US-Energiepolitik Bohren, graben, holzen
George W. Bush hat eine neue Verwendung für die Rocky Mountains gefunden. Seine Regierung will ran an die Bodenschätze von Montana und Wyoming. Die Umweltschützer sind entsetzt
Um seinen Feind zu finden, musste Rick Bass sich bis ans Ende Amerikas zurückziehen. Dorthin, wo seine Nachbarn Bieber, Bären und Berglöwen sind und der Besuch des Postboten ein Ereignis ist. Er kam, um in der Einsamkeit Gedichte und Novellen zu schreiben. Und er bleibt, um Petitionen und Protestbriefe abzufeuern. Über seinen Feind sagt er Sätze, die nur einem Dichter einfallen: „George Bush ist der Midas der Moderne. Bloß dass nichts, was dieser König berührt, zu Gold wird. Stattdessen ist alles der Vernichtung geweiht.“
Bass presst seine Worte hervor. Er ist außer Atem. Die Wanderung dauert schon zwei Stunden. Steil geht es bergan. Der Wald ist dicht, der Pfad überwuchert. Bass steigt voran. Ein hagerer Mann von Mitte vierzig, kein Gramm Fett. Auf dem Kopf eine Baseball-Kappe, auf dem Rücken ein abgegriffener Rucksack. Gelegentlich bleibt er stehen, erklärt Farn und Moos und Baum. Einmal zeigt er auf Blaubeerbüsche und sagt: „Bärenfutter.“ Er nickt zufrieden. Verspricht eine gute Ernte für die Grizzlys dieses Jahr.
Um Rick Bass zu treffen, muss man lange reisen. Erst in den Nordwesten Montanas fliegen, dann durch die Rocky Mountains in Richtung Kanada fahren. Alle hundert Kilometer taucht eine Siedlung auf, zuletzt Libby. Dort geht es rechts ins Yaak-Tal. Die Straße verengt sich, sodass die Tannenspitzen sich über dem Asphalt berühren. Zunächst ist es wie im Märchenwald, eine dunkle Wunderwelt. Doch dann wird es langweilig. 60, vielleicht 80 Kilometer kein Haus, keine Lichtung, kein Blick in die Berge. Nur Bäume, nichts als Bäume. Die Monotonie der Wildnis.
Auch die Wanderung durch dieses Dickicht wäre eintönig, hätte nicht unten an der Straße ein Schild gewarnt: „Vorsicht! Grizzly-Gebiet!“ Das verändert alles. Man ist ständig auf der Hut, achtet auf jedes Geräusch. Am Rucksack hängt ein Glöcklein, um Bären zu verschrecken. Drinnen steckt, für alle Fälle, ein Pfefferspray, das der Grizzly ins Gesicht kriegt, falls er zu nahe kommt. Rick Bass findet poetische Worte, Angst hat er nicht. „Diese Gegend ist die Arche Noah des Nordens. Seit der Eiszeit ist hier nichts ausgestorben, keine Pflanze und auch kein Tier.“ Tatsächlich sind die Cabinet-Yaak Berge die einzige Gegend außerhalb von Nationalparks, in denen noch Grizzlybären leben. Viele sind es nicht mehr. 30, schätzt die Jagdbehörde. 13, fürchten die Umweltschützer. Jedenfalls so wenige, dass in der Zeitung steht, wenn mal jemand so ein Vieh sieht. Einige haben, als seien es alte Freunde, Namen erhalten. Sie heißen Marie und Lenny, Jake und Grandma.
Der Bergrücken des Clay Mountain ist der einzige Ort der ganzen Region, der die Sicht freigibt. Nur ein paar Krüppelkiefern wachsen hier. Oben angekommen, weist Rick Bass nach Süden: „Dort hinten in die Flanke wollen sie die Silber- und Kupfer-Mine reinrammen.“ 10.000 Tonnen Erz am Tag, neue Straßen, Lastwagenkonvois, 35 Jahre lang. „Hat George Bush erlaubt. Genau an der schmalsten Stelle des Migrationskorridors.“ Bass sieht in der Grubenerlaubnis eine raffinierte Militär-Strategie: Erst „einkreisen“ und „Nachschubwege abschneiden“, dann „angreifen“ und „vernichten“. Am Ende „sind die Grizzlys tot, ganz sicher“. Es ist noch nicht lange her, da hatte ein anderer Präsident erklärt, die Grizzlys dürften nicht sterben. Der Präsident ließ erstmals Bären in die Yaak-Berge importieren, vier Weibchen aus Kanada. Dieser Präsident hieß Bush. Sein Sohn findet zwölf Jahre später, Amerikas größte Mine und Amerikas kleinste Grizzly-Population würden sich bestens vertragen. Klarer könnte ein Kurswechsel nicht sein.
