Leseförderung Jedes Kind braucht Bücher
Wie die ZEIT und die Stiftung Lesen die Leseförderung mit Hilfe einer Kampagne intensivieren wollen
Die Idee
Warum wir uns in einer Vorlese-Kampagne engagieren
Dass nicht alle Schüler, die in unserem Land die Grundschule verlassen, lesen und schreiben können, war auch vor Pisa kein Geheimnis; und dass diese Kinder es in ihrem späteren Schul- und Berufsleben schwer haben werden, liegt auf der Hand. Vier Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland, also Erwachsene, die kaum Stadtpläne oder Speisekarten entziffern können, sind ein dramatischer Beleg dafür, dass es nicht bloß um ein Randproblem unserer Gesellschaft geht.
Lesen ist dabei unendlich viel mehr als die Fähigkeit, Fahrpläne zu deuten. Wer liest, lernt denken. Er lernt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, mitzufühlen, Fremdes zu verstehen; lernt, aus abstrakten Zeichen innere Bilder zu produzieren. Natürlich ist Lesen auch eine Möglichkeit zum vorübergehenden Ausstieg aus der Wirklichkeit, und zwar im besten Sinne: Wer liest, hat die Chance, Luft zu holen und Distanz zu gewinnen – zu sich selbst und zur Welt.
In Büchern findet der Leser Spannung, Abenteuer, Leid, Kummer, Gefahren, Heldentaten, große Erlebnisse und ganz kleine Alltagssorgen. Er findet sich selbst – und entdeckt zugleich andere, aufregende Welten, die er nach Belieben betreten und wieder verlassen kann. Um diese Freiheit, auf die jedes Kind ein Recht hat, geht es uns.
Die jüngsten Erkenntnisse der Hirnforschung, die vor allem das Sprechen, aber auch das Lesen als Voraussetzung für die Ausbildung einer leistungsfähigen Gehirnstruktur identifizieren, sind ein zusätzliches, aber nicht das entscheidende Argument für eine engagierte Leseerziehung. Den besten Grund hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein formuliert: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Bücher machen diese Grenzen weit.
Die meisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Die Liebe zu Büchern gehört zum Besten, was sie ihm auf seinen Lebensweg mitgeben können. Aber wie erreicht man, dass ein Kind zum Leser wird? Es geht einfach darum, dass Kinder, lange bevor sie buchstabieren lernen, erfahren, wie spannend, lustig und befriedigend Geschichten sein können. Zwei Dinge sind dafür nötig: das Vorbild der Eltern und das häufige, am besten tägliche Vorlesen.
Aus diesem Grund heißt unsere Kampagne „Wir lesen vor – überall & jederzeit“. Wir wollen für das Vorlesen werben, und zwar auch bei jenen Eltern, für die der Umgang mit Büchern nicht selbstverständlich ist. Wir wollen, dass Bücher eine größere Rolle im Kindergarten spielen; dass in Grundschulen spannende, anregende Lektüre gelesen wird; dass alle Großeltern, Paten, Tanten und Freunde den Kindern in ihrer Umgebung Vorlesezeit schenken.
Die Stiftung Lesen als unser Kampagnen-Partner kann auf eine fast 30 jährige Erfahrung zurückblicken: Sie hat eine Fülle an Projekten entwickelt, die für Lesebegeisterung sorgen. Sie ist einer der führenden Ansprechpartner für Leseförderung in Deutschland; ihr Schirmherr ist der Bundespräsident. 80 Prozent des Stiftungsetats bringen Sponsoren aus der freien Wirtschaft auf. Die Kampagne wird von folgenden Partnern unterstützt: Deutsche Bahn AG, EnBW, Mitsubishi Motors Deutschland, Verlagsgruppe Random House und ZDF.
Die Ziele
Vorlesen und Erzählen sind nicht nur die preiswerteste Investition in die Zukunft unserer Kinder. Sie machen auch ganz einfach Spaß. Den Kindern sowieso – aber auch den „Großen“, wenn sie bereit sind, es einfach auszuprobieren.
Genau dafür möchten wir mit dieser Kampagne in einer breiten Öffentlichkeit werben: bei jungen Familien und bei allen engagierten Erwachsenen auf der Suche nach einer Beschäftigung, die in ganz besonderer Weise zufrieden macht und Sinn vermittelt. Denn „Kinder plus Bücher“: Diese Kombination beim Vorlesen bietet in doppelter Weise Schwung und Inspiration.
Wer kann mitmachen? Ganz einfach: alle!
Ob Eltern, Großeltern, Lehrer, Erzieher: Alle können sich an dieser Initiative beteiligen. Unter dem Kampagnen-Dach „Wir lesen vor“ werden nämlich nicht nur die bestehenden Vorlese-Initiativen der Stiftung Lesen gebündelt, sie werden darüber hinaus bundesweit in die Schulen hineingetragen: für mehr Spaß und Leselust im Klassenzimmer.
- Datum 29.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.04.2004 Nr.19
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