Mensch und Tier Der unhörbare Schrei
Bernhard Kathan, Kulturhistoriker, und Giorgio Agamben, Philosoph, betrachten das Verhältnis von Mensch und Tier
Tierschutzvereine haben ungleich höhere Mitgliedsraten als jene Institutionen, die sich dem Schutz der Kinder widmen. Wenn Tiere misshandelt werden, sei es im Alltag, sei es in den Laboratorien der medizinischen oder kosmetischen Industrie, geht ein Aufschrei durch die Boulevardpresse. Plakate mit Abbildungen verdrahteter Affen und gehäuteter Nerze oder Füchse in den U-Bahn-Schächten erschrecken das Publikum.
Dieses Bewusstsein vom Leiden der Tiere ist allerdings relativ jung in der Kulturgeschichte. Es wird erst am Anfang des 19. Jahrhunderts virulent. Die Frage nach der philosophischen Bewertung des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier dagegen ist so alt wie die Menschheit selbst. Ovids Metamorphosen geben sie in unvergleichlicher Weise als Welttheater zu lesen – als das die Kultur in Bewegung haltende Verwandlungsspiel zwischen Tieren, Menschen und Göttern. Zum Schock wird dieser Gedanke von der Nähe des Menschen zum Tier erst in jenem Augenblick der Geschichte, da sich die vergleichende Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf die Menschenaffen richtet: mit Edward Tysons Buch Orang-Outang, sive Homo Sylvestris, or, the Anatomy of a Pygmie Compared with that of a Monkey, an Ape, and a Man von 1699, das einen Vergleich zwischen Menschenaffen, Pygmäen und Europäern vornimmt. Darwins Evolutionstheorie spitzt das Problem auf die These von der Entstehung des Menschen aus dem Tier zu; eine These, die den Triumph der Aufklärung, den Sieg der Vernunft über die tierischen Triebe zu widerrufen scheint. Und Sigmund Freud wird dann als kulturelles Paradigma der Moderne formulieren, dass „der Mensch nicht mehr Herr im eigenen Hause“ ist. Es seien drei Schocks, drei Entdeckungen, die der Mensch der Moderne zu ertragen haben: dass die Erde nicht den Mittelpunkt des Kosmos bilde; dass der Mensch aus dem Affen sich entwickelt habe; und dass das Subjekt, wie die Psychoanalyse erweise, nicht autonom sei, sondern aus dem Unbewussten gesteuert werde.
Aus dieser neuen Sicht auf das Identitätspotenzial des modernen Menschen erwächst der Gedanke, dass die Tiere – „Menniskans Cousiner“, also „Menschenverwandte“, wie der schwedische Naturforscher Carl von Linné sie gegen des Cartesius Idee von der tierischen Maschine nannte – Urformen von Gefühlen, Gedanken und menschlichen Verhaltensweisen in sich trügen und daher dem Schutz durch den Menschen anvertraut seien. In England spricht Jeremy Bentham den Gedanken aus, dass Tiere denken und leiden können. Das erste Tierschutzgesetz, Martin’s Act, entsteht 1822 in England. 1850 folgt, einem ehemaligen Offizier der Kavallerie zu verdanken, ein ähnliches Gesetz in Frankreich: Es sind Pferde, dem Menschen am nächsten stehend, die als Argument für die Formulierung dieser Gesetze fungieren – Friedrich Nietzsche wird in Turin auf offener Straße einem misshandelten Karrengaul um den Hals fallen.
