Manchmal wird eben auch das Private wirklich politisch - wenngleich etwas anders, als die Rebellen Anno '68 sich das gedacht hatten. Etwa so:

Ein hoher runder Geburtstag im engsten Familienkreis brachte denselben auf ein Donauschiff zu einer Kreuzfahrt von Passau nach Budapest - und zurück. Die Exkursion kann übrigens schon aus rein touristischen und landschaftlichen Gründen durchaus weiterempfohlen werden. Aber nun fiel dieser private Ausflug ausgerechnet auf die Tage, in denen sich der Beitritt vor allem der ostmitteleuropäischen Staaten zur Europäischen Union vollzog. Und damit wurde das Private zugleich auf eine intime Weise politisch.

Ich meine damit gar nicht einmal nur die symbolische "Benutzeroberfläche", die sich uns darbot: Die Probeflüge ungarischer Militärflugzeuge über die Donaubrücken von Budapest, die Europaflaggen in den Beitrittsländern und -städten, die Plakate, die im Aufbau befindlichen Festpodien in Bratislava (ein neu erfundener Kunstname der vormaligen Stadt Pressburg seit 1919), die Feuerwerke, die es in Wien und Linz zu besichtigen gab; auch nicht die vielen Nebenbemerkungen der Fremdenführer über das bevorstehende Ereignis, Hoffnungen wie Besorgnisse der Bevölkerung spiegelnd; und auch nicht einmal die pampige, historisch wie politisch instinktlose Bemerkung einer deutschen Mitreisenden zu einem ungarischen Schiffssteward: "Mich hat ja auch keiner gefragt" - ob sie für den Beitritt sei. Als ob irgendjemand die Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn gefragt hätte, bevor sie von den Deutschen erobert werden sollten - in Wirklichkeit aber für über 60 Jahre aus Europa hinausgeworfen wurden.

Nein, ich saß da nächtens auf dem leeren Sonnendeck des Schiffes und schob vor meinem ansonsten nüchtern dreinblickenden Auge all die ja auch irgendwie berechtigten ökonomischen Sorgen beiseite und dachte bei mir: Hätten wir dieses nicht alles schon vor hundert Jahren haben können - unter Umgehung der beiden Weltkriege; und unter Vermeidung von Millionen von Toten des Krieges und der Naziverbrechen - von den Milliardenschäden materieller Art einmal ganz abgesehen?

Was wir da betreiben, ist doch auch ein doppeltes Kriegsfolgenbeseitigungsprogramm. Von Wien, auf dem nächtens dunklen Sonnendeck ins Freudenfeuerwerk hinein betrachtet, bedeutet ja der Beitritt Tschechiens, der Slowakei, Ungarns und Sloweniens so etwas wie eine, wenn auch immer noch unvollständige, Rekonstruktion des alten habsburgischen Raumes unter den modernen, demokratischen Bedingungen der Selbstbestimmung der Völker. Und von Berlin aus (oder von der Oderbrücke in Frankfurt aus, auf der meine Tochter zur gleichen Zeit Feier und Feuerwerk miterlebte), wird aus der deutschen Politik der Teilung, ja Beseitigung Polens bis 1939 ff. nun wirklich erstmals in der bisher leidvollen Geschichte das Gegenteil, nämlich Partnerschaft.

Dies alles mag ja im Alltag noch schwierig werden - aber um wie vieles schwieriger wäre jede echte Alternative? Vor allem: Politik und Wirtschaft sind immer schwierig - warum dann nicht wenigstens mit einer historischen Perspektive.

Die Familie unserer Jubilarin war nach 1945 aus Schlesien vertrieben worden. Im nächsten Jahr wollen wir mit ihr wieder eine Flusskreuzfahrt unternehmen, dann von Potsdam aus über die Havel und Oder nach Breslau, in ihre ursprüngliche Heimat. Das wird sie selber auch schwer ankommen. Aber es wird möglich sein - wie so vieles, wieder und erstmals. Und darüber sollten wir uns nicht freuen?