US-Energiepolitik Bohren, graben, holzenSeite 8/8

Dale Ackels ist spätberufener Bauer. Einer, der auf seine alten Tage beschlossen hat, den Computer gegen die Mistgabel zu tauschen. Er war Soldat bei einer Spezialeinheit, später Professor am Army War College. Mit seiner Rente erfüllt er sich einen Jugendtraum. Schon immer wollte er in jene Prärie zurückkehren, in der seine Familie einst gesiedelt hatte. Wollte fischen und jagen und reiten und in die Berge ziehen. Drum kaufte er sich eine Farm im schönsten Teil, den Vorbergen der Rocky Mountains, die Robert Redfords „Pferdeflüsterer“ als Paradies der Wiesen und Weiden feierte. Das Geld reichte aber nur für ein Fertighaus, einen zerbeulten Kleintransporter und einige Hektar Land. So baut er nun Alfalfa an und verkauft es als Pferdefutter. Unrasiert und in Arbeitsmontur steht Ackels vor seiner Scheune und erzählt die Geschichte seiner Einkreisung.

Die ersten Gasquellen veränderten nicht viel. Doch dann versiegten seine Brunnen. Er konnte seine Felder nicht mehr bewässern. Schließlich erkannte er: „Die stehlen mein Wasser.“ Denn das Gas wird mit dem Tiefenwasser hochgepumpt, und dieses Wasser wird dann weggeschüttet. Dale Ackels beschwerte sich. Die Gasfirma beruhigte ihn: In dreißig Jahren seien 80 Prozent der Grundwasserspeicher wieder aufgefüllt. „Ich bin 61“, sagt Ackels, „was denken die, wie lange ich warten kann?“ Natürlich könnte er einfach tiefer bohren. Aber das würde 60.000 Dollar kosten. Die hat er nicht. Seine Farm ist mit den Ersparnissen eines Beamtenlebens gekauft.

Es dauerte eine Weile, bis Ackels begriff: „Ich muss hier weg.“ An der Einfahrt zu seinem Grundstück hängt das Schild: „Zu verkaufen.“ Es hängt seit zwei Jahren dort: „Wer kauft schon ein Haus im Gasfeld?“ Wieder dauerte es eine Weile, bis Ackels einsah: „Meine Ersparnisse sind nichts mehr wert.“ Und noch eine Weile, bis er erkannte, dass er nur eine Chance hat: „Den Rest meines Lebens damit zu verbringen, diese Kerle zu bekämpfen.“

„Diese Kerle“ sind seine politischen Freunde. Dale Ackels ist Republikaner. Sein Leben lang gewesen. Ein Mann des Präsidenten Bush. Doch dieser Präsident, sagt Ackels heute, „hat uns verkauft, er opfert die fünf Rocky-Mountains-Staaten seiner Energiepolitik“. Bush, glaubt Ackels, missverstehe die Amerikaner und sogar seine eigenen Wähler. Die sehnten sich nicht nach Gewinnchancen für die Industrie, sondern nach Lebensqualität.

Tatsächlich steht Ackels mit seiner Ansicht nicht allein auf weiter Flur, nicht mal im entlegenen Wyoming. Gerade im Hügelland vor den Rocky Mountains haben sich Leute niedergelassen, die andernorts ihr Geld gemacht haben und nun in der Weite der Prairie ihren persönlichen Western-Mythos leben wollen. Die sich einen Pick-up-Truck kaufen und gut sichtbar ins hintere Fenster ein Gewehr hängen. Abends kann man sie in Sheridan, dem nächsten Ort, in der Mint-Bar treffen. Das ist der letzte alte Saloon, in dem man noch die Sau rauslassen kann. An den Wänden hängen die alten Fotos von den örtlichen Rodeos. Die Gäste kommen mit Stetson-Hüten und mit Sporen an den Stiefeln. Yuppie-Cowboys heißen diese Möchtegerns. Sie wollen einmal im Leben John Wayne sein dürfen. Dafür haben sie viel Geld ausgegeben und eine ganze Stadt-Existenz hinter sich gelassen. Ihren Traum lassen sie sich nicht von einem Gas-Boom zerstören.

Anfangs waren nur Zugezogene gegen die Gasförderung. Ein paar Rebellen gründeten eine Vereinigung der Grundeigentümer. Inzwischen sei fast die Hälfte gegen das Gas, glaubt Ackels. Er und seine Mitstreiter haben sich zum Ziel gesetzt, die herrschenden Republikaner an die Naturschutz-Politik konservativer Präsidenten zu erinnern. An Lincoln, der den ersten Nationalpark gründete. An Teddy Roosevelt, der die Nationalen Wälder erfand. An Richard Nixon, der den Artenschutz durchsetzte. Soll Bush, fragen sie, im Geschichtsbuch als jener Präsident dargestellt werden, der die Rocky Mountains aufbohren ließ? Nächstes Mal wollen Ackels und seine Freunde einen Demokraten wählen. Jeden Demokraten, egal, wen. „Die hätten sogar Jack the Ripper aufstellen können.“

 
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