Mag er Techno? "Sehr." Weltmusik? "Auch. Viele Sänger scheinen ihre Inspiration direkt aus der Quelle des Lebens zu schöpfen, besonders die Zigeuner." Ethno wie Techno finden sich in der Musik von Bugge Wesseltoft. Die elektronischen Rhythmen und die exotisch mäandernden Stimmen sind allerdings nur zwei Aspekte seines aus vielen Stilen sich zusammensetzenden Mischmaschs, dessen Grundlage der gute, alte Siebziger-Jahre-Jazzrock ist.

Film Ing, das neue Album, weckt Erinnerungen an das Saxofonweh Jan Garbareks, an die idyllisch-vertrackten Klaviermelodien Keith Jarretts, an den mit dem Quast gespielten Synthesizer Herbie Hancocks, an die Refrain-Dramaturgie von Weather Report. Warum hat Wesseltoft seine Band New Conception Of Jazz genannt: Ist dies nicht ein recht wiederaufgebackenes Jazzverständnis?

Neu ist – wenn schon – das, was er seinem Jazzrock gegenüberstellt, die aktuelle Rhythmusästhetik von Café del Mar bis HipHop und die Verwendung von Samples. Bisher war’s doch so: Der Jazz wurde von jungen Computermusikern, die selber kein Instrument spielen, auf verwertbare Stückchen hin abgesucht. Was passte, bauten sie in ihre elektronische Musik ein, als stimmungsvolles Kolorit. Wesseltoft, ein fähiger Pianist von knapp 40 Jahren, dreht den Spieß um: Er pickt Brauchbares auf, um seine Fusion-Musik damit zu spicken.

Für Film Ing hat der Vinylsammler alte Schallplatten hervorgezogen, solche mit Klangproben, die in den sechziger Jahren Schmalfilmern helfen sollten, ihre Super8-Streifen zu vertonen. Autohupen, quietschende Reifen, ein Spielmannszug… Dazu noch ein Lachsack, ein paar Takte Penderecki und "Bruce", der virtuelle Sprecher aus dem Speech-Menü des Apple-Computers, der jeden Text vorquäkt, den man ihm eintippt.

Interessant ist, wie Wesseltoft diese Partikel verwendet: Zwar passt er sie rhythmisch perfekt ein, doch lässt er sie als Bruchstücke stets erkennbar, ja, er stellt sie nachgerade aus. Dies mutet beinah altmodisch an, da viele andere Musiker derzeit an der Verwischung der Samples arbeiten, nicht nur aus Gründen des Urheberrechts, sondern auch um die penetrante (und zuweilen unwichtige) Frage nach Original und Implantat in den Hintergrund zu rücken.

50000 Stück verkauft

Vielleicht ist er auch geschäftstüchiger, als er zugibt, und das Neue in seiner Musik ist mehr ein Marketing-Gag als ein Spezifikum. Fest steht: Seine fünf Alben mit der Band verkaufen sich gut, allein von der letzten Studioplatte, Moving, sollen es 50000 Stück gewesen sein, im Jazz eine Menge. Kürzlich war er in Japan auf Tour, vergangene Woche spielte er in England, Anfang Mai kommt er für acht Konzerte nach Deutschland. Das Tourplakat zeigt ihn grinsend mit gefletschten Zähnen, eine Pistole im Anschlag: Er will dem Publikum seinen Willen aufswingen.