Freude, Jubel, hymnische Beschwörungen - ob Chirac, Schröder oder Blair, sie alle intonieren das Lied vom neuen Europa und malen die Zukunft in leuchtenden Farben. Für Gerhard Schröder geht der Traum von Generationen in Erfüllung, Frankreichs Präsident spricht von einem historischen Sprung nach vorn. Niemand, so scheint es, will den Freudentag trüben. Doch all die schönen Sonntagsreden werden den Kater nach der Erweiterungsparty nicht verhindern können. Ohnehin war die Euphorie mancherorts in der EU eher gedämpft, wenn nicht gar nur vorgeschoben. Hätte man die Völker um ihr Plazet über die Erweiterung befragt, wäre das Projekt wahrscheinlich bereits an ihrem Veto gescheitert. Selbst ihre Regierenden schauen insgeheim mit gemischten Gefühlen in die europäische Zukunft, auch wenn Zweifel an der Weisheit der aufgeblähten Union nur von Staatsmännern im Ruhestand, etwa Helmut Schmidt, geäußert werden. Dabei ist es kein Geheimnis, dass man mancherorts den Zeitpunkt der Erweiterung lieber noch eine ganze Weile aufgeschoben hätte. Nur war der Prozess der Erweiterung einfach zu weit gediehen.

Die Freude über das neue große Europa wird also nur von kurzer Dauer sein. Die Probleme, die sich aus einer Union der 25 ergeben, dürften dagegen Regierungen und Völker über Jahre hinweg in Atem halten. Zunächst einmal wird es alles andere als leicht sein, die 10 neuen Mitgliedsstaaten zu integrieren. Die Migrationswellen, die von ihnen ausgehen, werden der „alten“ EU reichlich Kopfschmerzen bereiten. Vor allem stellt sich der Entscheidungsprozess innerhalb der Union künftig noch weitaus schwieriger dar. Die EU war zuletzt schon, in der undiplomatischen Formulierung des finnischen Botschafters in London, „chaotisch und führungslos“. Ob dieses Verdikt in der Härte zutrifft oder nicht: Die Erweiterung mindert den Einfluss des traditionellen Führungsduos Paris – Berlin, ohne für ein neues Entscheidungszentrum zu sorgen. Dagegen wird die Rivalität zwischen den Großen der EU an Intensität zunehmen.

Das Tauziehen um Einfluss und Führungsrolle in der neuen EU begann schon, bevor noch die Erweiterungsparty vorüber war. Vor allem Frankreich und Großbritannien beharken sich in einem Krieg der Worte. Vergessen sind die feierlichen Reden, die vor ein paar Wochen erst noch aus Anlass des 100. Jahrestages der Entente Cordiale gehalten wurden. Stattdessen giften sich Blair und Chirac an, auf die feine indirekte Art natürlich. Den Startschuss machte der Brite mit einem Artikel in der Tageszeitung Le Monde , in dem er die Weisheit seines Entschlusses begründete, das britische Volk über die geplante Verfassung der EU in einem Referendum entscheiden zu lassen. (Und dabei wohlweislich verschwieg, dass ihn nur die pure Not zu diesem Schritt trieb.)

In Paris war man über Blairs Entscheidung ebenso erbost wie in Berlin. Den publizistischen Vorstoß Tony Blairs empfand die französische Regierung als provokativen Akt, setzte er doch Jacques Chirac unter erhöhten Druck, ebenfalls eine Volksabstimmung anzuberaumen. Darauf drängen mittlerweile immerhin 75% der Franzosen. Der Präsident lehnt es nach wie vor ab, sich auf ein Referendum festzulegen. Zugleich äußerte er, sicher nicht zufällig, eine gewisse Sympathie für eine Idee, die in Brüssel und Berlin gehandelt wird. Danach mögen die Länder die EU gefälligst verlassen, die es innerhalb von 2 Jahren nicht geschafft haben, die EU-Verfassung zu ratifizieren. Das war ganz unmissverständlich auf Großbritannien gemünzt, wo Blair sich eines "Ja" alles andere als sicher sein kann.

Der Premier konterte mit einem Artikel in der Times , worin er Großbritannien als natürlichen Anwalt der neuen Mitgliedsstaaten vorstellte. Die acht Länder Osteuropas hätten Amerikas entscheidenden Beitrag auf ihrem Weg in die Freiheit nicht vergessen; sie seien für Freihandel, ökonomische Flexibilität, unterstützten Londons Reformvorschläge für die EU und seien genau wie London für eine enge transatlantische Partnerschaft. Blair vermochte sich nicht den Hinweis darauf zu verkneifen, dass in allen zehn Beitrittsländern Englisch die zweite Sprache sei, wohl wissend, welch empfindlichen Nerv er damit bei den Franzosen treffen würde.

Die Briten glauben, im Spiel um wechselnde Allianzen und Mehrheiten innerhalb des erweiterten Europa gute Karten zu besitzen, trotz der jüngsten spanischen Wende hin zu Paris und Berlin. Das Kalkül der Briten: Die Neuankömmlinge aus dem Osten wollen nicht sogleich ihre frisch gewonnene Souveränität preisgeben, nachdem sie erst kürzlich einer, wenn auch äußerst garstigen, zentralistischen Bürokratie in Moskau entkommen sind. Der Konflikt um den Irakkrieg, in dem sich die Beitrittsländer auf die Seite Londons und Washingtons schlugen, ließ erstmals die außenpolitische Front sichtbar werden, die fortan quer durch die Europäische Union verläuft. Chiracs zornig-herablassende Reaktion auf die Aufmüpfigkeit der Neulinge haben die osteuropäischen Nationen nicht vergessen.

Die Briten rechnen damit, dass sie von der neuen Konstellation profitieren werden. Sie hatten stets auf „weiter“, doch nicht „tiefer“ gesetzt, wohl wissend, dass eine EU von 25 und bald 30 oder mehr Staaten den Traum der Integrationisten ein für allemal beenden würde. Zwingend folgert daraus, dass sich London nun auch für den baldigen Beitritt der Türkei einsetzt. Chirac dagegen lässt keinen Zweifel daran, dass ihm danach überhaupt nicht der Sinn steht und er dieses Unterfangen auf eine möglichst lange Bank schieben möchte. Angesichts all der klaren Interessensgegensätze sollte man sich in Europa darauf einstellen, dass es künftig mehr dieser Gefechte um Einfluss und Freunde geben wird. Europäische Politik heißt fortan, viele Bälle zugleich zu jonglieren. Die Zeiten, in denen Paris und Berlin stark bestimmenden Einfluss auf das Geschehen nehmen konnten, sind vorbei.