Noch gibt es das europäische Grundgesetz nicht. Der Verfassungsgipfel im Dezember in Brüssel scheiterte, und trotz positiver Vorzeichen ist nicht sicher, ob sich Europas Staats- und Regierungschefs beim nächsten Anlauf im Juni einigen werden. Europas Verfassung existiert bisher nur als Entwurf, vorgelegt im vergangenen Sommer vom Verfassungskonvent unter der Leitung von Frankreichs früherem Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing. Aber trotz aller Vorläufigkeit werden nach Tony Blairs Ankündigung, das Volk über die Zukunft des Kontinents abstimmen zu lassen, erste Szenarien für ein mögliches Nein der Briten durchgespielt. Sollte das Referendum über die EU-Verfassung im Vereinigten Königreich oder auch anderswo scheitern, bedeutet das nicht zwangsläufig das endgültige Aus für das Projekt. Auf der letzten Seite des Entwurfs heißt es dazu: Haben nach Ablauf von zwei Jahren nach der Unterzeichnung "vier Fünftel der Mitgliedsstaaten den genannten Vertrag ratifiziert und sind in einem Mitgliedsstaat oder mehreren Mitgliedsstaaten Schwierigkeiten bei der Ratifikation aufgetreten, so befasst sich der Europäische Rat mit der Frage". Nachsitzen in Brüssel also, wie schon im Falle der Dänen: Nach einer gescheiterten Volksbefragung wurde ihnen 1993 das Recht auf Nichtteilnahme an der Währungsunion eingeräumt und damit in einem zweiten Versuch der Maastrichter Vertrag gerettet. Ebenso denkbar ist die erneute Abstimmung. Diese Version wurde 2002 beim Vertrag von Nizza in Irland mit Erfolg getestet. Sollten beide Möglichkeiten scheitern, sieht der Verfassungsentwurf noch einen letzten, bisher nicht möglichen Ausweg vor: "Jeder Mitgliedsstaat kann gemäß seinen internen Verfassungsvorschriften beschließen, aus der Europäischen Union auszutreten."