Berlin

Wenn Terroristen in Berlin einen Anschlag verüben, wird bei Norbert Schmidt das Telefon klingeln. Er lässt sein Handy stets angeschaltet. Er wird erreichbar sein, selbst wenn die Netze schon zusammengebrochen sind vor Überlastung, denn sein Anschluss ist als Vorrangnummer bei den Telefongesellschaften gespeichert. Schmidt wird dann in sein Büro fahren, nicht weit entfernt vom Alexanderplatz, wo im Ernstfall die Zentrale Einsatzleitung des Landes Berlin eingerichtet wird.

Schmidt ist Referatsleiter für Katastrophenschutz beim Senat. Er strahlt eine gewisse abgebrühte Gelassenheit aus, wie man sie sich von Krisenmanagern wünscht: Die Anschläge in Madrid, sagt er, seien "keine Katastrophe gewesen", sondern eine "Großschadenslage", die trotz allen Schreckens doch geordnet abgearbeitet werden konnte. Wirklich schwierig seien "dynamische Lagen", wenn etwa nach Eintreffen der Rettungskräfte weitere Bomben explodieren. Einiges in Schmidts Büro ist für den Ernstfall vorbereitet: An den Wänden hängen zwei Uhren. Die Computer stehen auf Rolltischen, damit sie schnell zusammengeschoben werden können. An der Pinnwand hängt der Spruch: "Es geht vorbei!" Schmidt sagt: "Mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen kann ich nichts anfangen." Einmal in hundert Jahren könne auch bedeuten: in einer halben Stunde.

Die Sirenen wurden eingemottet

Die Öffentlichkeit erfährt wenig über die Arbeit von Norbert Schmidt und seinen Kollegen in Bund und Ländern. Politiker reden gern und laut über Polizei, Geheimdienste und die Bundeswehr, über Rasterfahndung, Abschiebung und alles, was zur Verhinderung eines Anschlags hilfreich sein mag. Über die möglichen Folgen eines Angriffs dagegen wird lieber geschwiegen. Vielleicht halten es die Innenpolitiker für ihre oberste Pflicht, niemanden zu ängstigen. Vielleicht hofft man, bin Laden werde die Deutschen wegen ihrer Gegnerschaft zum Irak-Krieg verschonen. Vielleicht ist es auch so, wie Wolfgang Düren sagt, der Abteilungsleiter für Gefahrenabwehr im nordrhein-westfälischen Innenministerium: "Es ist ein deutsches Tabu, dass die wirklich schweren Katastrophen auch einmal eintreten könnten." In anderen Ländern, in Holland beispielsweise, werde viel offener über Risiken gesprochen und rational diskutiert, wie man damit umgeht. "Bei uns", sagt Düren, "hat die Politik möglichst alles zu verhindern und die Bürger im Übrigen zu beruhigen."

Im Stillen spielen die Sicherheitsbehörden längst ihre Szenarien durch: Bomben auf Reisezüge oder Fußballstadien; ein Binnenschiff mit Düngemitteln, das auf dem Rhein vor Düsseldorf in die Luft gejagt wird; eine so genannte dirty bomb, ein mit radioaktivem Schrott versehener Sprengsatz, der Panik auslösen könnte; ein einziger Verpflegungsstand auf der Love Parade, wo jemand Gift oder Bakterien in die Bratwurst mischt…

Mit mehr als anderthalb Millionen Helfern und seinem dichten Netz von Feuerwehren, Hilfsorganisationen und THW ist Deutschland nicht schlecht vorbereitet auf Terroranschläge. Das Rettungssystem, das für die alltäglichen kleinen Notfälle aufgebaut wurde, kann im Ernstfall durch viele Ehrenamtliche verstärkt werden. Doch anders als früher gibt es heute in den Krankenhäusern kaum noch Bettenreserven. Wegen des Spardrucks im Gesundheitswesen wurden innerhalb von vier Jahren rund 30000 Klinikbetten abgebaut. In den kommenden Jahren sollen noch einmal mehr als 100000 wegfallen, insgesamt wäre das eine Kürzung um etwa ein Viertel. Außerdem werden heute Patienten später aufgenommen und früher entlassen, als dies in der Vergangenheit üblich war. Mit anderen Worten: Wer im Krankenhaus liegt, kann auch bei einem "Massenanfall von Verletzten", wie ein Terroranschlag in der Fachsprache heißt, nur in Ausnahmefällen heimgeschickt werden, um Betten frei zu machen. Reservelazarette der Bundeswehr helfen wenig, weil ihr Aufbau zu lange dauert; besser wäre es, die Kliniken hätten Notbetten im Keller.

Peter Sefrin von der Universität Würzburg ist Mitglied der Schutzkommission beim Bundesinnenminister; in diesen Tagen schließt er eine Studie ab, die auf ein weiteres Defizit hinweist: Bei einem großen Anschlag könnten ziemlich schnell Verbandsmaterial, Infusionslösungen, vor allem aber Arzneien gegen biologische und chemische Angriffe knapp werden. Die Sanitätsmateriallager aus dem Kalten Krieg sind schon lange abgeschafft. Krankenhäuser und Apotheken haben ihre Vorräte aus Kostengründen ebenfalls reduziert. Einige Länder wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen haben bereits eigene Depots eingerichtet. Eine flächendeckende Vorsorge aber würde viele Millionen Euro kosten – Geld, das bisher niemand ausgeben mag. Amerika ist nach dem 11. September diesen Weg gegangen.