George W. Bush meint ohnehin, Ökonomie und Ökologie harmonierten bestens. Wenn man nur die Balance zwischen beiden wieder herstellte und wegkäme vom Umweltradikalismus, wie ihn nach dieser Lesart die Demokraten vertreten und besonders deren Präsidentschaftskandidat John Kerry, der vergangenen Donnerstag der Bush-Regierung anlässlich des „Tags der Erde“ eine „verschmutzerfreundliche Politik“ vorgeworfen hat.
Sein Ansatz, so nimmt der Präsident für sich in Anspruch, sei geprägt vom „gesunden Menschenverstand“. Der gebietet offenbar, sich zu verabschieden von komplizierten Umweltschutz-Vorschriften, endlosen Umweltverträglichkeitsprüfungen und dem ganzen bürokratischen Gedöns. Seit George Bushs Amtsantritt wird es zunehmend leichter, Schmutz in Flüsse einzuleiten, Abgase in die Luft zu pusten, Wege in die Wildnis zu schlagen, Holz zu fällen, nach Öl zu bohren, Gas zu fördern und Erz abzubauen. Ohne durch allzu viele Gesetze stranguliert zu werden, soll die Industrie nach eigenem Gutdünken in moderne und umweltverträgliche Technik investieren. So seien die verbliebenen Gesetze besser durchsetzbar. Und am Ende profitiere auch die Umwelt. Es herrscht das Prinzip Freiwilligkeit.
Auf dem Weg ins Tal erzählt Rick Bass, wie er vor Jahren mit seiner Frau im Yaak eintraf, mit einem zerbeulten Pick-up-Truck aus Mississippi kommend, keine lange Unterhose, dafür den Traum vom Schriftsteller im Gepäck. Er kaufte die älteste Jagdhütte der Gegend und schrieb seine Belletristik am Holzofen. Er lernte Tal und Tier kennen und verstand, wie wenig dazugehört, aus Wildnis jene gefällige Landschaft zu machen, in der ein Golfplatz als Natur durchgeht. Allerdings lebt nur, wo das Nichts herrscht, der Grizzlybär. So begann Rick Bass, gegen Forstwege und Straßen zu opponieren, gegen Flächenabholzungen und Erzabbau. Er gründete eine Umweltgruppe in einem Landstrich, in dem die Leute ihre Überzeugung in Aufklebern auf der Stoßstange ausstellen: „Wildnis = nutzloses Land“. George Bush ist hier mit großer Mehrheit gewählt worden, und das hat aus dem Dichter Bass vollends den Umweltaktivisten Bass gemacht. Diese Regierung, sagt er, „kämpft gegen den Westen, gegen alles Wilde und deshalb gegen das Symbol der Wildnis – den Grizzlybären“.
Zunächst mal will John Kennedy ein paar Dinge klarstellen. Hat ja keinen Zweck, wenn einer rätseln muss, wo er, John Kennedy von Kennedy Oil, steht. Die Sache liegt nämlich so: Die Umweltschützer „sind Radikale“ und „99 Prozent“ ihrer Vorwürfe seien „erlogen“. „Wacko-environmentalists“ seien das, bisschen meschugge. „Kein Mensch“, und das wiederholt Kennedy, „kein Mensch möchte Amerikas Westen zerstören.“ Aber die „Umweltextremisten“ wollten „keinerlei Entwicklung“, obwohl doch gerade Montana und Wyoming auf den „größten Energiereserven des Kontinents sitzen“. Der Westen, sagt Kennedy, sei „Amerikas Naher Osten“.
Nun, da das klargestellt wäre, kommt der angenehme Teil. Landpartie mit John Kennedy. Hinein in seinen pechschwarzen Transporter und raus in die Hügel Wyomings. Am Horizont stehen, wie von einer Laubsäge ausgeschnitten, die weißen Zacken der Bighorn Mountains. Die Prärie ist von eher herbem Charme. Eine windverblasene Steppe, sanft gewellt wie eine Dünenlandschaft, gegen das Hochgebirge leicht ansteigend. Bäume gedeihen hier nur entlang der Bachläufe, und Menschen sind nur in den Orten Gillette, Buffalo und Sheridan zu finden. Ansonsten ist die Prärie faszinierend leer. Ihre Besiedlung ist die Geschichte eines Scheiterns. Seit den Siedlertrecks ist hier nicht viel geschehen, abgesehen von kurzen Phasen des Booms, als ein wenig Öl und später Kohle gefunden wurden. Erst vor fünf Jahren wurde alles anders, als zwei Ingenieure eine Methode erfanden, Methangas aus dem Wasserbett rund um Kohleflöze zu lösen. Seither läuft das Wettrennen um die Bohrrechte, und auch der Ölmann Kennedy ist im Gasrausch.
