Spaghetti mit Gruselsoße
Ob die Zutaten Monster oder Mörder sind – Kinder und Jugendliche verschlingen das Lesefutter des Amerikaners R. L. Stine serienweise
Etwa eine Woche braucht R. L. Stine pro Bestseller. Die Idee hat er schnell: Es reicht schon eine Halloween-Maske, die sich nur mit Mühe abziehen lässt. Oder er liest in Oder fragt sich: Was wäre wenn? Wenn es Drachen, Werwölfe oder Mumien tatsächlich gäbe? Schon sitzt er in seinem mit Skeletten und afrikanischen Masken dekorierten Arbeitszimmer, überlegt sich Titel und Ende der Geschichte, erschafft die Hauptpersonen und gibt ihnen Namen aus dem Highschool-Verzeichnis seines Sohnes. Dann tippt er: zwei Seiten pro Stunde, acht Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Fertig ist oder Es folgen Lektorat, Satz, Druck, und ein neuer Stine liegt in den US-amerikanischen Buchläden. In guten Zeiten pro Monat einer.
Richard Lawrence Stine, geboren vor 60 Jahren in Ohio, schreibt seit bald 20Jahren Horrorgeschichten für Kinder und Jugendliche. Die Zeitschrift USA Today hat ihn 1999 zum erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautor aller Zeiten ausgerufen.
Die Mumie kündigt ihre baldige Rückkehr an
Er hat mehrere hundert Bücher veröffentlicht – Serien, Einzelbände oder Trilogien, zum Teil wohl auch unterstützt von einem Team junger Autoren – und mehrere hundert Millionen davon weltweit verkauft. In Deutschland erreichen seine Titel Auflagen von 150000; normal für ein Kinderbuch sind 5000. Jeden Tag bekommen die Verlage E-Mails von Kindern, die für ein Referat über ihren Lieblingsautor Informationen zu Stine und seinen Büchern brauchen. Bibliotheken schaffen jeden Band dreifach an und haben dennoch lange Wartelisten. Bei Umfragen vom Institut für angewandte Kindermedienforschung (IfaK) an der Hochschule der Medien in Stuttgart landen Stines bekannteste Serien – Gänsehaut für die Zehnjährigen und Fear Street für die Vierzehnjährigen – regelmäßig auf den vorderen Plätzen. R. L. Stine sei „der absolute Schriftsteller“, sagen die Kids.
Erwachsene dagegen kennen Stine nur selten. Um Klassiker zu sein, sind seine Bücher nicht alt genug, und dass Patentanten oder Pädagogen ihn mögen würden, verhindert allein schon die reißerische Aufmachung: blutrot und schwarz und mit grün-gnubbeliger Glibberschrift.
Alle Geschichten funktionieren nach einem ähnlichen Schema. Zum Beispiel bei der Serie Gänsehaut: Die Ich-Erzähler heißen Jodie oder Margret oder Monty und sind normale Mädchen oder Jungs. Sie machen gerade Urlaub auf einer langweiligen Insel, erledigen ihre Hausaufgaben oder spielen Frisbee, bis ihnen im zweiten Kapitel – spätestens – klar wird, dass etwas nicht stimmt: Die neue Holzpuppe klappt mit den Augen, der Drache aus dem Kartenspiel steht plötzlich im Vorgarten und fackelt die Rosen ab. Und schon geht es los wie mit der Achterbahn, immer schneller, hinter jeder Kurve ein neuer Schock. Oft gibt es zwischendurch scheinbar Entwarnung, und das Monster am Fenster ist nur der schrullige Nachbar. Zwei Sätze weiter aber schlägt „der Ausdruck der Erleichterung wieder in Entsetzen um“, denn der Nachbar ist nicht nur schrullig, sondern auch ein böser Zauberer. Am Ende siegt das Gute, also Jodie-Margret-Monty. Allerdings sollte kein Leser je völlig beruhigt sein: Das von Menschenallergie hinweggeraffte Sumpfmonster hat natürlich noch einen großen Bruder. Und die Mumie kündigt auf einem Zettel ihre baldige Rückkehr an.