Offensichtlich ist es die Brisanz dieser Frage nach dem Schmerz der Tiere in der Gesellschaft der Gegenwart, in welcher Philanthropie, Political Correctness und Aggression wie nie zuvor in Konflikt miteinander stehen, die dem Buch des Kulturwissenschaftlers Bernhard Kathan zugrunde liegt. In der Konfrontation des Menschen mit dem Tier, in den Blicken, die beide tauschen, sieht er die Kernfrage nach der Identität des Menschen auf dem Prüfstand: und zwar in der doppelten Partnerschaft des Tiers mit dem Menschen als Schlachtvieh wie als Schoßtier; ein Spielraum, vieldeutig bestimmt durch die Argumente der Nahrung, des religiösen Opfers, der Schmerzerfahrung, der tödlichen Aggression und der Sexualität. Kathan zieht literarische Texte und Filme, Kochbücher und gastrosophische Werke, medizinische und technische Fachliteratur heran, er beruft sich auf ökonomische Traktate und Reiseliteratur von Großwildjägern, er bringt Beispiele aus Märchen, und er deutet (sehr überzeugend) einschlägige Gemälde, wie zum Beispiel das singuläre Rembrandt-Bild mit dem gekreuzigten Ochsen von 1655 aus dem Louvre. Dabei schreitet Kathan in seiner Argumentation von der ausgiebig zitierten Grausamkeit gegen Tiere in der Küche schrittweise fort zu den Szenerien der taylorisierten Massenschlachtungen in Chicago, aber auch zu jenen religiösen, juristischen und erotischen Ritualen , in denen das Verhältnis des Menschen zum Tier eine Rolle spielt. Wenn der Schmerzensdiskurs im Zusammenhang mit Tieren, so Kathans These, mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts sich nachhaltig zu entwickeln beginnt, so endet er auch schon wieder Mitte des 20. Jahrhunderts, weil zu diesem Zeitpunkt lebende Tiere aus der Küche, aus den Lebensmittelmärkten und sogar aus der Nahrungsindustrie „verschwunden sind“.
Was bedeutet uns der Tod einer Katze?
Nicht die Feinfühligkeit des Menschen ist dafür verantwortlich, sondern die Evolution der Wirtschaft und der Technik, die Erfindung der Nahrungskette und der Kühlaggregate, die zu der Absonderung des Lebensphänomens des Schmerzes aus der Kultur führt. Eng mit diesem Szenario verbunden sind zwei Fragen: einmal diejenige, wie die „unhörbaren Schreie“ des gequälten Tiers, wie Schmerzäußerungen überhaupt zu entziffern und wie sie im kulturellen Umfeld zu bewerten seien; zum anderen aber die Frage der Unsicherheit über den Zusammenhang von Schmerz und Tod; der Unsicherheit bei der Bestimmung des Eintritts des Todes: ein Moment, das Küche, Labore der Vivisektion und Hinrichtungen miteinander verbindet. Der Göttinger Naturforscher Georg Christoph Lichtenberg wie sein Zeitgenosse Sömmering waren die Ersten, die sich Gedanken über die Guillotine und die durch sie bewirkte Verminderung oder Erhöhung des Schmerzes Gedanken gemacht haben.
Menschliche Identität hat sich am Blick auf das Tier, das das eigene Fremde ist, aber zugleich auch am Blick dieses tierischen Anderen zurück auf den Menschen zu bewähren; und zwar in einem Bewährungsfeld, das durch die Nahrungsaufnahme, die Sexualität und die Aggression bestimmt ist. Die Schlussfolgerungen, die Kathans Buch zieht, sind zwiespältig. Einerseits sei es der Menschheit gelungen, eine klare Trennungslinie zwischen sich und die Tiere zu legen. Andererseits aber seien, nachdem alle Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft geschwunden sind, die Tiere zu Platzhaltern unverdorbener „humaner“ Regungen geworden. Am vorläufigen Ende dieses Prozesses stünden einander das empfindsame Tier und der gefühlsverarmte Mensch gegenüber.
Es fällt angenehm auf, dass Kathan bei der Erörterung seines so heiklen Themas nicht moralisiert und nicht sentimentalisiert. Er beobachtet, und er breitet opulente Materialien aus. Und es gibt dann in diesem Buch einige wenige Stellen, die den „teilnehmenden Beobachter“ erkennen lassen; beinahe poetische, autobiografisch gefärbte Passagen über den Tod einer Drossel, über das Töten kleiner Tiere, über die Einschläferung einer Katze.
- Datum 29.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.04.2004 Nr.19
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