Er ist auf eine Schotterpiste abgebogen und hält neben einem beigefarbenen Metallkasten, der so groß ist wie ein paar Umzugskartons. „Das ist die Gasquelle.“ Er öffnet eine Klappe. Zu sehen sind nur ein Rohr, das im Boden steckt, sowie ein paar Instrumente. „Kein Bohrturm, nichts. Das Gas ist farblos, geruchlos, sauber“, sagt Kennedy. 500 dieser Bohrgestänge besitzt Kennedy Oil, 12.000 stecken insgesamt schon in der Prairie, in ein paar Jahren werden es 60.000 sein. Allein in Wyoming. Nebenan in Montana könnten es ähnlich viele werden. Gebohrt wird auch rund um die geschützten Canyons von Utah, in New Mexico und in Colorado. Zusammen sind dort die reichsten Gasvorkommen, die je in den Vereinigten Staaten entdeckt wurden. Nie hat es auf öffentlichem Land einen größeren Förder-Boom gegeben. Allein für das Jahr 2004 wird eine Fläche von der Größe Nordrhein-Westfalens freigegeben. Es ist erklärte Politik der Regierung Bush, weniger zu importieren und mehr zu produzieren. Weil der Senat sich weigert, das völlig unberührte Alaska Wildlife Refuge aufzubohren, konzentriert sich die Brennstoffsuche auf die Rocky Mountains.
John Kennedy hat mit dieser Politik nur ein Problem. Sie kommt ihm nicht schnell genug voran. Seit Monaten wartet er auf zwei Dutzend Bohrgenehmigungen. „Analysis paralysis“ sei das Problem, sagt er: Lähmung durch immer neue Gutachten und Einsprüche von Umweltschützern. Methangas wird für Kennedy der letzte Energie-Boom seiner Karriere sein. Er ist jetzt 62. Mit 19 lieh er sich Geld von seiner Mutter, kaufte eine Pipeline und machte sich selbstständig. Wann er die erste Million beisammen hatte, weiß er nicht mehr, wohl aber, dass er zweimal Pleite ging. Einmal in jungen Jahren, als er mit Geld nur so um sich warf. Dann später, als mal wieder eine Krise über Wyoming kam. Heute hat er 40 Angestellte und ist ein einsamer Mittelständler in einer Welt aus Energieriesen. Und dieses Unternehmen, ja, „den Wohlstand einer ganzen Nation“, will er sich nicht von ein paar Naturschützern kaputtmachen lassen. In wenigen Jahren könnten die Menschen in der rauen Prärie „so reich sein wie im Silicon Valley“.
Immerhin lenkt die Energiepolitik des Landes inzwischen ein Mann von ähnlich visionärer Kraft. Vizepräsident Richard Cheney, ein Sohn Wyomings, hat zu Hause gelernt, dass die heimischen Böden nur darauf warten, angezapft zu werden. Als Chef der Energiekommission des Präsidenten belehrt er seine Landsleute, Energieeinsparung könne „zwar ein Zeichen persönlicher Tugend“ sein, sei aber „keine Grundlage vernünftiger Energiepolitik“. Ein Satz, den John Kennedy toll findet.
Kennedy steuert eine Art Feldherrnhügel an. Von hier aus kann man seine Gasfelder überblicken. Nebenan stehen fünf Kompressoren und dröhnen wie Düsentriebwerke. Jeder ist eingepackt in einen fensterlosen Metallcontainer von der Größe eines Einfamilienhauses. Drinnen wird das Gas in Pipelines eingeschossen. Für fünf Quellen ein Kompressorhaus. In Betrieb rund um die Uhr.
Von hier oben ist die Transformation einer ganzen Landschaft zu erkennen. Einst waren diese Hügel endlose Jagdgründe der Indianer, dann endlose Weiden der Rancher. Heute sind sie eine endlose Kette von Industrieparks. So weit das Auge reicht, zerschneiden Fuhrwege die Wiesen, als sei die ganze Prärie ein Übungsplatz fürs Motocross. 36.000 Kilometer Straße sind neu entstanden. Daneben liegen Pipelines, die noch unter der Grasnarbe verschwinden sollen. Dazu in kleinen Clustern ein paar tausend Kompressorenhäuser, verbunden durch Stromleitungen. Zwischendrin Materiallager und Tausende Metallkisten über Bohrlöchern.
