Wohlstand, Demokratie oder Einhaltung der Menschenrechte? Was will die arabische Öffentlichkeit eigentlich? So merkwürdig es klingen mag: Sie will Würde. Genau deshalb schockieren die Bilder aus amerikanischen Gefängnissen in Bagdad alle Araber. Die Aufnahmen nähren das kollektive Opferdenken, das reale Wurzeln hat und sich aus arabischer Sicht seit vielen Jahrhunderten in einer Endlosschleife wiederholt. Arabische Politiker, Intellektuelle und Demonstranten berufen sich dabei stets auf ganz bestimmte Schlüsseldaten der Geschichte.

Beginnen wir in der arabischen Moderne, so ist die Invasion Napoleons in Ägypten 1798 die erste Demütigung im kollektiven arabischen Gedächtnis. Die militärisch-technische Überlegenheit der sich industrialisierenden Staaten Europas, ihr aggressiver Expansionsdrang und der soziale Wandel führten zu einer ständigen Auseinandersetzung mit europäischen Vertretern aus Wissenschaft, Kultur und Politik. Bis heute ist die Erinnerung an die Eroberung allgegenwärtig in der ägyptischen Gesellschaft. Der 200. Jahrestag löste 1998 erbitterte Debatten darüber aus, wie die Invasion, mit der die wissenschaftliche Erforschung der pharaonischen Altertümer begann, zu bewerten sei. Der palästinensische Physiker Antoine Zahlan beschreibt, wie sich seit Napoleon im technisch-wissenschaftlichen Bereich ein kollektives Unterlegenheitsgefühl festgesetzt hat.

Das nächste Schlüsseljahr in der Reihe der Demütigungen ist 1924. Vor genau 80 Jahren wurden in der jungen türkischen Republik das Kalifat und das Amt des Muftis von Istanbul abgeschafft. Auch wenn es im sunnitischen Islam keine der Kirche entsprechende hierarchische Institution gibt, war das Amt des Muftis als höchste geistliche Autorität im Osmanischen Reich am ehesten mit dem Papst vergleichbar. Die Ursache für die Niederlage des Osmanischen Reiches im ersten Weltkrieg sahen viele in einem rückständigen Islam. Damals wurde die islamische Gemeinde ihrer geistlichen Führung beraubt. Der letzte Kalif, Abdülmecid II., wurde des Landes verwiesen. Auch wenn der universale Anspruch des Kalifats schon im 15. Jahrhundert erloschen war, ging nun das letzte Symbol eines politischen islamischen Einheitsanspruches verloren. Versuche, das Kalifat zu retten und den König von Ägypten oder den Herrscher von Hedschas im heutigen Saudi-Arabien zum Kalifen auszurufen, scheiterten. Bis nach Indien erschütterte die Kalifatsfrage die Muslime. Selbst Mahatma Gandhi wurde Mitglied eines All-India Central Khalifat Committee. Aber diese Leerstelle wurde bis heute nicht wieder besetzt. Nur der marokkanische König besitzt noch einen Anspruch auf die Rolle des Führers der Gläubigen, allerdings nicht über die Grenzen seines Landes hinaus. Radikale Islamisten, wie die verbotene Befreiungspartei Hisb al-Tahrir oder die Taliban haben immer wieder versucht, dieses Vakuum zu füllen. So haben die Taliban Mullah Omar 1996 zum Führer der Gläubigen ausgerufen.

Für die arabischen Nationalbewegungen der dreißiger Jahre rückt die Frage nach der religiösen Führung jedoch in den Hintergrund. Ein anderes Problem stand nun im Mittelpunkt: das Palästinaproblem. 1948 erlebt die arabische Welt ihre erste militärische Niederlage gegen Israel. Es folgten die bewaffneten Konflikte von 1956, 1967, 1973, 1982 und 1991, die sämtlich mit Niederlagen der arabischen Seite endeten. Die Deindustrialisierung des Iraks nach dem Golfkrieg 1991 ist schon vor dem 11. September mit dem Programm der Alliierten zur Deindustrialisierung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg verglichen worden.

Eine ebenso zentrale Rolle spielt erstaunlicherweise die Ermordung des israelischen Premiers Jitzhak Rabin 1995. Sein Tod bedeutete das Ende der Hoffnung auf einen selbstständigen palästinensischen Staat. Im selben Jahr beginnen die Chefideologen von al-Qaida sich umzuorientieren. Ayman al-Sawahiri argumentiert nun, man müsse den Terror gegen die eigene Staatsführung zunächst ruhen lassen und stattdessen den Feind von außen angreifen. Dieselbe Gruppe, die noch versuchte, den ägyptischen Staatschef Hosni Mubarak umzubringen und das Land in den neunziger Jahren mit Attentaten überzog, ging nun in die Ausbildungslager nach Afghanistan. Danach kommt im kollektiven arabischen Gedächtnis nur noch der 11. September 2001 und der Fall der Statue Saddam Husseins am 9.April 2003. Damals beruhigte sich das arabische Gemüt mit dem Witz, es sei ja gar nicht die Statue von Saddam Hussein gefallen, sondern die eines seiner Doppelgänger. Insgesamt jedoch werden die Niederlagen und Demütigungen als "das Versailles der arabischen Nation" empfunden.

Viele Muslime finden, ihre Vertreter würden strategisch aus der Weltgesellschaft ausgeschlossen: Kein muslimisches Land sei ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats oder Mitglied der G8, noch nie hat es einen muslimischen UN-Generalsekretär gegeben.

Oder anders gesagt mit den Worten von Abd Samad Moussaoui, dem Bruder des so genannten 20. Todespiloten des 11. September, Zacarias Moussaoui: "Golfkrieg, Bosnien, Algerien, Palästina, Afghanistan, Tschetschenien – überall in der Welt wurden Muslime verfolgt. Das empörte uns. Nicht nur Zacarias empfand das so. Alle Muslime unseres Alters verspürten in ihrem Inneren die Ungerechtigkeit, denen ihre Glaubensbrüder zum Opfer fielen. Diejenigen, die das besonders stark wahrnahmen, wurden mit der Zeit dünnhäutig. Sie glaubten nicht mehr an die Moral und die Ethik der Regierenden. So wurden einige von ihnen anfällig für totalitäre fanatische Ideologien."

Nach allem, was wir über die Biografien der Terroristen vom 11. September oder vom 11.März wissen, wurden sie nicht in ihren Heimatländern radikalisiert, sondern in Europa. Das Bild der moralischen Überlegenheit des demokratischen, reichen und freien Westens wird zerstört, wenn Emigranten plötzlich sehen, dass diese Zustände auch hier nicht in Reinform verwirklicht sind. Dieser Spagat kann schwer für jemanden auszuhalten sein, der aus den armen Regionen dieser Welt kommt. Schuldgefühle und Selbstzerstörungswünsche, die daraus erwachsen können, dass man selbst das Leben im Westen genießt und sogar Teil von ihm geworden ist, während die eigene Großfamilie im Elendsviertel wohnt, spielen auf dem Weg zum Selbstmordattentäter eine Rolle. Auch die Vorstellung, dass es keine Rückkehr in die eigene Heimat mehr gibt, unterstützt diesen selbstzerstörerischen Prozess. Obwohl die Rückkehr das wichtigste Topos junger arabischer Emigranten ist, schämen sie sich einzugestehen, dass sie in der Heimat aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Sozialisation inzwischen kaum mehr leben können.