Die Länder Afrikas kommen plötzlich in die Schlagzeilen, und ebenso schnell verschwinden sie wieder. Etwas länger halten sie sich auf den vorderen Seiten, wenn sie Hunderttausende von Toten produzieren, möglichst binnen weniger Monate wie im Fall Ruandas.

Nun also der Sudan. Die Wahrheit über Darfur, den westlichen Landesteil, ist jetzt durch einen UN-Bericht an den Tag gekommen – dank einer Indiskretion. Ein früherer Menschenrechts-Berichterstatter für den Sudan, der ehemalige deutsche Innenminister Gerhard Baum, hatte schon längst gewarnt: Da braut sich etwas zusammen, was an Völkermord gemahnt, und wir schauen wieder nur zu. Noch Anfang des Jahres schienen sich die Dinge im Sudan zum Besseren zu wandeln. So aussichtsreich verliefen die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung in Khartum und der Südsudanesischen Befreiungsfront, dass das Auswärtige Amt im Januar die Staatsministerin Kerstin Müller in den Südsudan schickte. Sie kam zurück mit dem Appell, den Untergebene von Joschka Fischer immer vortragen: Schickt deutsche Blauhelme! Aber da war die Katastrophe in Darfur noch gar nicht bekannt.

Folter, Mord, Vergewaltigung, Tausende von Toten und eine Million Menschen auf der Flucht – und ein Waffenstillstand zwischen Regierung und Rebellen, über dessen Akzeptanz und Haltbarkeit sich zurzeit noch nichts sagen lässt. Was also ist im Sudan zu tun?

Wichtig sind vor allem glasklare Vorgaben für die Politik. Mit der Regierung in Khartum muss Tacheles geredet werden. Das tun aber die Mächte der Welt nicht. Weder in New York noch in Genf, noch vor Ort. De facto ist der Sudan ein geteiltes Land, das muss endlich auch die Regierung in Khartum akzeptieren. Auf lange Sicht muss der Süden des Landes unabhängig werden, während für die Region Darfur eine Autonomieregelung getroffen werden sollte. Über die Aufteilung der Einnahmen aus den Ölfördergebieten im Süden bei Benthiu muss man sich verständigen – vielleicht so: 60 Prozent für Khartum, 40 Prozent für den Süden. Vor allem aber muss die Regierung endlich mit den schändlichen Bombenangriffen auf ihre eigene Bevölkerung aufhören, die schon im Süden und nun auch im Westen zu verheerenden Massakern geführt haben.

Die Europäer stehen in einer besonderen Verantwortung; zwei Länder haben im Sudan auf beiden Seiten traditionell einen guten Ruf, bei den Arabern im Norden ebenso wie bei den Schwarzafrikanern im Süden und Westen: Norwegen und Deutschland. Der Mythos des German Medical Team (BMZ, GTZ, DED) unter der Leitung des deutsch-französischen Entwicklungsagenten Jean-Pierre Ruhlmann während der achtziger Jahre ist unter den Schwarzafrikanern des Südens immer noch lebendig. Ruhlmann selbst arbeitet heute im biblischen Alter in Juba, der größten und wichtigsten Stadt im Südsudan. Die Norweger haben schon in den Nuba-Bergen beherzt eine Friedensinitiative begonnen.

Man darf nun allerdings nicht die alten Instrumente wieder einsetzen. Nicht das umständliche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit sollte die Führung übernehmen, sondern ein Konsortium von Nichtregierungsorganisationen, die im Südsudan Erfahrung haben. Das Deutsche Aussätzigen Hilfswerk, die Caritas, Misereor und Brot für die Welt sollten eine Arbeit beginnen, für die es ein neues, mit beiden Parteien verbindlich verabredetes Mandat geben muss. Es sollte die geballte Erfahrung des Bundeslandes Niedersachsen hinzukommen, das seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit dem Sudan, speziell mit Darfur unterhält. (Als wir 1987 zum ersten Mal vom Tschad aus über die Grenze nach Darfur kamen, wurden wir als Deutsche vom Sultan misstrauisch beäugt. Erst als wir die Frage bejahten, ob Deutschland ein Teil von Niedersachsen sei, waren wir akzeptiert.)

Die technischen Schwierigkeiten sind zu meistern, obwohl sie den Kameralisten in Mitteleuropa zum Wahnsinn treiben können. Vor über hundert Jahren beschrieb Salisbury den Süden des Sudans als "Sumpf und Fieberland"; der französische Minister Hanotaux berichtete zur selben Zeit von einer Region, "bewohnt von Affen und Schwarzen, noch schlimmer als Affen". Dieser Rassismus lebt womöglich in uns allen weiter. Er darf nicht der Grund sein, den Sudan sich selbst zu überlassen und die Menschen in Darfur der Grausamkeit der Regierungsmilizen.