq gereizt. Immer wieder dachte der Chef von Sanofi-Synthélabo über die Frage nach, wie sich die beiden Pharmaunternehmen ergänzen würden. Er dachte sogar laut, und das auch noch in Gegenwart der Kollegen von gegenüber. Doch die Nachbarn hielten ihn hin, sie träumten vom Weltmarkt, für sie war er nur der kleinere Wettbewerber vom anderen Ufer.

Sie haben ihn gewaltig unterschätzt. Das war ein Fehler. In den Medien war er kaum in Erscheinung getreten. Und als er sich Ende Januar an die Öffentlichkeit wandte, um sein Übernahmeangebot zu verkünden, stellten sie erstaunt fest, dass er sich zum Mikrofon hinunterbücken muss. Zwei Meter, zwei Zentner – wie kann man so einen übersehen und mit ihm ein ganzes Unternehmen? Zumal es sich bei Sanofi auch noch um eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der Pharmabranche handelt.

"Wenn die Politik dabei hilft, das größte europäische, Pharmaunternehmen zu schaffen, dann ist diese Politik nicht schlecht."
Sanofi-Chef Jean-François Dehecq

Binnen 30 Jahren hat der gelernte Mathematiklehrer Dehecq das Unternehmen quasi aus dem Nichts erschaffen. Fast 300 Firmen hat er dabei miteinander verschmolzen. Und seit dem Wochenende ist klar: Jetzt ist Aventis dran. Zusammen werden die beiden Firmen auf Platz drei der Pharma-Weltrangliste aufrücken. So weit nach oben hat es noch nie ein französischer Arzneihersteller geschafft. Dem Charme dieser Aussichten erlagen schließlich sogar die Aventis-Manager – wenn auch nicht ganz freiwillig.

Drei Monate lang hatten sie versucht, den kleinen Angreifer mit Anwälten und Alternativangeboten abzuschrecken. Doch Sanofi war längst nicht mehr so klein und provinziell, wie sie dachten. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen genauso viel Gewinn wie Aventis – allerdings mit halb so vielen Mitarbeitern und der Hälfte des Umsatzes.

Taktisch war Dehecq der Gegenseite von Anfang an überlegen, auch wenn man das bei Aventis nicht wahrhaben wollte. Der Mann, der zu offiziellen Anlässen den Orden der französischen Ehrenlegion trägt und gut mit Präsident Jacques Chirac befreundet ist, hatte nämlich schon im Vorhinein die Politik für seinen Plan begeistert. Als er dann Ende Januar sein Übernahmeangebot machte, wusste die Regierung längst Bescheid und spendete umgehend Beifall. "Frankreich benötigt starke Unternehmen, die auf dem Weltmarkt konkurrieren können", lobte der damalige Wirtschaftsminister Francis Mer.

Bei einer Kabinettsumbildung kurz darauf büßte Mer zwar sein Amt ein. Doch auch danach konnte sich Dehecq auf das Ministerium verlassen, das in Paris direkt neben Aventis steht und sich über den Fluss in Richtung Sanofi zu beugen scheint. Dem architektonischen Omen konnte sich offenbar auch der neue Wirtschaftsminister nicht entziehen. Als vergangene Woche der Schweizer Wettbewerber Novartis den innerfranzösischen Deal bedrohte, verschwendete Nicolas Sarkozy keine Zeit. Wenn Aventis an die Schweizer fiele, so fürchtete er, wäre auch Sanofi nicht im Land zu halten.

Keine ganz unberechtigte Sorge. Schließlich hatten die Sanofi-Eigner bereits signalisiert, dass sie ihr Unternehmen auch verkaufen würden. Und manche aus der Pharmabranche sind immer auf Schnäppchenjagd, wie Pfizer aus den USA oder GlaxoSmithKline aus Großbritannien. Erst Aventis, dann Sanofi: Womöglich hätte Frankreich beide Unternehmen auf einmal verloren. Das wollte der Wirtschaftsminister nicht riskieren. Noch bevor Novartis konkret werden konnte, bestellte er die beiden französischen Pharmachefs zu sich. Das war am Freitag. Und am Sonntag lag den Aventis-Aufsichtsräten ein aufgebessertes Angebot vor, das diese umgehend annahmen.