Das Format Fear Street ist etwas schärfer, aber ähnlich: Jodie-Margret-Monty sind nicht mehr neun, sondern sechzehn Jahre alt, haben Verabredungen und ein Auto. Auf Seite vier tritt nicht der böse Zauberer auf, sondern ein richtiger Mörder, und es fließt viel echtes Blut. Schnell wird die Lage immer bedrohlicher, jeder könnte der Böse sein: die neue Klassenkameradin, der Nachbarsjunge, der Vater des Freundes; meist ist es der netteste Kandidat. Nach dem Showdown erklärt der Täter sich und seine Motive – Eifersucht, Rache oder Geldgier – und wird ins Gefängnis gebracht oder in die Irrenanstalt.
Gänsehaut erscheint bei Omnibus, dem Jugendbuchverlag von Bertelsmann, 60 Bände gibt es, die Reihe ist vorerst beendet. Fear Street ist bei Loewe untergebracht, im Herbst kommen zu den bisherigen 34 Bänden zwei neue dazu. Beide Verlage beobachten den amerikanischen Markt genau auf Neuerscheinungen. Die Serien laufen gut, seit Jahren, und sind für Loewe und Omnibus wichtige Standbeine. Mittlerweile.
Die ersten Bücher mussten die Verlage Mitte der neunziger Jahre in Deutschland mühsam anpreisen. Dass das Gruseln Kindern Spaß macht, konnte der Handel sich kaum vorstellen. Meister der Mutanten für die Kleinen, Tödliche Liebschaften für die Großen – verkraften die das denn?
Ein paar Jahre später ist die Antwort ziemlich klar: Ja. „Ja“, sagt der Autor selber, denn seine Leser sollen eine Gänsehaut bekommen, aber keine Albträume. „Ja“, sagt Kathrin Jockusch, leitende Lektorin bei Omnibus. „Weil wir nur die Bände von Gänsehaut gekauft haben, die unseren Richtlinien entsprechen. Das heißt, keine Geschichten, in denen die Eltern sich als Zombies entpuppen oder in denen echte, schlimme Krankheiten grassieren.“ – „Ja“, sagt Christiane Düring, Programmleiterin beim Loewe Verlag. „Wir wussten, dass Jugendliche in dem Alter Stephen King mögen. Das legte es für uns nahe, etwas speziell auf Jugendliche Zugeschnittenes zu produzieren.“ – „Ja“, sagt der Kinderbuchautor Günter W. Kienitz, der mehr als 30 Gänsehaut- Geschichten übersetzt hat. „Wir haben uns doch früher im Bett und am Lagerfeuer auch Schauermärchen erzählt – hätte es Gänsehaut schon gegeben, hätten wir die verschlungen.“
Die Kids haben also ihren Spaß, Autor, Verlage und Buchhändler verdienen Geld. Prima Sache, dieser Stine, könnte man meinen. Aber: Nicht nur der „teuflische“ Inhalt ist kritikwürdig, auch Stil und Sprache sind es. Wer von guter Kinder- und Jugendliteratur ein gewisses Quantum Originalität, ästhetische Komplexität, literarischen Wert und eventuell einen pädagogischen Auftrag erwartet, für den kann Stine nicht viel mehr sein als trivialer Schund.
Gerade das sei das Geheimnis seines Erfolges, schreibt Beate Busse in ihrer Diplomarbeit über Stines Gruselserien. Die Absolventin der Fachhochschule für Medien in Stuttgart kommt zu dem Schluss: Stine will unterhalten, und das, ohne seinen Lesern die kleinste Anstrengung zuzumuten. Zack, zack wird der Leser aus dem Alltag geholt, ins Abenteuer geworfen und darf nicht einmal am Ende des Kapitels kurz verschnaufen: Denn jetzt greift der Hai an, ein unbekannter Anrufer flüstert Drohungen, oder Jodie-Margret-Monty sehen irgendetwas Grausiges und erstarren entweder vor Schreck, stöhnen: „Oh nein“, oder fangen an zu schreien. Und hören nicht mehr auf, bis es im nächsten Kapitel die Auflösung gibt. „Ich bin immer bis zum Schluss gefesselt“, sagen Kinder. Übrigens auch manche Eltern, die eben mal prüfen wollten, was der Nachwuchs so liest. Über Stines Humor können Erwachsene allerdings meist nur müde grinsen. Viele Kinder dagegen lachen sich halb tot über Witze wie: „Ich mag dein Parfüm – ist das Floh- oder Zeckenspray?“, oder über den Geist, der nach hundert Jahren in seiner Flasche unter den Achseln schlimm nach Schweiß riecht.
