Am Ende dieses groß gedachten, mäandernden, 500 Seiten langen – das heißt auch um 100 Seiten zu langen – Romans geht ein alter Mann durch seine Wohnung in Harlem, erzählt Geschichten, spricht zu Besuchern, die nie kommen werden. Er hat die Zimmer in ein Museum verwandelt, das die größte Sammlung über John Henry auf Erden enthält, über jenen legendären schwarzen Bohrhauer, der – so sagt man – 1872 beim Tunnelbau gegen eine Dampfbohrmaschine zum Wettkampf antrat, sie besiegte und danach tot umfiel. In den Zeiten, da Schwarz und Weiß, Freund und Feind noch deutlich zu unterscheiden waren. Vormittags spielt der einsame Mann die ältesten Fassungen des John-Henry-Songs vom Tonband, mittags legt er die 78er-Schellackplatten auf, dann die 33er-Langspielplatten, dann Kassetten, CDs – ein langer Gang durch hundert Versionen eines Liedes, das die Legende am Leben hielt. Er hofft, dass die Menschen endlich kommen, um "John Henry anzunehmen". Vergeblich, die schwarze Offenbarung bleibt Illusion. "Die Rede schlief in seinem Mund."

Es ist nur eine Episode aus John Henry Days, dem umstrittenen Roman des jungen Autors Colson Whitehead, der dem legendären John Henry den alerten Journalisten J. Sutter gegenüberstellt. Whitehead verwandelt das Museum in ein Buch, kippt die Chronologie, färbt die Fundstücke stilistisch unterschiedlich ein und versieht sie mit zeitgemäßen Anmerkungen und Fragezeichen, wie die Postmoderne es befahl. Enzyklopädisch nennt man wohl jenen Romantypus, der damit leben muss, dass Leser und Besucher durch manche Kapitel pflichtschuldigst huschen, Wissenswertes beeindruckt registrieren, in einigen Räumen vergnügt verweilen und andere nicht mehr verlassen möchten, so sehr berühren sie Kopf und Herz.

1996 veranstaltet die kleine Stadt Talcott in West Virginia ein Festival, um die John-Henry-Gedenkmarke der amerikanischen Post zu feiern. Von überall her reisen Nashville- like die Darsteller der Geschichte an: der Briefmarkensammler, der sich am Ende mit einem Amoklauf aus dem Leben verabschiedet, die Tochter jenes Sammlers aus Harlem, die das eingelagerte John-Henry-Erbe an die Stadt verkaufen wird, und schließlich eine Journalisten-Crew, die als Spesenritter und Allesfresser jede Nachricht und jede Einladung abgrast, die sich ihr bietet. Böse fächert Colson Whitehead die Typologie eines Berufsstandes auf, der die Kultur des Schreibens in die Kunst, sich stilvoll durchzufuttern, verwandelt hat. Möglichst viel absahnen auf dem Weg über die Websites, die Buffets und Bestsellerlisten, Erster sein, am Puls der Zeit, die "Jubelprosa" gut abgespeichert.

J. Sutter, kurz "J." genannt, zählt zu jenem exklusiven Kreis von Freiberuflern, die zur "Liste" zählen, die von Event zu Event ziehen und zynisch ihre Artikel-Typologie abhaken. J. hat beschlossen, die Herausforderung jener anonymen Liste anzunehmen, nicht, indem er mit ihrer Allmacht kämpft, sondern indem er sie benützt. Seit drei Monaten befindet er sich auf Spesentour, sammelt die Memorabilia der Moderne, die heiligen Quittungen, reserviert sich abends Sandwiches fürs Frühstück, reinigt seine Anzüge auf Kosten des Auftraggebers im Hotel, will den Rekord der Spesenritter brechen. Und in der Ferne leuchtet als Verheißung am Buffet das ewige rote Licht der Wärmelampe über der Hochrippe.

Immer wieder finden sich Sätze – in der adäquaten deutschen Übertragung des Pynchon-Übersetzers Nikolaus Stingl, die den unterschiedlichen Stil-und Genre-Spielplätzen der Kapitel getreulich folgt –, die man genüsslich im Kopf zergehen lassen kann, etwa vom "Spesenritter als Amerikaner schlechthin": "Sie wollen etwas, sie wollen es sofort, und jemand anders zahlt die Rechnung." Und doch nützen sich die kleinen Gimmicks und großen Gemeinheiten ab, wirken manche Episoden wie Medien-Kabarett. Colson Whitehead kann es subtiler. Als Schulkindern ein Comic-Film über das Leben des schwarzen Helden John Henry gezeigt wird und der Nachspann vorüber ist, steht der Satz: "Die Leinwand wurde wieder weiß." Mehr muss nicht sein.

Wenn Colson Whitehead, 1969 in New York geboren und durch die Szene-Journalisten-Schule dieser Stadt gegangen, nicht satirisch wird, sondern sich in die Vergangenheit einfühlt, wird er ergreifend. Er lässt John Henry mit seinen Albträumen ringen, folgt dem Komponisten des John-Henry-Songs, der als singender Plugger auf der Straße steht und mit Liedern die Passanten in die Lokale lockt, sitzt in einer anderen Episode neben dem Bluessänger, der für 50 Dollar dem weißen Plattenboss seinen John Henry ins Mikrofon singt. Immer konfrontiert er Mensch und Maschine: Wenn der Plugger die Musiker besticht, damit sie seine Noten nach oben legen und seinen Song spielen, aus dem am nächsten Tag per Rotation ein Schlager werden soll, wenn der Bluessänger Moses jeden Abend versucht, mit seinen Songs eine Frau für die Nacht zu finden, dann spielt Mann um Frau um Mann um Geld. Doch wenn sich die gelochten Papierrollen in den ersten mechanischen Klavieren drehen, wenn sich der Bluessänger an die Schellackplatte verkauft, wenn John Henry gegen die Bohrmaschine antritt, ist das Spiel zu Ende. Keiner wird gewinnen, jeder verliert auf seine Weise.

Colson Whitehead, der 2000 mit seinem Debüt The Intuitionist (dt: Die Fahrstuhlinspektorin, Hoffmann und Campe Verlag) einen wunderbar dichten, doch unbeachtet gebliebenen Roman vorlegte, erzählt umso dringlicher, je mehr er zurücktritt und die Räume der schwarzen Vergangenheit öffnet. Man muss keine Sachbücher über die Schizophrenie des (schwarzen) aufsteigenden Bürgertums studieren, hat man die fünfzehnseitige Episode über Jennifer Sutter gelesen, jenes Mädchen, das sich für zehn Cent die Klaviernoten zu John Henry kauft und von seiner Mutter dabei erwischt wird, wie es diese "Gossenmusik" spielt. Nie wieder John Henry. "Versprichst du mir das?"

Wie sie auch heißen mögen in diesem Roman, Jennifer oder John oder jenes coole, undurchsichtige J., das am Ende auch Jesus bedeuten mag – der Weg ist irreversibel, die Wette gilt immer.