Die erste Documenta, die 1955 einen Kanon moderner Kunst aufstellen wollte, zeigte von den surrealistischen Malern André Masson, Joan Miró und Max Ernst, nicht Salvador Dalí. Die Gründe für die Geringschätzung Dalís durch Kritiker und Kunsthistoriker sind vielfältig. Nachdem er 1940 in die USA gegangen ist, wendet er sich mehr und mehr dem Design zu. Er macht Werbezeichnungen für Haute-Couture-Modelle, entwirft Titelblätter für die Zeitschrift Vogue, Muster für Krawatten und Schmuck und porträtiert mit hyperrealistischer Präzision Angehörige der High Society. Auch stoßen seine Hitler-Obsession und seine Polemik gegen die Ästhetik der Moderne auf Kritik. Scheut er doch nicht davor zurück, den Jugendstil gegen die funktionalistische Baugesinnung der Moderne, die "Architektur der Selbstbestrafung", auszuspielen.

Seit der Durchsetzung der Moderne in den fünfziger und frühen sechziger Jahren ist vieles geschehen. Die Pop Art hat die Grenzen zwischen hoher und trivialer Kunst eingerissen, in Italien hat Achille Bonito Oliva die Transavantgarde ausgerufen, die durch ihre Rückkehr zu traditionellen Malweisen die Ästhetik der Moderne provozierte. Dalís Rückgriff auf den Akademismus und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts erhielt mit einem Mal eine ungeahnte Aktualität. Es besteht also seit geraumer Zeit Anlass, das über ihn verhängte Verdikt nochmals zu überdenken. Einen Anstoß dazu gab vor zwei Jahren die Surrealismus-Retrospektive in Paris und Düsseldorf, wo einige wichtige Bilder aus der surrealistischen Phase Dalís zu sehen waren. Jetzt feiert ihn die Frankfurter Allgemeine als "ein malerisches Großereignis des 20. Jahrhunderts, einen Alchemisten der Farben und einen Lichtregisseur ohnegleichen". Aber vielleicht wird durch diese späte Anerkennung als Maler die Gestalt Dalís nur abermals verdeckt.

Noch immer ist es schwierig, über Dalí zu sprechen, nicht weil sein Werk uns Rätsel aufgibt, sondern weil sich vor das Werk und dessen Autor die Dalí-Legende schiebt. Auch um andere Künstler haben sich Legenden gebildet; Dalí aber bringt seine selbst hervor. Fast könnte man vermuten, er benutzt sie als Schutzschild, um sich dahinter auf immer unkenntlich zu machen. Ein Leben lang spielt er der Welt den Exzentriker vor, der an der Grenze des Wahnsinns lebt, den großen Provokateur und Tabubrecher. Er liefert den Medien die lebende Karikatur des genialen Künstlers, zwirbelt seinen Schnurrbart hoch und reißt die Augen auf.

Perfekte Beherrschung altmeisterlicher Maltechniken

Wie steht dazu die Arbeit dieses Malers und Zeichner, der die akademischen Techniken perfekt beherrscht? Auf vertrackte Weise bestimmt diese Doppelgesichtigkeit Dalís den Umgang der Kritik mit seinem Werk. Ob sie nun die Legende annimmt und wie der Kunsthistoriker Wieland Schmied behauptet: "Dalís Leben ist Teil seines Werks, vielleicht sein wichtigstes Werk"; oder ob sie die Legende beiseite lässt und wie der Museumsdirektor Uwe M. Schneede fragt: "Was wird bleiben von Salvador Dalís Werk?" – in beiden Fällen reproduziert sie jeweils eine Ansicht des janusköpfigen Gesichts, das Dalí dem Betrachter zeigt. Offenbar ist es ihm tatsächlich gelungen, sich hinter der lärmenden Veröffentlichung von Enthüllungen und Scheinenthüllungen unsichtbar zu machen.

Wie schwer sich die Kritik mit Dalí tut, zeigt der eigenartige Vorschlag von Günter Metken, "Dalí von dem Etikett ‚Surrealismus‘ zu lösen". Der Gewaltstreich des Kritikers, der das Werk befreien möchte von dem, was ihm als Theorieballast erscheint, legt den Gedanken nahe, gerade hier könnte der Zugang zum Fall Dalí liegen. Schließlich malt Dalí seine bedeutendsten Bilder in den Jahren seiner Zusammenarbeit mit den Surrealisten.

Als Sohn eines angesehenen Notars in Figueras (Katalonien) am 11. Mai 1904 geboren, erhält Dalí auf der Kunstakademie in Madrid eine solide akademische Ausbildung, wendet sich früh dem Kubismus zu, erarbeitet sich aber gleichzeitig die Beherrschung altmeisterlicher Techniken (Der Brotkorb, 1926). Es gibt aus dieser Frühzeit einige vorzügliche Arbeiten. Das Junge Mädchen von hinten, vor einer kargen Küstenlandschaft sitzend, beeindruckt Picasso, der es in Dalís Atelier in Barcelona sieht. Doch bald wendet sich Dalí, angeregt durch de Chirico, Miró und Tanguy, einer surrealistisch inspirierten Malerei zu, siedelt 1929 nach Paris über, wo er schnell Kontakt zu den Surrealisten findet. Durch die Hinwendung zum Kommunismus hatte die Gruppe um André Breton prominente, wegen ihrer provokativen Aktivitäten wichtige Mitglieder wie Antonin Artaud verloren. Dalí vermochte die vakante Position einzunehmen und wurde zur treibenden Kraft der Bewegung.

Wie kein anderer surrealistischer Maler hat er mit seinen oftmals polemischen Schriften der dreißiger Jahre die programmatische Entwicklung und das Leben der Bewegung geprägt. Mehr noch als in den Texten Bretons aus derselben Zeit schwingt bei Dalí etwas von der Krise der Epoche mit. Seine Skizze einer Theorie der Verantwortungslosigkeit und die fröhliche Bejahung des "Klimas ideologischer und moralischer Verwirrung, in dem gegenwärtig zu leben wir die Ehre und die Freude haben", schließlich der provokatorisch eingesetzte Akademismus – das alles wirkt wie eine halluzinatorische Vorwegnahme dessen, was wir mit dem hilflosen Begriff der Postmoderne bezeichnen.