Ökonomie Nach dem Ende des Booms

Immer mehr Bürger interessieren sich für die Ökonomie und greifen zu den neuen Büchern von Joseph Stiglitz, Paul Krugman und Lester Thurow

Wohl in keinem anderen Land gibt es eine so strenge Trennung zwischen der Leserschaft des Feuilletons und der des Wirtschaftsteils wie in Deutschland – eine gegenseitige Missachtung verhinderte den Brückenschlag. Diese Lagerbildung scheint sich langsam aufzulösen: zum einen durch die Traktate der verblichenen neuen Ökonomie, mit denen manch naivem Sparer das Geld aus der Tasche gezogen wurde, und die um sich greifende betriebswirtschaftliche Beraterprosa, mit der Sparmaßnahmen in allen Bereichen der Gesellschaft begründet werden. Aber vor allem wegen der existenziellen Krise des Sozialstaats und der Kritik des antiglobalistischen Lagers am „Terror der Ökonomie“ haben ökonomische Argumente ein solches Gewicht erhalten, dass der Feuilletonleser sich ihnen nicht mehr entziehen kann. Die erstaunlichen Erfolge solider ökonomischer Literatur auf dem Büchermarkt jedenfalls darf man als Zeichen dafür deuten, dass der Umgang mit ökonomischen Argumenten selbstverständlicher wird.

Darin liegt zweifellos ein Gewinn für die Zivilgesellschaft. Denn ökonomische Maßnahmen, die sich der Beurteilung durch die Bürgerinnen und Bürger entziehen, schaffen ein gefährliches Demokratiedefizit und bilden ein unkontrollierbares Einfallstor für die Durchsetzung nicht legitimierter Interessen. Da sich kaum ein gelehrter deutschsprachiger Ökonom findet, der bereit oder in der Lage wäre, wie einst Werner Sombart einem breiten Publikum die verschiedenen ökonomischen Optionen unserer Gesellschaft zu erklären, erfolgt die Unterrichtung derzeit vornehmlich durch die zahlreichen Übersetzungen populär verfasster Bücher von US-Ökonomen wie Joseph Stiglitz, Kevin Phillips, Paul Krugman oder Robert Shiller.

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Sie werden geschätzt wegen der Verbindung von Fachwissen und Formulierungskraft, aber auch wegen der Autorität, die sie aufgrund ihres Standortes genießen. Nun sind gleich drei Neuerscheinungen führender Ökonomen auf Deutsch erschienen: Die Roaring Nineties von Joseph Stiglitz, Der Große Ausverkauf von Paul Krugman und Die Zukunft der Weltwirtschaft von Lester Thurow.

Die glänzende Analyse des Telekom-Booms der Roaring Nineties, die der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz vorgenommen hat, macht deutlich, dass man selbst auf den amerikanischen Finanzmärkten nicht um kurzfristiger Wettbewerbsvorteile willen Regeln aufheben kann, ohne schwere gesellschaftliche Verwerfungen hervorzurufen.

Im Sumpf der Pleiten und der ungenierten Bereicherung

Stiglitz beschreibt, warum die neue Ökonomie scheitern musste, und listet präzise die einzelnen Deregulierungen auf, die den Zusammenbruch des Marktes herbeiführten: Institutionelle Schutzwälle gegen Insider-Absprachen wurden abgebaut, den Analysten, die objektiv die Aktienkurse für das Investorenpublikum bewerten sollen, wurde mit der Abschaffung der Vergütungsregeln der Boden der Unabhängigkeit unter den Füßen weggezogen, sie wurden – unbemerkt vom Publikum – in die Vermarktungskampagnen der Investmentbanken integriert. Die Buchprüfer verloren ihre Indikatorfunktion, als sie in die Konkurrenz entlassen wurden und plötzlich mit den Kunden um Honorare feilschen mussten – dass ihre Buchprüfungen nichts mehr wert waren, hätte niemanden überraschen dürfen. Die deregulierte Wall Street versank im Sumpf von Vetternwirtschaft. Lumperei und die Pleiten von Enron, Tyco oder Worldcom und Tausender kleinerer Internet-Firmen brachten den Einbruch der Konjunktur.

Mit Stiglitz können wir zugleich in die Werkstatt der Politik hineinsehen, denn er war Vorsitzender des ökonomischen Beraterkomitees der Clinton-Regierung. Clintons strategischer Grundfehler bestand darin, sich auf die Agenda der Finanzmärkte eingelassen zu haben – mit der Deregulierung wollte er beweisen, dass die „neuen“ Demokraten nicht staatsfixiert sind. Darunter gelitten habe die Demokratie, denn wenn sich alles der Disziplin der Finanzmärkte unterordne, schreibt Stiglitz, dann werde nicht mehr über „Alternativen diskutiert, die sich auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich auswirken“. Dass die Finanzmärkte nur aus Interessengruppen bestehen, lehrte das Versagen der Börse.

Paul Krugman, Ökonom an der Princeton University, ist mit seinen gesammelten Zeitungskolumnen, die nun im Großen Ausverkauf zu lesen sind, zur Kassandra der amerikanischen Demokratie geworden. Minutiös deckt er das Interessengeflecht auf, das die Politik der Regierung Bush antreibt: Von der Enron-Connection bis hin zu Waffengeschäften und ungenierter Bereicherung mit Steuermitteln zeigt Krugman, dass dieser Regierung nichts heilig ist außer den Interessen ihrer eigenen Klientel.

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