Die EU-Erweiterung beginnt mit einer Spaltung. Es ist die zweite staatliche Teilung der Insel Zypern. Der Präsident Zyperns hat seine griechischen Bürger so lange eingeseift und aufgehetzt, bis sie in einem Referendum am vorigen Wochenende den UN-Plan zur Vereinigung ablehnten. Gleichzeitig stimmten die türkischen Zyprer zu. Die EU muss den griechischen Spielverderber an Zyperns Spitze nun als neues Familienmitglied begrüßen. Mit ihm importieren die Europäer den griechisch-türkischen Zwist aus der Levante. Die EU hat im Mittelmeer künftig eine umstrittene Grenze, an der UN-Truppen mit Panzern patrouillieren: ein Desaster für die europäische Diplomatie.

Wie konnte es dazu kommen? Das Scheitern hat viele Väter. Den entscheidenden Fehler haben die Regierungschefs der EU gemacht, als sie 1999 dem Druck der griechischen Regierung nachgaben. Die bestand darauf, bei der Osterweiterung die griechischen Zyprer in die Union aufzunehmen – egal, ob mit den Türken vereint oder nicht. Athen fürchtete, dass sonst die Türken auf Zypern und in Ankara faktisch ein Veto-Recht über den Beitritt der Insel gehabt hätten. Dazu gab das aggressive Gebaren der Türkei Mitte der neunziger Jahre allen Anlass. Nur haben sich die Zeiten geändert. Heute haben im südlichen Zypern griechische Nationalisten und Extremisten aller Farben die Regierungsbänke gekapert. Der EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen fühlt sich von Präsident Tassos Papadopoulos "hintergangen". Nichts anderes war Papadopoulos’ Absicht.

Munition gegen den Plan

Die Lehrzeit des zyprischen Präsidenten war der griechisch-zyprische Maximalismus der späten fünfziger Jahre: Terroranschläge gegen Türken, Anschluss der Insel an Griechenland. Der Kompromiss ist auch heute Papadopoulos’ Sache nicht. Bis Ende 2003 heuchelte er nur so lange Zustimmung zur Wiedervereinigung der Insel, wie er wusste, dass ein anderer seine Arbeit machte. Auf Rauf Denkta≠, den Stahlbeton-Immobilen an der Spitze des türkisch-zyprischen Staates, war Verlass. Der Mann arbeitet seit vierzig Jahren an seinem Lebenswerk, der Teilung der Insel und Segregation ihrer Bewohner. Als sich jedoch zu Jahresbeginn viele Zypern-Türken von Denkta≠ abwandten, schwenkte Papadopoulos von Kooperation auf Sabotage um.

Plötzlich war der Kompromissvorschlag von UN-Generalsekretär Kofi Annan völlig unzureichend. Dem Griechen kam zupass, dass die UN-Vermittler den Türken noch einige ungeschickt verpackte Zugeständnisse machten. Das war Munition für Papadopoulos’ Propagandaschlacht gegen den Plan. Er paktierte sogar mit den Russen, die im UN-Sicherheitsrat per Veto eine Resolution für die Vereinigung stoppten. Nach Moskauer Muster ließ Papadopoulos Andersdenkende einschüchtern, erteilte Fernsehverbot und Lauschaufträge. Ihm zur Seite standen geifernde orthodoxe Geistliche, Geschäftsleute, die Konkurrenz aus dem Norden fürchten, sowie der um seinen Job bangende Zentralbankchef. In Athen verhielt sich die neue Regierung von Premierminister Kostas Karamanlis recht stümperhaft und schwieg zu alledem. Das Ergebnis war, dass fast 76 Prozent der Zypern-Griechen den Plan ablehnten und ihr Nein auf der Straße bejubelten.

Was sie da feiern, ist jedoch in Wirklichkeit die Befreiung der Türken von ihrer Rolle als Bösewichte der Geschichte. 1974 hatten Politiker und Generäle in Ankara die Anschlusspläne des Athener Obristenregimes als Vorwand benutzt, die Insel zu besetzen, zu teilen und die Griechen aus dem Norden zur Flucht in den Süden zu zwingen. Ankara wollte weniger die türkische Minderheit schützen als einen strategischen Ankerplatz im Mittelmeer erobern. Dafür marschierten rund vierzigtausend Soldaten ein. Ihr Splitterstaat auf Zypern wurde nur von ihnen selbst anerkannt. Das ist seit Sonntag vergangen und vergeben. Mit ihrem Nein gelten fortan die Griechen als Spalter der Insel. Sie glauben, als EU-Mitglied bekämen sie bald eine zweite Verhandlungschance zu besseren Bedingungen. Sie wird nicht kommen.

Die türkische Regierung wird es künftig nicht mehr nötig haben, den Griechen noch einmal so weit entgegenzukommen. Sie hat schließlich alles getan, damit der UN-Plan angenommen würde. Fast 65 Prozent der Zypern-Türken haben zugestimmt.