John Kennedy weist mit dem Arm hinüber auf eine kleine Herde Antilopen. Will sagen: Alles in Ordnung im Staate Wyoming! Die Antilopen laufen auf einen kleinen See zu. Überall liegen neuerdings diese Teiche wie Swimmingpools in den Mulden. Sie entstehen, weil Wasser Abfall der Gasförderung ist. Das Methan schlummert neben den Kohleflözen im Tiefenwasser, gemeinsam werden Kohle und Gas herausgepresst und getrennt. Aus jeder Gasquelle fließen 36.000 Liter versalzenen Wassers ab. Das macht auf die ganze Gegend gerechnet 432 Millionen Liter. Jeden Tag. Es wird Jahrhunderte dauern, bis sich die unterirdischen Reservoirs wieder auffüllen. So lange dürfte es in der traktierten Tundra kaum mehr Landwirtschaft geben.
Für John Kennedy ist das der Preis der Prosperität. Die Bauern, sagt er, „muss man natürlich entschädigen“. Er geht zurück zum Wagen. Aus dem Fond zieht er ein paar Plastikflaschen hervor. Es ist Trinkwasser. „Durstig?“ Das Etikett zeigt ein Wildpferd, das Symbol Wyomings. „Methan-Wasser“ steht drauf. Kennedy hält die Flasche hin. Das Wasser hat er eigens fördern und abfüllen lassen. Um „dem Umweltschützer-Mythos entgegenzutreten“, dieses Wasser sei schädlich. Ganze Paletten hat er zu den Abgeordneten im Kongress geschickt. Die machten damit, sagt er, „Picknick auf der Kapitols-Wiese“ zu Washington.
Alles begann mit dem großen Feuer. Im Sommer 2000 passierte es. Erst hat es Spike Thompson, Oberförster im Bitterroot National Forest, nur gerochen. Dann kroch der Rauch in die Augen und legte sich wie eine Decke auf das Tal. Vier Wochen lang Sonnenfinsternis und Kopfschmerzen. Schließlich musste Thompson nur noch aus dem Fenster seiner Ranger-Station den Hang hochschauen, um zu sehen, wie die Flammen bis zu den Häusern im Talgrund herunterschlugen. Längst war die Försterei zur Einsatzzentrale geworden. Von überall her kamen Feuerwehrleute mit Hubschraubern. Dutzende von Fernsehteams brachten die Angst vor dem Feuer in Amerikas Wohnzimmer. Es war der größte Brand in der Geschichte Montanas. Am Ende standen pechschwarze Mikado-Stangen im Bitterroot-Tal herum, 1.240 Quadratkilometer versteinerter Wald.
Die letzten Flammen erstickte schließlich der erste Schnee. Das war im selben Monat, in dem Amerika einen neuen Präsidenten wählte. Und der gab sich nicht zufrieden mit der Erklärung, Hunderte von Blitzen hätten in der ausgedörrten Landschaft ein Feuer entzündet. Seither fliegt Bush alljährlich, sobald es brennt, in die Rocky Mountains. Immer erklärt er, nicht allein die Natur oder Brandstifter entfachten die Feuer, sondern „schlechte Waldpolitik“. Besser sei es, „den Brennstoff aus dem Wald zu nehmen“, all das „Unterholz“ und die „kleinen Bäume“. Deswegen muss als Reparaturtrupp die Holzindustrie in den Wald. Leider, sagt Bush, hindere „bürokratischer Wirrwarr“ die Retter mit den Kettensägen daran, den Wald „auszudünnen“.
Spike Thompson muss das nun ändern in seinen Bitterroots. Er ist Vorkämpfer eines Präsidenten, der ihn mit einem neuen Gesetz bewaffnet hat: der „Initiative für den gesunden Wald“. Natürlich will Thompson ein guter Beamter sein, wie in den vergangenen 27 Jahren auch. Also sagt er Dinge, die dem Chef im Weißen Haus gefallen müssen. Zum Beispiel, dass sein Forest Service nicht allein den Wald zu schützen habe. Im Auge müsse er genauso die Interessen der Holz- und der Erzindustrie haben, und der Öl- und Gasindustrie natürlich auch. So ein amerikanischer Nationalwald habe – „ganz im Sinne des Präsidenten“ – einen „Mehrfachnutzen“. Die Regierung Bush strebe eine „neue Balance“ zwischen Naturschutz und Ausbeutung an. Im Klartext: mehr holzen, bohren, graben. Aber so sagt Spike Thompson das natürlich nicht. Wäre zu konfrontativ. Gehört sich nicht für einen Beamten.
