Mütter Sieben Mütterkarrieren

Sie lernten sich vor vier Jahren in einem Geburtsvorbereitungskurs kennen und gingen gemeinsam den Weg in die Mutterrolle. Die Geschichte von emanzipierten Frauen, die erst mal zu Hause blieben

Sie treffen sich bis heute. Seit fast vier Jahren, jeden Donnerstag um 16 Uhr, immer reihum. Vor der Tür der Gastgeberin liegen dann Unmengen von Schuhen der Größen 27 bis 30, und in der Wohnung versuchen sieben Mütter gegen den Lärm ihrer Kinder anzureden; meistens vergeblich. Denn längst ist aus dem stillen Gekrabbel zu ihren Füßen ein wöchentlich wiederkehrendes Durcheinander von den Ausmaßen eines Kindergeburtstages geworden, dessen Spuren (mit Puzzleteilen durchmischte Lego-Ruinen auf bekleckertem Parkett beispielsweise) nur mit aufwändigen Aufräumarbeiten beseitigt werden können.

Was nach Chaos klingt, betrachten wir inzwischen mit Stolz und Staunen. Es ist die wechselvolle Geschichte unseres Geburtsvorbereitungskurses, der zu einem Geburtsnachbereitungskurs wurde, aus dem mittlerweile wieder ein Geburtsvorbereitungskurs geworden ist: Sieben Frauen mit ursprünglich sieben Kindern werden bald sieben Frauen mit zwölf Kindern sein. Zwei von ihnen haben bereits ihr zweites Baby bekommen, und drei sind wieder schwanger.

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Erstaunlich ist schon, dass diese Gruppe immer noch existiert, noch erstaunlicher ist aber, dass gleich fünf der sieben Mütter zu jenen Frauen zählen, die die Statistiker fast aufgegeben haben, wenn es um Nachwuchs geht: die Akademikerinnen. 42 Prozent der studierten Frauen des Jahrgangs 1965 werden nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes kinderlos blieben, das ist weltweit ein einsamer Wert. Insbesondere für Akademikerinnen also ist die einst natürlichste Sache der Welt, biologisch-hässlich »Fortpflanzung« genannt, zu einem viel diskutierten Problem geworden. Doch bei uns, in unserem Freundeskreis in Berlin? Da hören die Akademikerinnen gar nicht mehr auf mit dem Kinderkriegen, und ebendies ist wiederum erstaunlich: Im Sommer wird die Zahl der Kinder pro Frau in unserem Geburtsvor- und -nachbereitungskurs auf 1,7 angewachsen sein. Das ist weit über dem deutschen Durchschnitt von rund 1,3 und nah an der französischen Quote von 1,9, die die Demografen derzeit oft als letzte Hoffnung für die Rentenkassen beschreiben und an der wir uns manchmal spaßeshalber messen. Das Private ist wieder politisch; verglichen mit 1968 allerdings geht die Politisierung in die entgegengesetzte Richtung: »Mein Bauch gehört mir?« Recht rabiat hat sich die Gesellschaft der Bäuche der Frauen bemächtigt – als Debattenthema.

Kinder kriegen und dabei die Gleichberechtigung verraten?

Mittendrin in dieser großen Debatte steht unsere kleine Gruppe. Julia und Torsten, Ina und Andreas, Michi und Martin, Sybille und Thomas, Elina und Oliver, Alex und Kai, Nicole und ich. Sieben Frauen und sieben Männer in einem kuriosen Dilemma: Volkswirtschaftlich gesehen, sind wir zwar unverzichtbare Avantgarde – mussten dafür aber einige Ideale der Gleichberechtigung verraten. Fast vier Jahre nach der Geburt unserer Kinder müssen wir nämlich eingestehen, dass wir in mal mehr und mal weniger klarer Rollenverteilung ein Lebensmodell praktizieren, das die Frauenbewegung schon vor 30 Jahren für veraltet erklärt hat: Frau hütet Kind, Mann verdient Geld. Gewollt war das nicht. Doch eine Minderheit von uns praktiziert inzwischen sogar ein Lebensmodell, dem die Politik auch für die nächsten 30 Jahre den Kampf erklärt hat: Manche Frauen in unserer Gruppe möchten ihre Kinder nicht staatlicher Ganztagsbetreuung übergeben, sondern sie zumindest nachmittags lieber selbst erziehen. Tatsächlich.

Statt »Kind und Karriere zu verbinden«, so der nicht nur in Frauenzeitschriften zur Floskel gewordene Anspruch, haben sie sich erst einmal an ihre Kinder gebunden. Haben – unter Verlustschmerzen, von denen noch die Rede sein wird – ihre beruflichen Ambitionen gedrosselt und doch an Selbstwertgefühl gewonnen. Mittlerweile sagt Nicole, meine Frau: »Wer will behaupten, dass ich weniger leiste oder gar ein unerfüllteres Leben führe, wenn ich den Alltag eines Kindes organisiere und versuche, es zu einem verantwortungsvollen Menschen zu erziehen, als wenn ich in irgendeiner Bank mit Aktien handle?«

Dieses Selbstbewusstsein kam nicht von selbst. Es ist Resultat einer schweren, quasi zweiten Geburt. Wir Paare hatten einige Identitätskrisen zu überwinden, einige der Frauen mussten außer Windeln auch Prioritäten wechseln, ehe sie auf die Partyfrage »Und was machst du so?« mit »Ich bin derzeit hauptsächlich Mutter« antworten konnten. Bis heute hängen sie noch ein »…zumindest momentan« mit dran. Und manche blieben lieber bei »Ich bin selbstständig«. Oder »Promotionsstudentin«.

In ein paar Jahren hat sich das, was die Frauen jetzt noch erwähnenswert finden, vielleicht erledigt. Derzeit aber haben wir den Eindruck, dass sich einige der großen gesellschaftlichen Fragen an unserer kleinen Gruppe beantworten lassen: Wie groß ist er wirklich, der Schritt zum Muttersein, vor dem sich viele Frauen fürchten? Unter welchen Verlusten, welchen Gewinnen haben die Frauen diesen Schritt getan? Und wie haben sich dadurch die Rollen in ihren Beziehungen verändert? Wer Antworten auf solch intime Fragen sucht, erhält sie in keiner Straßenumfrage. Deshalb erzähle ich hier von uns und unserem Freundeskreis – nicht repräsentativ, aber aussagekräftig.

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