Es ist der 8. Februar 1990, als die Welt des Major S. untergeht. Die Berliner Mauer ist bereits gefallen. Die Wende hat die ersten Verlierer aussortiert, und an diesem Tag ist das Ministerium für Staatssicherheit dran. Es wird aufgelöst. "Es musste sich um einen Fehler, ja vielleicht sogar um einen gigantischen Ulk handeln", hofft S., der Stasi-Offizier, der auch jetzt noch nicht einsehen mag, dass alles zu sehen nicht bedeutet, alles zu wissen. Wie unscharf die Dinge werden, je manischer man sie betrachtet, und wie pathologisch die Angst eines Staates sein muss, der sein Volk beim Autowaschen und Eisessen observiert, davon erzählt Aus Liebe zum Volk von Eyal Sivan und Audrey Maurion. Sivan wurde in Deutschland vor allem mit Der Spezialist, der von Maurion geschnittenen Dokumentation des Jerusalemer Eichmann-Prozesses, bekannt. In seinem neuen Film, einer Collage aus Überwachungsmaterial, Nachgedrehtem, Schulungs- und Privatfilmen, sabotiert das Dokumentarfilmduo konsequent die vermeintliche Evidenz des fotografierten Bildes. Was man wann zu sehen bekommt, bleibt dabei unklar. Ob etwa die spielenden Kinder, die in der überlangen Brennweite zu vagen Bewegungsschemen werden, aus den Archiven der Gauck-Behörde stammen oder von Sivan und Maurion hinzugefügt wurden, darüber gibt der Film keine Auskunft. Die Fragmentierung des Augenscheinlichen, die Verunsicherung des Kontextuellen ist Sivans und Maurions essayistische Methode, um den behördlichen Bilderglauben mit spielerischer Dialektik und Skepsis zu entmachten. Ihr Film begleitet den authentischen Abschlussberichts des anonym bleibenden Stasi-Offiziers, den Axel Prahl eine Spur zu burlesk und trutschig aus dem Off einspricht, mit Sequenzen, die keine Mutmaßungen wahrer erscheinen und keine Hintergründe erdeuteln lassen. Heimliches Westfernsehen, Ehebruch und Parksünden - mit Top-secret-Dokumenten eines allwissenden Staates hat das wenig zu tun, eher mit einer trostlosen Banalitäten-Sammlung. All die Wohnzimmer-Überwachungen und Telefonmitschnitte über die konterrevolutionären Aktivitäten der "kerzentragenden Bevölkerung" bebildern vor allem eines: den hilflosen nationalen Kontrollwahn, der mit Herrn S.s Abschiedslamento bis in die kleinste staatliche Zelle und auf einen schon rührenden Schrebergarten-Sozialismus heruntergebrochen wird.