The Event was the Message. Ausschließlich die Tatsache, dass die Berliner Mammutkonferenz der OSZE gegen Antisemitismus, an der hochrangige Repräsentanten von 55 Nationen teilnahmen, überhaupt stattgefunden hat, kann ihr als Erfolg angerechnet werden. Der „Aktionsplan“, der am Ende dabei herausgekommen ist, enthält keinen Gedanken, den die beteiligten Regierungsvertreter und Nicht-Regierungsorganisationen nicht auch schon vorher mit Inbrunst deklamiert hätten. Man verurteile jede Form von Antisemitismus, Rassenhass und Fremdenfeindschaft aufs Entschiedenste. Man werde antisemitische Übergriffe noch aufmerksamer „beobachten“ und noch strenger ahnden. Man werde noch mehr Wert auf Erziehung und Aufklärung legen – kurz, man werde die Anstrengungen, die man angeblich auch bisher schon auf die Bekämpfung von Judenfeindschaft verwendet habe, noch intensivieren.

Zwischen Anfang und Ende der Konferenz lagen zahllose Reden und Statements – allen voran die von Bundesaußenminister Joschka Fischer und US-Außenminister Colin Powell – in denen mehr oder weniger wortgleich das Übel des Antisemitismus verurteilt und zu seiner entschiedenen Bekämpfung aufgerufen wurde.

Doch wie dieser Kampf angesichts der ungeheuren Komplexität des Problems erfolgversprechend und mit dem notwendigen Differenzierungsvermögen in die Wege geleitet werden soll, kam im Plenum und in den zahlreichen Arbeitsgruppen kaum zur Sprache. Schon gar nicht wurden die Versäumnisse benannt, die dazu führten, dass antisemitische Hassparolen in Europa wieder Verbreitung finden konnten. Hatte sich Europa, stolz auf die „Bewältigung“ seiner Vergangenheit, nicht allzu lange in der Gewissheit seiner endgültigen moralischen Läuterungen gewiegt? Hat es nicht allzu gedankenlos den Antisemitismus, der doch eher ein perfides verschwörungstheoretisches Welterklärungsmodell ist, mit dumpfem, gewöhnlichem Rassismus auf eine Stufe gestellt? Hat man nicht neue antisemitische Bewegungen, vor allem die islamistische, allzu lange ignoriert oder verharmlost, um nicht in diplomatischen Konflikt mit der arabischen Welt zu geraten? Schiebt man von westeuropäischer Seite die Probleme mit dem Antisemitismus nicht allzu leichtfertig nach außen ab, wenn jetzt immer wieder darauf hingewiesen wird, dass mit der EU-Osterweiterung ein „ungebrochen“ nationalistischer Antisemitismus aus manchen osteuropäischen Ländern in die „postnational“ gestimmte EU eindringen könne?

Solche selbstkritischen Ursachenanalysen aber hatten auf der OSZE-Konferenz ebenso wenig Platz wie der Versuch, zwischen den sehr unterschiedlich gelagerten Phänomenen zu differenzieren, die unter dem Schlagwort „Antisemitismus“ zusammengefasst werden. Ressentiments gegen Juden bei Muslimen westeuropäischer Metropolen etwa haben ganz andere Motive und Folgen als die unter der polnischen Landbevölkerung, die sich durch die Restitutionsansprüche jüdischer Familien, deren Besitz unter der deutschen Okkupation geraubt worden war, bedroht fühlen. Um diese unterschiedlichen Ausformungen von Judenfeindschaft, die sich an einem bestimmten Punkt eben doch zu einem einzigen Syndrom verdichten könnten, angehen zu können, bedarf es spezifischer Analysen und Abwehrstrategien. Diskutiert werden muss auch, in welchem Maße die Zunahme offen geäußerter Vorbalte und Aggressionen gegen Juden der nachlassenden historischen Mahnkraft des Holocaust geschuldet ist. Solche Überlegungen aber gingen in Berlin unter einem Wortschwall von Beschwörungen des guten Willens unter. Oft hatte man den Eindruck, die politische Klasse Europas habe sich diese Konferenz mit großem Pomp und finanziellem Aufwand vor allem deshalb genehmigt, um ihr eigenes gutes Gewissen zu feiern. Und das personifizierte Gute hatte diesmal auch einen Namen: Joschka Fischer.

Immerhin: Der islamistische Antisemitismus wurde bei dieser Konferenz zum ersten Mal auf höchster europäischer Ebene überhaupt ausdrücklich als Gefahr benannt. Im abschließend verabschiedeten „Aktionsprogramm“ kam dieses brisante Problem jedoch bezeichnenderweise nicht mehr vor. Zu diffizile Fragen scheinen hier berührt zu sein, etwa das Verhältnis der Europäer zu Israel unter dem Eindruck des weiter eskalierenden Nahostkonflikts, aber auch innenpolitische Rücksichten auf die Empfindlichkeiten der muslimischen Minderheiten in den jeweiligen Mitgliedsnationen der OSZE.

Dennoch bleibt die Hoffnung, dass die Konferenz die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit nachhaltig auf das Problem des wieder erwachenden Antisemitismus gelenkt hat. Nun aber muss sich eine Phase tiefgründigerer, nachdenklicherer Beschäftigung mit den Gefahren anschließen, die der demokratischen Zivilisation dadurch drohen. Sonst wird die OSZE-Konferenz nicht mehr gewesen sein als folgenloser Bombast.