So wie die Steinzeit nicht aus Mangel an Steinen zu Ende ging, so wird das Ölzeitalter vorbei sein, bevor der letzte Tropfen Öl aus dem Boden gepumpt ist. Ausgerechnet in Kreisen der Energiewirtschaft ist dieser Vergleich immer häufiger zu hören. Er stammt sogar aus dem Milieu der „Ölmänner“, von Achmed Saki Jamani. Er war der Mann, der Anfang der siebziger Jahre als saudi-arabischer Ölminister maßgeblich für den ersten Ölpreisschock sorgte und den deutschen Autofahrern sonntägliche Fahrverbote bescherte. Heute leitet Jamani das Londoner Zentrum für Globale Energiestudien. Und prophezeit das Ende der Öl-Ära.

Tatsächlich hätten die Öl verbrauchenden Industrienationen längst die Möglichkeit gehabt, sich aus der Abhängigkeit von den Öllieferanten zu befreien. Sie hätten sich Sprit sparende Autos zulegen können, sie hätten neue Kraftstoffe entwickeln und ihre Häuser besser isolieren können. Von alledem haben Europa, die Vereinigten Staaten und Japan zu wenig und das wenige zu spät getan. Das Ergebnis: Genau wie vor mehr als 30 Jahren, als sie der erste Preisschock ereilte, hängen die Verbraucher auch heute am Tropf weniger Lieferanten – und bangen um ihre Wirtschaft, wenn es den Ölnationen gefällt, mit knappem Angebot für hohe Preise zu sorgen.

So wie momentan. Öl ist teuer. Die Autolobby jammert. Und die Wirtschaftspolitiker fürchten um den ersehnten Aufschwung.

In der Tat schöpfen die ausländischen Öllieferanten Kaufkraft ab, die für die Stärkung der Binnennachfrage fehlt. Dabei kostet Öl nicht einmal so viel wie im Jahresdurchschnitt 1980. Erst recht liegen die um die Inflation bereinigten, realen Ölpreise weit unter dem Niveau, das sie vor einem Vierteljahrhundert erreicht hatten (siehe Grafik). Dass Spitzenpolitiker der führenden Industrienationen dennoch an das Kartell der Erdöl exportierenden Staaten (Opec) appellieren, mit höherer Produktion für sinkende Preise zu sorgen, offenbart ihre nach wie vor bestehende ökonomische Verletzbarkeit – und ihre politische Hilflosigkeit.

Wenig zielführend ist es auch, nun niedrigere deutsche Spritsteuern zu fordern, so wie es die Oppositionspolitiker gerne tun – und dabei auf das kurze Gedächtnis ihres Publikums hoffen. In Wirklichkeit drehten Union und FDP bis 1998 beherzter an der Steuerschraube, als es Rot-Grün seit 1999 mit der Ökosteuer tat.

Selbst niedrigere Mineralölsteuern würden an der strukturellen Verwundbarkeit der Industrienationen nichts ändern: Sie hängen auf Gedeih und Verderb am Öl, immerhin ist es die Antriebsenergie für ihr lebenswichtiges Transport- und Verkehrssystem. Trotz diverser Preisschocks ist diese Abhängigkeit vom Öl sogar noch gestiegen: Obwohl einzelne Autos genügsamer geworden sind, schlucken sie hierzulande insgesamt heute fast doppelt so viel Diesel und Benzin wie 1970. Das ist gefährlich. Denn während das Nordseeöl zur Neige geht und die europäische „Ölnation“ Großbritannien seit kurzem sogar mehr Öl importiert als exportiert, wächst einer Hand voll Ländern im Nahen Osten naturgesetzlich Marktmacht zu. Gerecht oder ungerecht spielt keine Rolle: Unterm Wüstensand lagert der größte Ölschatz der Erde.

Um diese Vorkommen konkurrieren nun nicht nur die alten, ökonomischen Supermächte, sondern zunehmend auch Aufsteigernationen wie China und Indien. Allein der tägliche Ölimport Chinas war im Februar dieses Jahres um rund 50 Prozent höher als im Durchschnitt des vergangenen Jahres. Ähnlich rasant entwickelte sich die indische Ölnachfrage. Ob die alten Industrieländer es wollen oder nicht: Sie werden in Zukunft nicht nur die Arbeit mit den bisherigen Habenichtsen teilen müssen, sondern auch das Öl. Zwar muss dessen Preis deshalb nicht zwangsläufig unaufhörlich steigen – schließlich wächst auch das Ölangebot, werden neue Ölfelder erschlossen wie jetzt die libyschen und dereinst die irakischen. Aber vieles spricht dafür, dass der mittelfristige Preistrend vor allem in eine Richtung zeigt: aufwärts.