Das ist ein großer Fehler", schimpft Gunnar Erth von der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (IHK) in Budapest. "Ausländer bekommen nur dann eine Arbeitserlaubnis, wenn eine Firma nachweist, dass sie keinen Einheimischen für den Job findet. Das dauert Monate, das ist ganz falsch, damit schadet sich das Land nur selbst", klagt Erth. Gemeint ist nicht Deutschland, nicht die Bundesrepublik, die zwar dem EU-Beitritt von zehn mittel- und osteuropäischen Staaten zugestimmt hat, sich aber nun gegen die unerwünschten Nachbarn abschottet. Nein, der IHK-Experte ärgert sich über die andere Seite, über Ungarn.

In Ungarn wird künftig Gleiches mit Gleichem vergolten. Deutsche sollen dort nur noch unter strengen Auflagen arbeiten dürfen.

Damit reagiert das Land zwar nur auf die restriktiven deutschen Gesetze. Aber längst schwappt eine Welle der Angst durch ganz Europa – die Angst vor armen Zuwanderern, die Einheimischen Arbeitsplätze streitig machen oder sich an den üppigen Sozialleistungen der Gastländer laben. Nach und nach haben praktisch alle Länder der alten EU erklärt, dass sie die Neuankömmlinge aus dem Osten nun doch nicht gleich völlig frei einwandern lassen wollen. In Deutschland sind jüngsten Umfragen zufolge 56 Prozent der Bevölkerung überzeugt, das beste Mittel im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit seien Barrieren gegen Einwanderer. Und selbst zwischen den Beitrittsländern entstehen neue Hürden: So verschärft Tschechien zum 1. Mai sein Grenzregime gegenüber der Slowakei.

Der Tag der Erweiterung ist historisch, der Eiserne Vorhang wird damit endgültig zu Geschichte – aber im Alltag der neuen EU soll es so ganz ohne Schranken erst einmal nicht gehen.

Das alte Europa hat sich Übergangsfristen ausbedungen. Für maximal sieben Jahre darf es den 74 Millionen neuen Europäern eines der wichtigsten Grundrechte der EU verweigern – die Freizügigkeit der Arbeitnehmer. Es gilt die 2+3+2-Regelung. Das heißt: Deutschland schränkt die Zuwanderung für zwei Jahre ein, dann soll entschieden werden, ob eine weitere Verlängerung nötig ist, zunächst drei Jahre, dann noch einmal zwei. Ähnlich verfahren die meisten anderen Staaten. Spätestens nach sieben Jahren müssen die alten Clubmitglieder aber den neuen die gleichen Rechte einräumen, die sie selbst genießen.

Immerhin bringt der 1. Mai, der Tag der Arbeit, schon Erleichterungen für die neuen EU-Ostler: Als Selbstständige können sie sich künftig in jedem Winkel der EU niederlassen. Firmen aus den Beitrittsländern dürfen außerdem hierzulande ihre Dienste anbieten – allerdings sind die Branchen, in denen ihre Konkurrenz am meisten gefürchtet wird, erst einmal davon ausgenommen. Auf dem Bau, bei Putzdiensten und "Innendekoration" sind slowakische oder ungarische Wettbewerber unerwünscht.

Auch für die vielen frisch gebackenen EU-Bürger, die längst in Deutschland leben, ändert sich etwas. Wer seit zwölf Monaten eine eigene Arbeitserlaubnis besitzt, darf zwischen Flensburg und Passau künftig uneingeschränkt rackern. Das dürfte einen großen Teil der rund 600000 bereits in Deutschland wohnenden Osteuropäer betreffen. Wer dagegen illegal schuftet, wird vom 1. Mai an zumindest ein Stückchen freier. Rund 1,8 Millionen Menschen aus den Beitrittsländern, kalkuliert Friedrich Schneider, Experte für Schwarzarbeit an der Universität Linz in Österreich, putzen, malen oder tapezieren bereits ohne Erlaubnis in der Bundesrepublik. Manch einer, der aus Angst vor Repressalien bisher alle drei Monate in die Heimat fuhr, um sich ein neues Touristenvisum zu besorgen, dürfte künftig etwas beruhigter durch deutsche Städte spazieren, denn zumindest die Visumspflicht fällt weg. "Es braucht jetzt keiner mehr den Touristen zu mimen", sagt Schneider, "man kann auch mit der Schaufel im Kofferraum die Grenze passieren und muss keine Fragen mehr beantworten."

Dass es wegen dieser Erleichterungen nun zu einem neuen Ansturm Illegaler kommt, bezweifelt der Ökonomieprofessor. "Bei der Schwarzarbeit gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage in Reinform, da hat sich schon ein paar Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein bestimmtes Marktgleichgewicht aufgebaut – das schwankt jetzt nur noch ein bisschen mit der Konjunktur."