Es hat mal wieder Zoff gegeben auf der Weide. Mr. Softee, elf Jahre alt, hornlos, Wollfarbe hell, hat sich mit Red Balls angelegt und wie üblich den Kürzeren gezogen. Bei dem Versuch, seinen Angstgegner aus dem Weg zu rempeln, ist er von diesem übel gerammt worden – Frust, Schmerz, Stress bei Mr. Softee. Auf der Suche nach ein bisschen Trost hat er dann seinen Freund Charles wiederkäuend unter einem Baum entdeckt und seinen Kopf an dessen Wange geschmiegt. So verharren die beiden ein paar Minuten lang, bis Mr. Softee sich beruhigt hat. Schließlich blicken seine Augen glasig-friedlich, die Ohren kippen entspannt nach vorn, und um das Maul deutet sich ein kleines Lächeln an.

Freundschaft unter Herdentieren? Bauern, Viehhirten und Herdenhalter kennen dieses Phänomen längst, bei Schafen wie bei Pferden oder Rindern. Und sie tragen ihm Rechnung, wenn sie klug sind, etwa indem sie befreundete Tiere nicht ohne Grund voneinander trennen – schon um des lieben Herdenfriedens willen. Wissenschaftlich unumstritten aber, also klipp und klar nachgewiesen, ist Tierfreundschaft bislang nur unter Primaten. Den Equiden und Boviden wird diese Fähigkeit zumeist abgesprochen. Hier von Freundschaft zu sprechen gilt als unzulässige Vermenschlichung.

Nun wird die Wissenschaft umdenken müssen. Die Marburger Biologin Anja Wasilewski hat in einer an die 300 Seiten starken Dissertation nachgewiesen, dass es sie tatsächlich gibt, die Soziopositiven Beziehungen zwischen nicht-verwandten artgleichen Herdenmitgliedern. Dieser Nachweis gelang ihr, indem sie über zwei Jahre hinweg zehn Pferde-, Esel-, Rinder- und Schafherden mit insgesamt 234 Tieren auf 1500 Hektar südenglischem Weideland untersuchte.

Doch bevor die Nachwuchsforscherin überhaupt einen Fuß auf Wiese oder Koppel setzte, galt es, eine grundsätzliche Frage zu beantworten. Was ist Freundschaft überhaupt? So versenkte sie sich zunächst in die umfangreiche (menschliche) Freundschaftsforschung, um schließlich mit folgender, am Schluss ihres ersten Kapitels formulierten Definition wieder aufzutauchen: "Freundschaft bezeichnet freiwillige und reziproke, nicht-sexuell motivierte, soziopositive Bindungen zwischen nicht-verwandten Individuen. Sie ist primär dyadisch und besitzt für beide Beteiligten einen subjektiven Wert. Die Freundschaftsbeziehung ist durch positiven Affekt (Sympathie) gekennzeichnet und äußert sich in einer beständigen interindividuellen Präferenz." Das passt, meint die Autorin, "sowohl auf zwischenmenschliche wie auf zwischentierliche Beziehungen".

Um solche Beziehungen aufzuspüren, zog Wasilewski die aus der Verhaltensforschung bekannten Indikatoren für gesellschaftliches Herdentierverhalten heran, als da sind: Häufigkeit der räumlichen Nähe und der soziopositiven Interaktionen wie soziale Fellpflege, Körperkontakt beim Ruhen und Futterteilen sowie Besonderheiten beim Koten und Harnen. Dabei schloss die Zusammensetzung der Herden – eine rein weibliche Rinderherde, eine reine Schafbockherde, alle männlichen Exemplare der Pferde- und Eselherde kastriert – sexuell motivierte Bindungen aus. Eventuelle homosexuelle Schwingungen wurden im Test nicht berücksichtigt.

Der Aufwand, mit dem die Untersuchungen durchgeführt wurden, ist imponierend. Methodisch wurde alles aufgefahren, was der wissenschaftliche Apparat hergibt. So wurde spontanes Tierverhalten mit verschiedenen Sampling- und Recording-Methoden erfasst, für die Datenverarbeitung ein eigenes Computerprogramm entwickelt und die abschließende statistische Bearbeitung mittels multivarianter Verfahren wie Cluster-Analyse und Mantel-Test vorgenommen. Jedes Einzelne der 234 Tiere wurde zunächst einmal seines Namens beraubt (um das Risiko der Vermenschlichung zu meiden); aus Mr. Softee, Charles und Red Balls wurden T5, R2 und R1. Dann bekam jedes Exemplar einen detaillierten Steckbrief – eine regelrechte Körperskizze, die zum Beispiel bei Kühen die einzigartige schwarz-weiße Zeichnung oder etwa bei Eseln die Form und Länge der Schulterstreifen wiedergab. Fellwirbel, Huffarbe, Blessen, Hörnerlängen wurden verzeichnet, um die Tiere genau auseinander halten zu können. Tabellen mit Verhaltensweisen ("grast", "geht", "liegt", "steht") und deren Varianten ("liegt und käut wieder", "geht mit gesenktem Kopf") wurden angelegt, Hunderte von Pferde- und Eseläpfeln mit kleinen Fähnchen versehen, auf denen der Name des Produzenten sowie Datum und Uhrzeit des Absetzens vermerkt wurden. Die Gesamtbeobachtungszeit belief sich auf 2400 Stunden.

Die Mühe hat sich gelohnt. Das Ergebnis bestätigt und übertrifft die Erwartungen. Alle untersuchten Huftierarten erfüllten die Kriterien der Freundschaftsdefinition. Die meisten befreundeten Tiere blieben über den gesamten Untersuchungszeitraum beieinander. Allerdings sind die Herden unterschiedlich sozialisiert. Pferde und Schafe bilden innerhalb des Verbandes mehrere separate Cliquen, während Esel und Rinder in homogenen Herden leben, in der die Esel enge Zweierfreundschaften pflegen, während die Rinder sich auch schon mal als Dreierteam zusammenfinden.

Knabbern baut die Bindung auf