Am Wochenende gibt’s am Main ein Fest: Würzburg lässt Würzburg hochleben – auf die nächsten dreizehnhundert Jahre! Indessen hat die fröhliche Selbstfeier schon begonnen. Auf der Veste Marienberg hoch über Stadt und Fluss, in den Räumen des Mainfränkischen Museums, lädt eine festliche Ausstellung zur Kunst des Tilman Riemenschneider, des genialen und nahezu folglich tragischen Künstlers, des Rembrandt von Würzburg sozusagen. Dabei war der fürsichtige ersame meyster gar kein Franke, sondern ein Norddeutscher. In Heiligenstadt im Eichsfeld ist er geboren, um 1460, im Harzstädtchen Osterode aufgewachsen. Zum Bildhauer wird er am Oberrhein, vielleicht auch in Ulm, da rätseln die Experten. Erst 1483 lässt er sich als Geselle in der prächtigen Bischofsstadt nieder, zwei Jahre später ist er allhier Ehemann und Meister. Die Aufträge fliegen ihm zu, die Werkstatt wächst, alles will Riemenschneider-Madonnen und -Heilige, ganze Altäre, Grabmale.

Was nur ist das Geheimnis seiner Kunst? Was lockt die Menschen in Scharen respektive Bussen nach Creglingen, wo der berühmte Marienaltar steht, oder nach Rothenburg, zu Riemenschneiders Letztem Abendmahl? Sind es die sublimen Gesten, tiefen Blicke? Aber wie blicken sie eigentlich, seine Gesichter? Tatsächlich nur innig und schmerzlich, nicht ganz von dieser Welt? Oder ist da noch etwas anderes, das den besonderen Reiz dieser Gottes-, dieser Menschen-Bilder ausmacht?

Für die Ausstellung zeichnet die Kunsthistorikerin Claudia Lichte verantwortlich, zusammen mit ihrer Kollegin Iris Kalden-Rosenfeld hat sie das Konzept entworfen. Die Schau fordert zum konzentrierten Streit über jedes Werk auf: eigenhändig oder Werkstatt, ursprünglich gefasst, also farbig bemalt, oder holzsichtig; Riemenschneider ist einer der Ersten, die der Gestalt allein durch die Bearbeitung der Oberfläche des Holzes Seelenfarbe geben. Dazu bietet die Schau Einblicke in den Arbeitsprozess, zeigt die Werkzeuge und das Material. Schon in der Eingangshalle begrüßt den Besucher lautes Gespechte. Hier demonstriert der Holzbildhauergeselle Klaus Hildenbrand mit dem Schnitzeisen in der Hand frei nach Karl Valentin, dass Kunst schön ist, aber leider viel Arbeit macht.

Um die Riemenschneider-Plastiken aus eigenem Bestand, und das sind nicht wenige, versammelt das Museum ausgewählte Leihgaben aus aller Welt. Die Werke seiner Blütezeit, das ist der Titel, stehen im Mittelpunkt (nachdem man sich 1981 bereits der Anfänge des Meisters angenommen hat). Aber wenn auch hier nicht immer letzte Sicherheit herrscht, wann er oder seine Werkstatt was geschaffen hat, muss daran erinnert sein, wie komplett vergessen er ganze Zeitalter hindurch war. Es ist heute schwer zu glauben: Erst das 19. Jahrhundert entdeckte ihn wieder, identifizierte seine Kunst. Zugleich verklärte es, was sich von Riemenschneiders Leben rekonstruieren ließ, ins Lockige, Künstlerromanhafte.

Der Mann, den es offensichtlich in die Politik zieht, der hohe kommunale Ämter übernimmt, zeitweilig Bürgermeister ist (und sich auch um den städtischen Ziegenhirten kümmert, dessen Geißen einen Weinberg verwüstet haben), scheitert tatsächlich hart. Im Bauernkrieg stellt er sich 1525 gegen Würzburgs Herrn und Bischof, versucht mit, der Stadt die Unabhängigkeit zu gewinnen, wird gefangen genommen, gefoltert, seines Vermögens beraubt. Zwar werden ihm nicht, wie die Legende es will, die Hände gebrochen, doch seine Karriere ist zu Ende; bis zu seinem Tod 1531 hat er kein bedeutendes Werk mehr geschaffen. "Es zwang ihn", mutmaßte noch Thomas Mann 1945, "herauszutreten aus seiner Sphäre rein geistiger und ästhetischer Kunstbürgerlichkeit und zum Kämpfer zu werden für Freiheit und Recht."

Mythos, keine Frage. Und doch ist es vielleicht genau das, was seiner Kunst ihre besondere Kraft, Anziehungskraft gibt: ein Selbstbewusstsein, das, bei aller Frömmigkeit, die Stille seiner zart entrückten Körper durchscheint. Vom Trauernden Johannes (1490) – bis zu der hinreißenden Madonna aus Washington (1521/22): im überlangen Gewand, das Kind auf die Hüfte gestützt, fast lässig, wie aus der Küche tretend, mit nassen Händen, und irgendwie ein bisschen genervt von diesem kleinen Kerl, der wieder einmal Gott spielen muss.

Schon Riemenschneiders enthusiastische Wiederentdecker im 19. Jahrhundert mögen das Moderne gefühlt haben, als sie ihn zu einem Renaissance-Genie stilisierten und dem beschädigten Arm seines lebensgroßen Stein-Adams für die Würzburger Marienkapelle als Prothese die Hand des David von Michelangelo anflicken ließen. Ein drolliger Einfall, nicht ohne Reiz.

Denn im Spätherbstlicht des Mittelalters erscheint uns Riemenschneiders Mensch seltsam gegenwärtig. Der tote Leib Christi zeigt Muskeln, über die Unterseite des Armes laufen präzise die Adern, neben der heiligen Seitenwunde liegt anatomisch korrekt der sehr irdische Bauchnabel: Menschensohn. Finger schieben sich in ein Buch – Riemenschneiders Bücher! –, die Hände befreien sich aus den Gesten der Demut. Oder jene unbekannte Heilige von 1500 (Landesmuseum Hannover): Eher prüfend blickt sie als gläubig. Zweifelt, schätzt ab, das Risiko kalkulierend. Ein Nein? Ein Ja? Lauscht zur Seite, sich bedenkend, sich leise wappnend, mit unmerklich geschürzten Lippen, in Erwartung der Antwort.