Niko war ein wunderbarer Leser in den ersten Jahren. Er las allein, er las für die Schule, er liebte es, wenn ihm vorgelesen wurde", berichtet seine Mutter. Damit war es im Gymnasium vorbei. "Angesagt waren plötzlich Fußball und alles, was die anderen Jungen gut fanden." Der Gymnasiast las nur noch das Nötigste – was die Schule verlangte.

"Im Durchschnitt ist Lesen für Jungen schwerer als für Mädchen. Sie werden auf eine Weise sozialisiert, die es ihnen geraten scheinen lässt, so zu tun, als interessiere sie Lernen nicht" – so fasst Sebastian Kraemer, Kinder- und Jugendpsychiater in London (The Fragile Male), die schlechteren Leseleistungen von Jungen zusammen. "Sie denken wahrscheinlich: ,Bücher sind für Mädchen.‘ Und von allem Mädchenhaften grenzen die Buben sich ab."

Viel ist geschrieben, noch mehr spekuliert worden über den Unterschied in der Lesekompetenz von Jungen und Mädchen. Die verstörenden Ergebnisse der Pisa-Studie von 2000 rückten die mangelnde Lesekompetenz, insbesondere die auffällig niedrige Fähigkeit der Jungen, in den Mittelpunkt auch des deutschen Interesses. In allen Pisa-Teilnehmerstaaten erreichten die Mädchen im Lesen deutlich höhere Testwerte.

Nun hat die Pisa-Studie nicht nur schlechter lesende Jungen geortet, sondern auch die inzwischen viel beklagte Tatsache festgestellt, dass fast ein Viertel unserer 15-Jährigen nur auf dem elementarsten Niveau zu lesen vermag. Es kommt aber noch schlimmer: Der Anteil der Schüler, die nicht einmal auf dem Niveau der untersten Kompetenzstufe lesen können, ist bei uns mit zehn Prozent fast doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt.

Schnell war man mit den üblichen Erklärungen bei der Hand: Fernsehen, viele Ausländerkinder, große Klassen, zerbrochene Familien. Alle diese Faktoren haben Einfluss auf Schul- und Leseleistungen, indes sind solche Plagen nicht exklusiv deutsch, sondern der Fluch aller hoch industrialisierten Gesellschaften, und die meisten von ihnen haben trotzdem bessere Ergebnisse als die Deutschen. Liegt es vielleicht an der Motivation? Animieren die Eltern zu wenig? Versagt die Schule?

Motivation spielt beim Lesen eine Hauptrolle, und die Deutschen scheinen auch bei diesem Defizit rekordverdächtig zu sein: In keinem anderen Pisa-Land ist der Anteil der Schüler, die nicht zum Vergnügen lesen, so hoch wie bei uns (42 Prozent). Und auch hier wieder führen die Jungen mit über 50 Prozent vor den Mädchen, die ihre Leseunlust mit knapp 30 Prozent dokumentieren.