Mütter Sieben Mütterkarrieren
Sie lernten sich vor vier Jahren in einem Geburtsvorbereitungskurs kennen und gingen gemeinsam den Weg in die Mutterrolle. Die Geschichte von emanzipierten Frauen, die erst mal zu Hause blieben
Sie treffen sich bis heute. Seit fast vier Jahren, jeden Donnerstag um 16 Uhr, immer reihum. Vor der Tür der Gastgeberin liegen dann Unmengen von Schuhen der Größen 27 bis 30, und in der Wohnung versuchen sieben Mütter gegen den Lärm ihrer Kinder anzureden; meistens vergeblich. Denn längst ist aus dem stillen Gekrabbel zu ihren Füßen ein wöchentlich wiederkehrendes Durcheinander von den Ausmaßen eines Kindergeburtstages geworden, dessen Spuren (mit Puzzleteilen durchmischte Lego-Ruinen auf bekleckertem Parkett beispielsweise) nur mit aufwändigen Aufräumarbeiten beseitigt werden können.
Was nach Chaos klingt, betrachten wir inzwischen mit Stolz und Staunen. Es ist die wechselvolle Geschichte unseres Geburtsvorbereitungskurses, der zu einem Geburtsnachbereitungskurs wurde, aus dem mittlerweile wieder ein Geburtsvorbereitungskurs geworden ist: Sieben Frauen mit ursprünglich sieben Kindern werden bald sieben Frauen mit zwölf Kindern sein. Zwei von ihnen haben bereits ihr zweites Baby bekommen, und drei sind wieder schwanger.
Erstaunlich ist schon, dass diese Gruppe immer noch existiert, noch erstaunlicher ist aber, dass gleich fünf der sieben Mütter zu jenen Frauen zählen, die die Statistiker fast aufgegeben haben, wenn es um Nachwuchs geht: die Akademikerinnen. 42 Prozent der studierten Frauen des Jahrgangs 1965 werden nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes kinderlos blieben, das ist weltweit ein einsamer Wert. Insbesondere für Akademikerinnen also ist die einst natürlichste Sache der Welt, biologisch-hässlich »Fortpflanzung« genannt, zu einem viel diskutierten Problem geworden. Doch bei uns, in unserem Freundeskreis in Berlin? Da hören die Akademikerinnen gar nicht mehr auf mit dem Kinderkriegen, und ebendies ist wiederum erstaunlich: Im Sommer wird die Zahl der Kinder pro Frau in unserem Geburtsvor- und -nachbereitungskurs auf 1,7 angewachsen sein. Das ist weit über dem deutschen Durchschnitt von rund 1,3 und nah an der französischen Quote von 1,9, die die Demografen derzeit oft als letzte Hoffnung für die Rentenkassen beschreiben und an der wir uns manchmal spaßeshalber messen. Das Private ist wieder politisch; verglichen mit 1968 allerdings geht die Politisierung in die entgegengesetzte Richtung: »Mein Bauch gehört mir?« Recht rabiat hat sich die Gesellschaft der Bäuche der Frauen bemächtigt – als Debattenthema.
Kinder kriegen und dabei die Gleichberechtigung verraten?
Mittendrin in dieser großen Debatte steht unsere kleine Gruppe. Julia und Torsten, Ina und Andreas, Michi und Martin, Sybille und Thomas, Elina und Oliver, Alex und Kai, Nicole und ich. Sieben Frauen und sieben Männer in einem kuriosen Dilemma: Volkswirtschaftlich gesehen, sind wir zwar unverzichtbare Avantgarde – mussten dafür aber einige Ideale der Gleichberechtigung verraten. Fast vier Jahre nach der Geburt unserer Kinder müssen wir nämlich eingestehen, dass wir in mal mehr und mal weniger klarer Rollenverteilung ein Lebensmodell praktizieren, das die Frauenbewegung schon vor 30 Jahren für veraltet erklärt hat: Frau hütet Kind, Mann verdient Geld. Gewollt war das nicht. Doch eine Minderheit von uns praktiziert inzwischen sogar ein Lebensmodell, dem die Politik auch für die nächsten 30 Jahre den Kampf erklärt hat: Manche Frauen in unserer Gruppe möchten ihre Kinder nicht staatlicher Ganztagsbetreuung übergeben, sondern sie zumindest nachmittags lieber selbst erziehen. Tatsächlich.