Die Bitterroot Mountains, Thompsons Revier, sind Amerikas Alpen. Ständen im Tal nicht große Blockhütten und kleine Shopping-Malls, wähnte man sich in der Steiermark. Aus dem Talgrund geht es steil empor, erst in den Waldgürtel, dann in die Steinwüste der alpinen Regionen. Fast zweihundert Jahre ist es her, dass hier die ersten Weißen durchkamen. Das waren Lewis und Clark, die beiden Entdecker des amerikanischen Westens, die am Lolo-Pass in einen Sommer-Schneesturm gerieten, beinahe verhungerten und in ihrem Tagebuch schrieben, es seien dies „die schrecklichsten Berge“, die sie „je gesehen hatten“. Allerdings auch die eindrucksvollsten, denn die Blumen, die sie fanden, brachten sie den Botanikern der Ostküste mit. Heute steht am Lolo-Pass auf einem Schild, die späteren Siedler hätten eine „sichtbarere Art des Land-Managements bevorzugt“. Das ist die feinsinnige Umschreibung für den Kahlschlag, der folgte. Wie mit dem Rasiermesser wurden die talnahen Hänge blank geschoren. Erst seit den sechziger Jahren werden die verwundeten Flanken wieder aufgeforstet. Und erst Präsident Bill Clinton setzte durch, dass in den entlegenen Regionen der öffentlichen Wälder niemand mehr neue Wege bauen darf. Eine Regel, die George Bush seither nach Kräften torpediert. Denn die Holzindustrie braucht Fuhrwege, wenn sie den feuergefährdeten Wald vor sich selbst retten soll.
Für Spike Thompson ist noch nie eine Präsidentschaft so aufregend gewesen wie die Amtszeit von George Bush. Es sei, sagt er, „eine echte Herausforderung, die unterschiedlichen Interessen am Wald zu moderieren“.
Es geschah spätabends. Larry Campbell wollte gerade schlafen gehen. Zuerst hörte er ein Auto. Dann einen Schuss. Dann noch einen. Und noch einen. Und die Einschläge hörte er auch. Drei dumpfe Erschütterungen, nicht irgendwo in der Ferne, sondern im eigenen Haus. Campbell zeigt die Einschusslöcher in der Holzbalustrade wie Trophäen: Seht her, will er sagen, so sehr hassen die mich! Campbell meint die Täter zu kennen, wenn auch nicht persönlich. „Sawdust brains“, Sägemehl-Hirne, nennt er sie. Leute, die sich eine Zukunft nur mit Motorsäge vorstellen könnten. Drüben aus Darby kämen sie. Das ist das Kaff am Ende des Bitterroot-Tals, dessen Jahreshöhepunkt die „Holzfäller-Tage“ sind. Auf dem Festplatz dürfen dann die starken Männer um die Wette sägen, und die starken Frauen auch. Käme Larry Campbell dazu, würde er verprügelt. Fürchtet er jedenfalls.
Bei der Holzfäller-Klientel gilt Campbell als Musterexemplar des durchgedrehten Umweltschützers. Schon sein Haus: mitten in die Wildnis gestellt und selbst gebaut nach ökologischen Richtlinien. Eine Stromleitung gibt es nicht, dafür steht auf dem Dach eine Solarzelle. Das Wasser kommt aus Quelle und Bach, das Gemüse aus dem eigenen Gewächshaus. Das Essen wird in einem Erdloch gekühlt. Als besonders obskur gilt, dass Campbell die Klapperschlangen auf seinem Grundstück immer nur einfängt und im Wald wieder aussetzt, aber nie erschlägt. Das soll einer verstehen…
Dieser Campbell also macht die ganze Gegend kirre mit seinen Umweltinitiativen. Hat was gegen George Bushs „gesunden Wald“. Kämpft gegen die „Politik der Paranoia“. Sagt, der Präsident fache die Angst absichtlich an – „vor Terrorismus, vor Grizzlys, vor Feuer“. Alles, um sich selbst als Retter zu inszenieren. „Der will die Amerikaner überzeugen“, sagt Campbell, „dass man den Wald nur retten kann, indem man ihn abholzt.“
Diese Kritik nimmt Campbell kaum jemand ab in einer Gegend, die seit 150 Jahren vom Raubbau an scheinbar unendlichen Ressourcen profitiert. In ganz Montana leben nur 900.000 Menschen auf einer Fläche, die größer ist als die Bundesrepublik. Campbell repräsentiert hier den „Snobismus der Ostküste“, der dem raubeinigen Rocky Mountains-Menschen bloß seine Eigenart austreiben will. Dass Campbell in Princeton studiert hat und noch mit 55 Jahren so bubenhaft aussieht wie ein Elite-Student, passt prima ins Bild. Seine Umweltinitiative, die „Freunde der Bitterroots“, wird als eine Gruppe von Außenseitern abgetan.