Stine schreibt schlicht, sehr schlicht. Aber, so Beate Busse, er schreibt, wie Kinder und Jugendliche sprechen: Alles ist „toll“ und „cool“ oder „doof“, Feten sind „total stark“, und es gibt „einen Haufen zu Essen, Pizza, jede Menge Chicken Wings und so“. Stine verwendet fast nur Hauptsätze, je spannender, desto kürzer. Zum Beispiel, wenn „Lauries Hand etwas auf dem Tisch erwischt. Etwas Rundes. Eiskaltes. Vertrautes. Die kalte, feuchte Schulter einer Leiche. Eine Leiche.“ Jede Geschichte ist voll von „Moder“, „fahlem Licht“ und „aufgestellten Nackenhaaren“. Gerüche sind immer „widerlich“, Monster „furchterregend“, Getöse „ohrenbetäubend“ und Jodie-Margret-Monty immer „rasend schnell“ auf der Flucht. Billige Gruselklischees und ewig gleiche, oberflächliche Wort- und Satzbausteine – schon wahr. Aber offenbar kann sich der Leser hinter dieser Folie Drachen und Friedhöfe ausmalen, wie er es mag und aushält. Gleiches gilt für die blassen Hauptdarsteller: Weil Jodie-Margret-Monty meist nur Name, Haarfarbe und einen rudimentären Charakter haben, lässt es sich gut in ihre Rolle schlüpfen. „Stine schreibt so, dass ich denke, ich bin das selbst“, sagen die Leser.
Die feuchte kalte Schulter einer Leiche
Ein wichtiges Stilelement sind Fragen: „War das nur ein Traum gewesen?“, „War Roger von einer Art Ungeheuer in Stücke gerissen worden?“, und: „Warum hatte die Pflanze nach Casey gegriffen?“ Nicht nur Jodie-Margret-Monty rekapitulieren damit noch mal den Stand der Geschehnisse, auch der Leser.
So kann mühelos folgen, wer nebenher frühstückt oder fernsieht. Wer einfach nur schlecht lesen kann, kommt mit all diesen Hilfen zumindest ohne Frust durch die Geschichte. Viele „ästhetisch komplexe“ Bücher überfordern solche Kinder. Das gilt übrigens auch für das Paradebeispiel jener Bücher, die bei Eltern und Kindern beliebt sind, weil unterhaltsam und literarisch gut – für Harry Potter. Eine Untersuchung des IfaK lässt vermuten, dass viele Kinder Potter zwar kaufen oder ausleihen, aber vor den Hunderten von Seiten voller kleiner Buchstaben kapitulieren. Viele hätten nur darin geblättert oder den Band nach einigen Kapiteln beiseite gelegt. Und wer durchhielt, konnte nicht immer sagen, wo in seinem Abenteuer Harry gerade steckte und wie er dort hingekommen war.
Der durchschnittliche Stine dagegen hat 100 bis 150 Seiten, ist locker gesetzt und in rund 30 kleine Häppchen eingeteilt. Das ist zu schaffen. „Durch Stine bin ich eine richtige Leseratte geworden“, sagt ein 15-Jähriger, „und auch besser in Aufsätzen, weil ich mir oft Wörter klaue.“ Lesen bildet – nicht nur neue Horizonte, sondern schlicht die Deutschkenntnisse. Wer beim Schreiben kein Sprachbild vor Augen hat, dem fällt nicht auf, dass „Monnsta“ und „gruhselich“ irgendwie komisch aussehen.
Gänsehaut, Fear Street und Co sind offenbar die Spaghetti unter den Kinderbüchern: Mit wechselnden Soßen, Gewürzen und Käse schmecken sie jeden Tag. Und alle Kinder mögen sie, nicht nur einzelne „Zielgruppen“. Auch so lassen sich die schieren Mengen verkaufter und gelesener Bände erklären. Nicht nur die erwähnten „Leseungewohnten“ nämlich, sondern auch Vielleser, die mit anspruchsvollen Texten keine Schwierigkeiten hätten, durchleben gerne mal einfach ein Abenteuer.
- Datum 29.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.04.2004 Nr.19
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