Nach elf Jahren läuft wieder ein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes. Er wurde nicht von Werner Herzog gedreht. Auch nicht von Wim Wenders. Und Rainer Werner Fassbinder ist immer noch tot.

Gilles Jacob, der Präsident des Festivals, hat es offenbar aufgegeben, weiter nach der Reinkarnation des Neuen Deutschen Films zu suchen. Allenfalls in Nebenreihen mochte man in Cannes Arbeiten von Oskar Roehler oder Angela Schanelec zeigen, deren neuer Film Marseille in der Reihe Un certain regard zu sehen ist. Der für den Wettbewerb auserkorene Regisseur heißt Hans Weingartner und wurde vor zwei Jahren mit seinem Regiedebüt Das weiße Rauschen bekannt. Die Schizophrenie-Studie, in der die Kamera in den Kopf eines jungen Mannes schlüpfte, war auch die Feuertaufe des Hauptdarstellers Daniel Brühl. Nun nimmt das Duo Weingartner/Brühl am exklusivsten Kinoempfang der Welt teil, mit dem Film Die fetten Jahre sind vorbei , der von der Verschwörung einer Hand voll junger Polit-Rebellen erzählt. Die Presse jubelt, Kulturstaatsministerin Weiss sieht einen "weiteren Beweis für die Qualität des deutschen Films".

Aber sollte man dem deutschen Kino wirklich gratulieren? Muss man froh sein, dass ein jahrelang auf die ewig gleichen Großregisseure fixiertes Auswahlgremium sich endlich zu unserer kleinen Filmlandschaft herniederbeugt? Werden wir Pastis-trunken über die Croisette torkeln, weil einer von hier es endlich geschafft hat in den tollen Club zwischen Yachthafen und Hotel Carlton, nachdem so viele andere von einem Grüppchen unerbittlicher Türsteher abgewiesen wurden? Nein! Das Gegenteil ist der Fall. Cannes muss uns dankbar sein. Dafür, dass in Deutschland seit Jahren ein Kino vor sich hin wächst, das dem konservativsten der großen Festivals nun endlich den Spiegel der eigenen Verbohrtheit vorhält. Mit seiner Fixierung auf ein vermeintliches Establishment war der Wettbewerb von Cannes schlichtweg zu altväterlich, um Regisseure wie Andreas Dresen, Wolfgang Becker, Fatih Akin oder Christian Petzold wahrzunehmen. Sehr bald schon wird dem greisen Direktor Gilles Jacob nichts anderes übrig bleiben, als das Festival aus dem starren Griff seiner verknöcherten Cineastenfinger zu entlassen. Sein künstlerischer Leiter Thierry Frémaux wird gut dran tun, sich den hiesigen Filmschaffenden mit Kratzfüßen, Myrrhe und Lobgesängen zu nähern, in der Hoffnung, dass man ihm die jahrelange Ignoranz nicht allzu sehr nachträgt. Weitere Maßnahmen könnten die Auflockerung befördern: Beschränkung der französischen Wettbewerbsfilme auf zwei pro Festivalausgabe, Senkung des Altersdurchschnitts der Regisseure um 20 Jahre, lebenslanges Teilnahmeverbot für Theo Angelopoulos, fünfjähriges Moratorium für das Wort "cineastisch" bei allen Ansprachen. Jacob und Frémaux sollten ihre Reformen schleunigst auf den Weg bringen. Sonst könnte sich sehr bald schon gar kein deutscher Film mehr herablassen, am notorisch unhippen Wettbewerb eines südfranzösischen Rentnerstädtchens teilzunehmen. Schließlich hat man hierzulande wieder einen Ruf zu verlieren.