Den konservativen Mainstream dagegen repräsentieren jene, die sagen, „der Wald wuchert wie ein Krebs“. Dieser Satz stammt von Gale Norton, der Innenministerin in Washington, die weiß, dass man Krebs „behandeln muss“. Norton gilt in Amerika als „Königin der freien Wildbahn“, weil sie über alles öffentliche Land gebietet, also über ein Fünftel Amerikas und den größten Teil der Rocky Mountains. Einst war sie Anwältin der Blei-Industrie, jetzt ist sie Anwältin der Dörfer und Regionen. Washington, also auch sie selbst, soll nicht mehr dreinreden dürfen, wenn die örtlichen Autoritäten sagen, sie wollten bohren, holzen, graben. Ihr Umweltschutz ist „kooperativ“, weil sie die örtliche Bevölkerung mit einbezieht, und habe, findet John Kerry, der Präsidentschaftskandidat, spitz, allein den Nachteil, dass „dreißig Jahre Umweltgesetzgebung einfach kaputtgemacht“ würden. In Sachen Umweltschutz, meint Kerry, spiele die Regierung „mit schmutzigen Tricks“. Deshalb hat der Herausforderer begonnen, den in der amerikanischen Politik gewöhnlich vernachlässigten Umweltschutz zum Thema zu machen. Umweltschutz, meint Kerry, sei „das große schlummernde Thema“ des Wahlkampfes.
Man sollte Larry Campbell nicht besuchen, ohne mit ihm ins Gelände zu gehen. Es ist eine Wanderung durch den „gesunden Wald“ der Regierung Bush. Immer wieder bleibt Campbell an Baumstümpfen stehen. Jemand hat den Wald ausgedünnt, wie es das Gesetz verlangt. Jedenfalls beinahe. Denn nicht Unterholz und Jungwald, also Brandfutter, sind hier beseitigt worden, sondern Baumriesen, die schon standen, als Lewis und Clark die Gegend erkundeten. „Schönes Material für die Holzindustrie“, grollt Campbell. „Ginge es tatsächlich um die Beseitigung der Feuergefahr, würden allein Siedlungen im Tal gesichert“. Noch nie habe er in der Politik einen größeren Widerspruch zwischen Worten und Taten gesehen. Campbell bezeichnet George Bush als einen „Meister der Manipulation“. Hoch über dem Bitterroot-Tal stehend, gibt er eine kleine Einführung in das, was er „Bushs Lexikon der Umweltsprache“ nennt:
Gesetz für gesunden Wald = Abholzen ermöglichen
Gesetz für reine Luft = Mehr Kraftwerksemissionen erlauben
Gesetz für klares Wasser = Mehr Schadstoff-Einleitungen zulassen
Bürokratie beseitigen = Bürgerbeteiligung einschränken
Gesetze durchsetzbar machen = Vorschriften für die Industrie lockern
Zusammengenommen, meint Larry Campbell, erlebe Amerika „den größten Rückschlag seit Anbeginn der Umweltgesetzgebung“. Campbell sagt das nicht einfach dahin. Er versteht was von den Details. Von Beruf ist er Geologe und fertigt Explorationsgutachten an: für Silber und Kupfer, Öl und Gas. Je mehr Regeln fallen, desto schwerer wird es ihm, für die Industrie zu arbeiten. Campbells Job blieb im Ort natürlich nicht geheim. Die Nachbarn mussten feststellen, dass Larry Campbell nicht jener Ökofundamentalist ist, für den sie ihn immer hielten. Das irritierte die Dorfbewohner, aber nur kurz.
Was Wildnis ist, hat Stewart Brandborg mit 17 Jahren gelernt. Einen ganzen Sommer lang. 1942 war das, da saß er in einer winzigen Holzhütte auf dem Gipfel des Ward Mountain, 3000 Meter hoch. Alle zwanzig Minuten trat Brandborg vor die Tür und suchte mit dem Fernglas den Horizont und vor allem die Bergflanken ab. 135 Dollar erhielt er dafür, die Menschen im Bitterroot-Tal zu warnen, wenn es zu brennen begann. Gelegentlich schickten sie ihm mit Maultieren Verpflegung hoch. Er selbst durfte die Hütte nur verlassen, um Beeren, Holz oder Wasser zu holen. Die Rückkehr ins Tal war ihm erst zum Ende der Brandsaison erlaubt. So hatte der junge Mann Zeit, eine Gegend zu studieren, die man damals „primitive Region“ nannte. Jene Urlandschaft, in der sich seit hundert Jahren nichts verändert hatte und seit tausend Jahren auch nicht. Eine Gegend, von der gerade die ersten Amerikaner ahnten, dass man sie lieber schützen als erobern sollte. Seine Erfahrungen auf dem Berg haben sich Brandborg eingegraben. Danach verschrieb er sein Leben der Idee, Stille und Nichts vor den Exzessen des Menschen zu retten. Während des Sommers auf dem Ward Mountain hat er jede kleinste Beobachtung über Tiere und Pflanzen notiert – wie einst Lewis und Clark.
