DIE ZEIT: Frau Merkel, war der Irak-Krieg unter dem Aspekt des Demokratieexportes ein Fehler?

Angela Merkel: Zuerst einmal ging es nicht um Demokratieexport, sondern um die Beseitigung einer Bedrohung. Siebzehn UN-Resolutionen haben sich mit dieser Bedrohung befasst und mit der Frage, ob es eine Möglichkeit gibt, Saddam Hussein auf friedlichem Wege zur Kooperation mit den UN-Inspekteuren zu zwingen. Insofern ist der Krieg das bedauerliche Ende einer langen Entwicklung. Dass von Saddam Hussein eine ernste Gefahr ausgeht, daran haben selbst Kriegskritiker nicht gezweifelt. Streit gab es über die Frage, wann die friedlichen Mittel, um dieser Gefahr zu begegnen, erschöpft seien. Was die anderen Ziele des Krieges betrifft, kann ich nur sagen: Es hat offenkundig einen zu großen Optimismus gegeben, dass sich das militärische Eingreifen nahtlos in Demokratie umwandeln würde, dass es also zwischen Saddam Hussein und der Stabilität im Irak keine weiteren Hindernisse geben würde.

ZEIT: Zurzeit häufen sich die Berichte von Folterungen im Irak, die durch amerikanische Soldaten verübt wurden. Sind solche Exzesse in Kriegen, auch in legitimen Kriegen, überhaupt vermeidbar?

Merkel: So etwas darf auf keinen Fall hingenommen werden. Denn hier steht die Glaubwürdigkeit der demokratischen Werte auf dem Spiel. Die Berichte über Misshandlungen und das Quälen von Gefangenen sind furchtbar. Das muss schonungslos aufgeklärt werden. Hinzu kommt, dass dies die Notwendigkeit, das Vertrauen der Iraker in eine neue politische Ordnung zu stärken, zunichte machen kann.

ZEIT: Im Nachhinein wissen Sie ja jetzt etwas mehr über die Genese des Krieges. Nach den Recherchen von Bob Woodward war die Entscheidung schon getroffen, bevor man wusste, ob sich Saddam kooperativ zeigen würde. Irritiert Sie das?

Merkel: Ich kann nicht bewerten, ob diese These so richtig ist. Aber klar ist für mich, wann immer im politischen Leben bestimmte Entscheidungen unverrückbar festgelegt werden, egal, was kommen mag, dann ist das selten richtig. Aber als deutsche Politikerin habe ich mich zunächst einmal mit den deutschen Entscheidungen auseinander gesetzt, die hier durch den deutschen Bundeskanzler auf Marktplätzen verkündet wurden. Dass sich Herr Schröder, unabhängig vom Entscheidungsprozess der UN, festgelegt hat, einem Krieg gegen den Irak unter keinen Umständen zuzustimmen, steht jedenfalls außer Zweifel und hat die Einigung in Europa unmöglich gemacht.

ZEIT: Stünden heute nicht deutsche Soldaten im Irak, wenn Sie die Wahl gewonnen hätten?