Paris
Das jüngste Lob auf die französische Wertarbeit kam aus Südkorea. Seitdem vom 1. April an auf der 400 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Seoul und Pusan insgesamt 46 französische TGV-Züge ihren Betrieb aufgenommen haben, freuen sich täglich über 300.000 Koreaner über die Segnungen der französischen Transporttechnik. Mit dem Erfolg der vom Konzern Alstom gebauten Superzüge können sich die Franzosen zudem große Hoffnungen machen, auch mit China ins Geschäft zu kommen. Zugleich hat Alstom jüngst mit dem Stapellauf der Queen Mary II den Weltrekord des größten und teuersten Passagierschiffs errungen. Und in Frankreich zählen die TGVs, Waggons und Metro-Züge von Alstom seit Jahrzehnten zum industriellen Kulturerbe.

Kein Wunder also, dass die jüngsten Meldungen über einen Einstieg von Siemens bei Alstom die französische Seele aufwühlen. Zwar hatte Siemens-Chef Heinrich von Pierer schon länger von der Bildung „großer europäischer Ensembles“ geschwärmt und ein begehrliches Auge auf den Konkurrenten Alstom geworfen. Doch erst seit dieser Woche kann er sich berechtigte Hoffnungen machen, dass sein Interesse auch erhört wird. Dabei profitiert er von einem geschickten Schachzug der französischen Regierung, die für ihre Einflussnahme auf die Fusion der Chemie-Giganten Sanofi und Aventis vor allem von deutscher Seite heftig des Staatsinterventionismus geziehen wurde. Um zu demonstrieren, dass die Franzosen gar nicht so wirtschaftspatriotisch sind, wurde Siemens-Chef Pierer am Tag des Sanofi-Deals von Premier Raffarin nach Paris geladen, um über die Alstom-Zukunft zu beraten.

Dass das französische Traditionsunternehmen mit weltweit über 100.000 Beschäftigten trotz guter Umsätze und Spitzentechnologie schwer angeschlagen ist, rührt von der massiven Unterkapitalisierung des Unternehmens her. Zur Rettung anderer Industriezweige war die Kapitalausstattung von Alstom wiederholt reduziert worden, so dass sich heute ein Fehlbetrag von 3,2 Milliarden Euro aufgetan hat, für dessen Begleichung jetzt der Staat und 32 Gläubigerbanken geradestehen müssen. Um das Plazet des Brüsseler Wettbewerbskommissars Mario Monti für die geplante Alstom-Rettung zu bekommen, darf der französische Staat allerdings keine finanziellen Beihilfen leisten. Dafür könnte Raffarin und seinem Wirtschaftsminister Sarkozy jetzt der Siemens-Einstieg bei Alstom wie gerufen kommen.

Er sei stolz, im Matignon-Palast direkt neben Premier Raffarin gesessen zu haben, schwärmte Heinrich von Pierer am Montag, als er bei einem Treffen der französischen Regierung mit europäischen Wirtschaftsführern in Paris weilte. Und natürlich habe Raffarin ihn auch auf Alstom angesprochen. Klar ist, dass die Franzosen in jedem Fall verhindern wollen, dass außereuropäische Konkurrenten wie General Electric oder Mitsubishi bei Alstom einsteigen. Doch für den Alstom-Chef Patrick Kron bedeutet diese Abwehrschlacht noch lange nicht, dass er mit Siemens zusammengehen will. „Unter keinen Umständen“, so Kron, plane er eine Annäherung mit den Deutschen. Offensichtlich bevorzugt er den Einstieg des französischen Energie- und Atomkonzerns Areva. Dort zeigt sich die Areva-Präsdentin Anne Lauvergeon allerdings gar nicht begeistert. Eine „Feuerwehr-Rolle“ wolle sie für Alstom keinesfalls spielen, anstelle einer Fusion beider Unternehmen komme allenfalls eine begrenzte Kapitalbeteiligung in Frage.

Da wird Premier Raffarin bei seinen eigenen Wirtschaftsführern noch kräftige Überzeugungsarbeit leisten müssen. Derweil kann Siemens in Ruhe abwarten. Die kurzfristige Rettungsstrategie von Alstom, sich mit Dumping-Preisen auf dem Markt zu behaupten, wird nicht lange funktionieren. Auch der Widerstand von Wirtschaftsminister Sarkzoy gegen die Zerschlagung von Alstom in Einzelteile könnte überwunden werden, wenn Siemens zunächst eine fünfzehnprozentige Kapitalbeteiligung anstrebt. Und wenn daraus eines Tages deutsch-französische Technikkonzerne wie Airbus in der Luftfahrt oder Siemens-Framatome in der Nuklearsparte entstehen, kann sich eigentlich keiner mehr beklagen.