Ein Papierschiff basteln, das höchstens zehn Gramm Masse besitzt und nicht sofort absäuft, wenn man es mit Bleikugeln belädt: Das ist nichts für mich, stelle ich fest, als ich die Bedingungen des 8. Internationalen Papierschiffwettbewerbs lese. Da werden die Hauptspant- und Wasserlinienvölligkeit vorgegeben sowie der Wasserlinieneintrittswinkel. Eher etwas für Profis also; denn was, bitte sehr, ist Hauptspantvölligkeit?

"Oh, wir dachten, das sei ganz einfach", sagt Robert Bronsart, Schiffbau-Professor vom Institut für maritime Systeme und Strömungstechnik der Universität Rostock, "wir wollten bloß keine schuhkartonförmigen Boote haben." Deshalb habe man den Wert für die Völligkeit begrenzt. Er verrät, was gemeint ist: Ein Schiff ist umso völliger, je größer die benötigte Last ist, um es ein bestimmtes Maß einzutauchen. Ein quaderförmiger Kasten ist demnach völliger als ein schlank gewölbter Rumpf. Er kann zwar mehr tragen, ist aber alles andere als stromlinienförmig. Und der Wasserlinieneintrittswinkel von weniger als 30 Grad? Der soll bloß einen spitzen Bug garantieren, erklärt der Professor.

Stapellauf im Waschbecken

So aufgeklärt versuche ich mich am Vorabend des Wettbewerbs dann doch als Schiffskonstrukteur – mit einer Seite aus der ZEIT . Stapellauf im Waschbecken: Voilà! Das Schiff schwimmt. Behutsam belade ich es mit einem Schlüsselbund. Es trägt ohne Schlagseite. Auch die Münzen aus der Hosentasche. Die ZEIT hält sich prima. Was noch? Das Handy? Lieber nicht. Das Zeitungspapier hat sich voll gesogen. Außerdem muss ich los, eine Tube Uhu kaufen – für morgen!

Freitag früh im Foyer des Großen Hörsaals der Uni Rostock. 55 Schiffe werden hineingetragen. Im Aquarium schwappt das Wasser, die Waage wird justiert, eine Kamera positioniert. Ich ziehe mich in eine Ecke zurück, entreiße der ZEIT das Titelblatt und falte es so sorgfältig wie nicht einmal in Kindertagen. Die umgelegten Ecken fixiere ich mit Uhu. Nicht zu viel, man muss ans Gewicht denken. Vorsichtig trage ich es zur Waage: Exakt zehn Gramm! Stolz keimt in mir auf. Nun wird die ZEIT noch mit Klarlack imprägniert und zum Trocknen gelegt.

Die erste Konkurrenz rief Bronsart 1997 ins Leben, inspiriert durch die unter Bauingenieuren beliebten Papierbrückenwettbewerbe. Damals gab es in der Schiffs- und Meerestechnik viel zu wenig Studenten. Der sich besonders an Schulen richtende Wettbewerb wurde ein Erfolg. Ob sich aber jemand dadurch zum Maschinenbaustudium inspirieren ließ, das bezweifelt Bronsart. Auch heute noch bittet ihn die Industrie händeringend um Absolventen. Letztlich geht es ihm vor allem darum, die Freude an der Ingenieurskunst zu vermitteln, darum, in der ständig abstrakter werdenden Welt konkrete physikalische Erfahrungen zu ermöglichen, und darum, einen neuen Weltrekord aufzustellen. "Im letzten Jahr schaffte ein 10-Gramm-Schiff, das also gerade so viel wog wie zwei Blatt Kopierpapier, das Gewicht von rund dreizehn Paketen Butter zu tragen." Sagenhafte 3328 Gramm.

"Wir werden die Schiffe jetzt versenken", begrüßt er das vor allem aus Schülern bestehende Publikum. "Ich hoffe, wir haben viel Spaß dabei." Dann geht es los. Wie ein Baby wird die Rasmus auf zwei Händen vorsichtig ins Wasser gelassen, um von einem zweiten Helfer aus einer Flasche mit kleinen Bleikugeln befüllt zu werden. "Gluck, gluck", macht sie und säuft ab. Die Bleikugeln kullern über eine schiefe Ebene in ein Sieb. Herausgefischt und abgetropft, kommt der Fang auf die Waage: 273 Gramm konnte die Rasmus tragen.

Dann geht es weiter: U-Boot Am Sonnenkamp macht seinem Namen alle Ehre und taucht gleich unter: 683 Gramm. Lucy beweist mehr Schwimmvermögen. Erst nach einer Weile beulen sich die Bereiche zwischen den Streben, das Wasser drückt erbarmungslos. Belastet mit 1061 Gramm Blei, geht sie baden. Babba Gump 2.0 besticht durch ein ausgetüfteltes Kassettensystem im Inneren, hat aber bei 984 Gramm Blei arge "Längsfestigkeitsprobleme". Schwupps ist sie von der Wasseroberfläche verschwunden.