Das Thema beunruhigte George Bush so sehr, dass er schnell noch zum Telefonhörer griff und den Chef des Pentagons anrief. Erst dann setzte er sich in den Bus, um seine Wahlkampfreise durch Michigan und Ohio zu starten. Donald Rumsfeld und der Präsident sprachen über das, was sie auch zu Wochenbeginn wieder auf jeder Titelseite der amerikanischen Zeitungen lesen konnten: Über die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten. Sieben amerikanische Soldaten haben militärische Maßregelungen erhalten, sechs davon die höchste, sagte ein Militärsprecher am Montag. Der Präsident verlangte weiter eine schnelle Aufklärung.

Der Fernsehsender CBS hatte als erster die schrecklichen Bilder aus dem Bagdader Gefängnis namens „Abu Ghraib“ veröffentlicht. Sie zeigten unter anderem einen amerikanischen Soldaten, der mit verschränkten Armen vor einer Pyramide aus nackten Körpern mit verhüllten Köpfen posiert. Ein weiteres Bild zeigte einen Gefangenen, der völlig in schwarze Tücher gewickelt ist und auf einer Holzkiste steht. An seinen Händen und Füßen hängen Kabel.

Mittlerweile berichten die amerikanischen Nachrichtensender zum Teil stündlich über die Reaktionen auf diese Bilder. Auch in den Printmedien füllen Zeilen über die abscheulichen Quälereien die Seiten. Sowohl liberale als auch konservative Medien verurteilen die Misshandlungen. Die Washington Post veröffentlichte am Montag einen Kommentar mit dem Titel „Bush als Saddam Hussein“, und im konservativen National Review schrieb ein Redakteur über die „Verbrechen in Abu Ghraib nach Saddam.“

Diese Berichterstattung verweist auf die Grausamkeit der Misshandlungen. Sie hat ein solches Ausmaß, dass kein Medium sie ignorieren kann. Dabei ist bereits die bloße Erwähnung für die USA unangenehm. Erstens erzeugt sie ein negatives Bild der Soldaten im Irak und stellt damit auch den umstrittenen Feldzug erneut in Frage. Zweitens wirft sie die Frage nach den Reaktionen der Gequälten auf und erhöht die Angst vor Terrorismus. Die tendenziell eher konservative Wochenzeitung The New Republic zitierte einen Iraker mit den Worten: „Dieses sind Dinge, die einen Iraker dazu bringen, eine Waffe zu nehmen und amerikanische Soldaten zu töten.“ Die New York Times bezeichnete die Misshandlungen als einen “Sieg“ für die Terroristen.

Im Detail ist die Berichterstattung der amerikanischen Medien recht unterschiedlich, was sich an den Schwerpunkten der Beiträge und Berichte erkennen lässt. Die Washington Post beschrieb das Thema aus der persönlichen Sicht ehemaliger Gefangener, die die Folter selbst erlitten haben und deren Brüder noch immer in Abu Ghraib gefangen sind. Auf der Titelseite druckte sie ein Foto der beiden Opfer. Die Fernsehsender Fox News und CNN konzentrierten sich eher auf die Suche nach der Schuld einzelner US-Soldaten. Dabei unterstützten sie auch die Argumentation des Präsidenten, die darauf abzielt, den Skandal so minimal wie möglich zu halten: Die Misshandlungen seien abscheulich, aber Einzeltaten. 99 Prozent der US-Soldaten seien davon nicht betroffen.

Dagegen schrieb am Wochenende Seymour Hersh in der Zeitschrift The New Yorker auf mehreren Seiten über systematische Misshandlungen einiger Gefangener. Möglicherweise geschah das bereits seit dem Afghanistankrieg und möglicherweise könnten dafür auch amerikanische Geheimdienste verantwortlich sein. Zu diesem Thema recherchierten außerdem zwei Reporter des Magazin Newsweek , die die These jedoch nicht beweisen konnten. Dennoch hat Bush auf die Vermutungen reagiert. Mittlerweile ermitteln die CIA und das Verteidigungsministerium im Auftrag des Präsidenten.

Besonders häufig nennen alle Medien einen Namen: Brigadegeneral Janis Karpinski. Sie leitete das Gefängnis von Juni 2003 bis Januar 2004, als die Soldaten die Inhaftierten misshandelten. Heute ist sie vom Dienst suspendiert und verteidigt sich damit, dass sie nicht rechtzeitig von den Qualen der Gefangenen erfahren habe. Newsweek sagte sie: „Das ganze Haftsystem ist kaputt.“ Auch The National Review schreibt über Mängel in US-Gefängnissen, über mangelhafte Interviewtechniken und über unzureichende Möglichkeiten, die Befragungen auszuwerten. Dies sei aber nur ein Teil des generellen Defizits im amerikanischen Informationsapparat.