Die Geschichte seines Erweckungserlebnisses erzählt er beim Frühstück. Es gibt Sauerteig-Pfannkuchen mit Waldblaubeeren. Stewart Brandborg steht selbst am Herd. Träte er vor sein Blockhaus, ein paar Schritte nur, so könnte er den Ward Mountain sehen, der ihn vor 62 Jahren lehrte, dass Wildnis das Korrektiv von Zivilisation ist. Seit langem schon gilt Stewart Brandborg als Ikone der amerikanischen Umweltbewegung und seine Lebensgeschichte als Triumphzug. Doch neuerdings muss Brandborg sich fragen, ob seine Erfolgsgeschichte zu früh geschrieben wurde.
Die sechziger und siebziger Jahre sind für ihn die große Zeit der Umweltbewegung. Damals, sagt Brandborg, sei die „Industrie noch nicht so glänzend organisiert“ und die öffentliche Meinung „noch auf unserer Seite“ gewesen. Brandborg arbeitete in Washington als Geschäftsführer der Wilderness Society und damit als Lobbyist für ein revolutionäres Konzept: Wildnis zu einem Begriff des amerikanischen Rechts zu machen. Ganze Regionen Amerikas sollten vor dem Menschen geschützt werden, radikaler noch als in Nationalparks, in denen die Natur Straßen und Hütten und Tourismus ertragen muss. Wer in die Wildnis gehe, so die Idee, müsse es tun wie die Entdecker – zu Fuß oder zu Pferd. Und verschwinden solle der Eindringling wieder. Wildnis dürfe man besuchen, nicht bewohnen.
Stewart Brandborg erinnert sich, wie er in Washington Abgeordnete bearbeitete. Er saß oben in der Besucher-Galerie des Repräsentantenhauses und passte die Parlamentarier ab, wenn sie das Plenum verließen. Acht Jahre lang ging das so, bis 1964 das Wildnis-Gesetz verabschiedet wurde. Es zählte „zu den glücklichsten Ereignissen meines Lebens“, erzählt Brandborg, als die ersten 36.400 Quadratkilometer Land jeder wirtschaftlichen Nutzung entrissen wurden. Brandborg machte weiter, um immer neue Landstriche im weiten Westen wegzuschließen. Mittlerweile ist eine Fläche zur gesetzlichen Wildnis erklärt geworden, die größer ist als die Bundesrepublik. Und noch ein Grundstück von der Größe Deutschlands liegt auf Vorrat. Oder besser: lag auf Vorrat. Bis zum Freitag, den 11. April 2003.
Spät an jenem Nachmittag, die Abgeordneten hatten sich in den Osterurlaub verabschiedet, gab die Regierung Bush bekannt, sie werde 10.000 Quadratkilometer Canyon-Landschaft in Utah nicht – wie ursprünglich geplant – zur Wildnis erklären. Und auch sonst kein bisschen Amerika mehr. Keines der seit langem vorgemerkten Gebiete. Das Innenministerium ließ wissen, man werde diese Ländereien künftig „zum größten Nutzen der Öffentlichkeit verwalten“. In der Code-Sprache der Regierung Bush heißt das: Es soll gebohrt und gegraben werden. Nach Öl und Gas und Erz.
Auf den Präsidenten ist Stewart Brandborg nicht mal richtig böse. Er hat sogar Respekt vor dessen Talent, eine klassische Ausbeutungspolitik in edle Umweltschutz-Rhetorik zu verpacken und durchzusetzen. Brandborg ärgert sich über die, die Bush nicht stoppen. Über die Nachgeborenen in der Umweltbewegung, Leute „ohne Feuer im Herzen“, „Angestellte ohne Überzeugungen“, „Rechtsanwälte“, „Wissenschaftler“. Leute, die nichts als kluge Papiere schrieben. „Wer nicht kämpfen will“, sagt Brandborg, „hat in unserer Bewegung nichts zu suchen.“
Für Dale Ackels begann alles mit einem Anruf. „Ich habe großartige Nachrichten für Sie“, schallte es aus dem Hörer, „wir beginnen nächste Woche zu bohren.“ Ein paar stämmige Kerls tauchten auf und setzten ein Bohrgestänge. Nicht auf seinem Grund, aber eine Meile entfernt, gerade jenseits der Eigentumsgrenze. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Inzwischen sind es 105 Gasquellen. „Ich bin umzingelt“, sagt Ackels, „ausweglos umzingelt.“
Dale Ackels ist spätberufener Bauer. Einer, der auf seine alten Tage beschlossen hat, den Computer gegen die Mistgabel zu tauschen. Er war Soldat bei einer Spezialeinheit, später Professor am Army War College. Mit seiner Rente erfüllt er sich einen Jugendtraum. Schon immer wollte er in jene Prärie zurückkehren, in der seine Familie einst gesiedelt hatte. Wollte fischen und jagen und reiten und in die Berge ziehen. Drum kaufte er sich eine Farm im schönsten Teil, den Vorbergen der Rocky Mountains, die Robert Redfords „Pferdeflüsterer“ als Paradies der Wiesen und Weiden feierte. Das Geld reichte aber nur für ein Fertighaus, einen zerbeulten Kleintransporter und einige Hektar Land. So baut er nun Alfalfa an und verkauft es als Pferdefutter. Unrasiert und in Arbeitsmontur steht Ackels vor seiner Scheune und erzählt die Geschichte seiner Einkreisung.
