Haider Mohammed war ein unbekannter Mann. Seit vergangenem Wochenende aber kennt die ganze Welt seinen geschundenen Körper. Haider Mohammed ist eines der Opfer der Gefängnisfolterer von Abu Ghraib – und einer der jüngsten Helden der arabischen Satellitenkanäle. "Als ersten Fernsehkanal hat er al-Dschasira zu sich nach Hause eingeladen", kommentiert die Reporterin. Die Journalistin hält dem jungen Familienvater das Mikrofon hin. "Das, was die gemacht haben, war nicht normal!", antwortet er einsilbig. Fünfzig Tage hat er in dem berüchtigten Gefängnis verbracht. "Ich bin froh, dass die Bilder gezeigt wurden. Jetzt kommt alles raus!"

In den arabischen Medien bekommen die gefolterten irakischen Gefangenen ein Gesicht. Die Meldungen über die Zustände in dem Gefängnis am Rande Bagdads werden mit Bitterkeit und Enttäuschung aufgenommen. In Abu Ghraib wurde schon gefoltert, bevor Saddam Hussein an die Macht kam. Allein der Name des Gefängnisses löst bei vielen Irakern körperliche Schmerzen aus. "Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr", sagt ein Anrufer, der sich an der Diskussionssendung Heute im Irak des syrisch finanzierten Senders ANN beteiligt.

"Glauben Sie, dass es sich bei den Vorwürfen der Folter im Gefängnis von Abu Ghraib um einen Einzelfall handelt?" So lautet die aktuelle Zuschauerfrage auf der Homepage von al-Dschasira. Knapp 90 Prozent der Teilnehmer stimmen mit Nein. Sie glauben den Beteuerungen des US-Militärs nicht. "Die Folterbilder sind Öl ins Feuer des Widerstandes", textet der Al-Dschasira-Reporter Munir al-Dschaludi aus Bagdad und raunt: Dies könnte der Anfang des Endes der US-Herrschaft im Irak sein, denn das Entsetzen über die Folterer mischt sich mit Zorn über eine schlechte Idee der Amerikaner.

Wie konnten sie erwägen, Dschassim Salah, einen ehemaligen Offizier der Republikanischen Garden, zum Kommandeur von Falludscha zu ernennen? Ausgerechnet Salah, der 1991 an der blutigen Aktion gegen die Schiiten im Südirak beteiligt war. Nach Protesten hat die US-Armee nun schnell einen anderen benannt.

Die Wut über die Rückkehr der alten Männer mischt sich mit Euphorie. Die Bilder der jubelnden Bewohner von Falludscha, die den Rückzug der US-Armee feiern, laufen in fast jeder Nachrichtensendung: Vermummte Jugendliche auf erbeuteten Baufahrzeugen schwenken die irakische Fahne. Die alte irakische Fahne! "Das ist die irakische Intifada!", schreibt die in London erscheinende Tageszeitung al-Hayat. Auch im Fernsehen verschwimmen die Schauplätze. Zu sehr gleichen die Aufnahmen aus Gaza denen aus Falludscha. "Was muss denn noch passieren, damit unsere Regierungen endlich aufwachen?", meldet sich der nächste empörte Zuschauer in der Talk-Sendung auf ANN zu Wort.

"Sie tun nichts, um den Palästinensern zu helfen, und die Iraker haben sie auch im Stich gelassen. Aber jetzt, mit diesen Vorwürfen gegen die US-Armee, jetzt müssten sie doch endlich aufwachen, aufstehen, sich gegen die Amerikaner wehren!", schnaubt er ins Telefon, und die Moderatorin lächelt aufmunternd in die Kamera. Sprich weiter!, sagen ihre Augen. "Aber unsere Regierungen sind unfähig, und leider habe ich keine Hoffnung, dass sie sich jetzt trauen werden!", sagt er.

Die Moderatorin bedankt sich und beginnt ein Interview mit der Menschenrechtlerin Mervat Raschmawi. Nach so vielen Emotionen sollen jetzt wieder Informationen in die Sendung: "Es gibt verschiedene Aussagen über die Anzahl der Gefangenen in amerikanischen Gefängnissen im Irak, was können Sie uns dazu sagen?" Das Foto der Rechtsanwältin wird eingeblendet: "Leider können wir dazu nicht viel sagen. Wir haben keine verlässlichen Zahlen, denn…" Die Telefonstimme aus dem Off macht eine bedeutungsschwere Pause: "…denn wir, als unabhängige Organisation, können den besetzten Irak nicht bereisen. Das liegt natürlich an der Sicherheitslage, aber es liegt auch an den Amerikanern. Wir haben keinen Zutritt zu den Gefängnissen, können uns nicht frei bewegen. Deswegen können wir leider keine Aussagen machen!" Trotz klingt mit. Ganz bewusst zitiert Mervat Raschmawi aus vergangenen Tagen: Ganz ähnlich begründeten bis vor kurzem Organisationen wie amnesty international den Mangel an verlässlichen Aussagen über die Menschenrechtslage in Ländern wie Libyen. Vergesst den "neuen Nahen Osten" der Amerikaner, so lautet die Botschaft der arabischen Fernsehkanäle in diesen Tagen: Der neue Nahe Osten ist genauso wie der alte!