Bilder machen Politik – aber ein Bild verdrängt das andere: Am 9. April 2003, die US-Armee war soeben in Bagdad einmarschiert, rissen jubelnde Iraker eine überlebensgroße Statue Saddam Husseins vom Sockel. Auf das symbolische Zeichen hatten die Truppen der Amerikaner und Briten – noch mehr aber ihre Befehlshaber – gewartet. Die Aufnahmen gingen als Botschaft um die Welt: Die Schreckensherrschaft ist zu Ende!

Zwölf Monate später gehen andere Bilder um die Welt. Sie zeigen irakische Gefangene, gefoltert von amerikanischen Militärs. Sie symbolisieren die Demütigung der Befreiten und – aus der Sicht der Besiegten – die Arroganz der Sieger.

Folternde US-Soldaten, auf diesen Beweis westlicher Niedertracht haben islamistische Terroristen nur gewartet: Aus derlei Demütigungen schöpfen sie ihre eigene Rechtfertigung. Die Bilder haben eine verheerende Wirkung. Das Ansehen Amerikas ist schwer beschädigt, ebenso die Moral der US-Armee und seiner Verbündeten. Die gesamte Nahost-Politik der Regierung Bush wird an den Fotografien gemessen – einen Medien-Präsidenten wie diesen darf das nicht verwundern.

Auftrag: Angst und Schrecken

Die US-Soldaten haben die Gefangenen nicht bloß roh angefasst, und sie handelten nicht in einer rechtlichen Grauzone. Sie haben gefoltert und sich deshalb eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht. Denn spätestens seit der Haager Landkriegsordnung von 1907 und den Genfer Konventionen müssen Kriegsgefangene ehrenhaft behandelt werden. Dazu zählt auch das Verbot, aus ihnen mit Gewalt Informationen herauszupressen. Selbst nach dem Ende der Kampfhandlungen bleibt eine Besatzungsmacht an das Kriegsvölkerrecht gebunden. Zudem verbieten alle Menschenrechtskonventionen die Folter – wie ruchlos auch immer die Gefangenen selbst gehandelt haben mögen.

Die Empörung über die Untaten im Gefängnis von Abu Ghraib folgte prompt, und sie ist echt. Politiker und die Medien Amerikas urteilen fast einhellig über die schandbaren Aktionen. Doch noch so harsche Worte des Präsidenten, eine noch so strenge Bestrafung der Täter ändern nichts am fatalen Befund: Die Gräuel waren nicht nur die Tat von einzelnen, offenkundig gewissenlosen Soldaten. Offenbar kam es wiederholt zu grausamen Übergriffen, offenbar waren sie vom Geheimdienst der Armee angeordnet worden, um die Gefangenen vor Verhören in Angst und Schrecken zu versetzen. Und was besonders schwer wiegt: Offensichtlich wussten hohe Offiziere des Pentagon schon seit Jahresbeginn davon, hüllten sich aber in Schweigen.

"Es genügt, einem Menschen eine Uniform anzuziehen, ihn von seiner Familie zu trennen und die Trommel zu rühren, um ein wildes Tier aus ihm zu machen", schrieb Leo Tolstoij. Von jeher wecken Kriege im Menschen alle Instinkte, auch die niedersten. Damit gleichwohl ein Minimum an Menschlichkeit gewahrt bleibt, hatten sich die Völker nach langen, furchtbaren Erfahrungen für ihre Kämpfe bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Regeln gegeben, minimale Standards der Humanität im Grauen. Der Grundsatz, dass selbst im Krieg noch ein Rest von Menschlichkeit walten soll, war ein Zivilisationsgewinn, wenn auch ein bescheidener: Im Zweiten Weltkrieg geriet er völlig in Vergessenheit. Umso verhängnisvoller ist es, dass ausgerechnet amerikanische Soldaten, die ausgezogen waren, dem unterdrückten irakischen Volk seine Zivilität zurückzubringen, gegen diese Prinzipien verstoßen.

Demokratien brauchen für ihre Kriege Moral – und im Fall Irak sollten die moralischen Ansprüche des Präsidenten sogar als höchstes Motiv herhalten. Amerikaner und Briten ging es um eine Mission: um die Verbreitung von Menschenrechten, Freiheit und Demokratie. An diesem hehren Anspruch müssen sie sich messen lassen. Außerdem: Zu Recht verlangt man von demokratischen Streitkräften mehr als von der Soldateska einer Diktatur.