Die ersten Gasquellen veränderten nicht viel. Doch dann versiegten seine Brunnen. Er konnte seine Felder nicht mehr bewässern. Schließlich erkannte er: „Die stehlen mein Wasser.“ Denn das Gas wird mit dem Tiefenwasser hochgepumpt, und dieses Wasser wird dann weggeschüttet. Dale Ackels beschwerte sich. Die Gasfirma beruhigte ihn: In dreißig Jahren seien 80 Prozent der Grundwasserspeicher wieder aufgefüllt. „Ich bin 61“, sagt Ackels, „was denken die, wie lange ich warten kann?“ Natürlich könnte er einfach tiefer bohren. Aber das würde 60.000 Dollar kosten. Die hat er nicht. Seine Farm ist mit den Ersparnissen eines Beamtenlebens gekauft.
Es dauerte eine Weile, bis Ackels begriff: „Ich muss hier weg.“ An der Einfahrt zu seinem Grundstück hängt das Schild: „Zu verkaufen.“ Es hängt seit zwei Jahren dort: „Wer kauft schon ein Haus im Gasfeld?“ Wieder dauerte es eine Weile, bis Ackels einsah: „Meine Ersparnisse sind nichts mehr wert.“ Und noch eine Weile, bis er erkannte, dass er nur eine Chance hat: „Den Rest meines Lebens damit zu verbringen, diese Kerle zu bekämpfen.“
„Diese Kerle“ sind seine politischen Freunde. Dale Ackels ist Republikaner. Sein Leben lang gewesen. Ein Mann des Präsidenten Bush. Doch dieser Präsident, sagt Ackels heute, „hat uns verkauft, er opfert die fünf Rocky-Mountains-Staaten seiner Energiepolitik“. Bush, glaubt Ackels, missverstehe die Amerikaner und sogar seine eigenen Wähler. Die sehnten sich nicht nach Gewinnchancen für die Industrie, sondern nach Lebensqualität.
Tatsächlich steht Ackels mit seiner Ansicht nicht allein auf weiter Flur, nicht mal im entlegenen Wyoming. Gerade im Hügelland vor den Rocky Mountains haben sich Leute niedergelassen, die andernorts ihr Geld gemacht haben und nun in der Weite der Prairie ihren persönlichen Western-Mythos leben wollen. Die sich einen Pick-up-Truck kaufen und gut sichtbar ins hintere Fenster ein Gewehr hängen. Abends kann man sie in Sheridan, dem nächsten Ort, in der Mint-Bar treffen. Das ist der letzte alte Saloon, in dem man noch die Sau rauslassen kann. An den Wänden hängen die alten Fotos von den örtlichen Rodeos. Die Gäste kommen mit Stetson-Hüten und mit Sporen an den Stiefeln. Yuppie-Cowboys heißen diese Möchtegerns. Sie wollen einmal im Leben John Wayne sein dürfen. Dafür haben sie viel Geld ausgegeben und eine ganze Stadt-Existenz hinter sich gelassen. Ihren Traum lassen sie sich nicht von einem Gas-Boom zerstören.
Anfangs waren nur Zugezogene gegen die Gasförderung. Ein paar Rebellen gründeten eine Vereinigung der Grundeigentümer. Inzwischen sei fast die Hälfte gegen das Gas, glaubt Ackels. Er und seine Mitstreiter haben sich zum Ziel gesetzt, die herrschenden Republikaner an die Naturschutz-Politik konservativer Präsidenten zu erinnern. An Lincoln, der den ersten Nationalpark gründete. An Teddy Roosevelt, der die Nationalen Wälder erfand. An Richard Nixon, der den Artenschutz durchsetzte. Soll Bush, fragen sie, im Geschichtsbuch als jener Präsident dargestellt werden, der die Rocky Mountains aufbohren ließ? Nächstes Mal wollen Ackels und seine Freunde einen Demokraten wählen. Jeden Demokraten, egal, wen. „Die hätten sogar Jack the Ripper aufstellen können.“
- Datum 29.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.04.2004 Nr.19
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