Statt »Kind und Karriere zu verbinden«, so der nicht nur in Frauenzeitschriften zur Floskel gewordene Anspruch, haben sie sich erst einmal an ihre Kinder gebunden. Haben – unter Verlustschmerzen, von denen noch die Rede sein wird – ihre beruflichen Ambitionen gedrosselt und doch an Selbstwertgefühl gewonnen. Mittlerweile sagt Nicole, meine Frau: »Wer will behaupten, dass ich weniger leiste oder gar ein unerfüllteres Leben führe, wenn ich den Alltag eines Kindes organisiere und versuche, es zu einem verantwortungsvollen Menschen zu erziehen, als wenn ich in irgendeiner Bank mit Aktien handle?«
Dieses Selbstbewusstsein kam nicht von selbst. Es ist Resultat einer schweren, quasi zweiten Geburt. Wir Paare hatten einige Identitätskrisen zu überwinden, einige der Frauen mussten außer Windeln auch Prioritäten wechseln, ehe sie auf die Partyfrage »Und was machst du so?« mit »Ich bin derzeit hauptsächlich Mutter« antworten konnten. Bis heute hängen sie noch ein »…zumindest momentan« mit dran. Und manche blieben lieber bei »Ich bin selbstständig«. Oder »Promotionsstudentin«.
In ein paar Jahren hat sich das, was die Frauen jetzt noch erwähnenswert finden, vielleicht erledigt. Derzeit aber haben wir den Eindruck, dass sich einige der großen gesellschaftlichen Fragen an unserer kleinen Gruppe beantworten lassen: Wie groß ist er wirklich, der Schritt zum Muttersein, vor dem sich viele Frauen fürchten? Unter welchen Verlusten, welchen Gewinnen haben die Frauen diesen Schritt getan? Und wie haben sich dadurch die Rollen in ihren Beziehungen verändert? Wer Antworten auf solch intime Fragen sucht, erhält sie in keiner Straßenumfrage. Deshalb erzähle ich hier von uns und unserem Freundeskreis – nicht repräsentativ, aber aussagekräftig.
Es war im Sommer 2000, als wir uns zum ersten Mal trafen, in einem Geburtshaus im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Werdende Mütter und Väter um die 30 begaben sich auf Gymnastikmatten und auf unbekanntes Terrain. Unbeholfen tappten wir Männer um unsere Frauen mit ihren prallen Bäuchen und rosafarbenen Wangen herum; sie wirkten so zerbrechlich und souverän zugleich. Wir hatten uns viel vorgenommen. Wir hatten sehr viel gelesen. Kein Kind hier würde beiläufig geboren werden.
Ab September machten wir Männer mit müden Stimmen Meldung: Erst brachte Nicole Marie zur Welt, dann Elina Oskar, dann Ina Clemens. Julia brachte Ella zur Welt, Michi bekam Noah, Alex Paula, schließlich gebar Sybille Nelly, und plötzlich war alles anders. Anders, als wir es uns – sehr gleichberechtigt zur Gleichberechtigung entschlossen – vorgestellt hatten. Denn als wir Männer nach einigen Tagen oder Wochen wieder arbeiten gehen mussten, blieben unsere Frauen mit ihren Fragen allein zurück: Machten sie alles richtig? Oder alles falsch? Hatten sie heute mal wieder genügend »Synapsen gebildet«? Reichte die Muttermilch, oder sollten sie »zufüttern«? Es gab kein Echo auf ihre Fragen, vom Schreien der Babys einmal abgesehen – aber war das jetzt wieder Hunger oder Schmerz? Und müsste sich Nelly nicht längst schon vom Rücken auf den Bauch drehen können? Ist es sehr schlimm, dass Ella immer auf der linken Seite schläft? Ist ihr Hinterkopf nicht schon ein bisschen platt vom Liegen? Für die Frauen war ein Apfel kein Apfel mehr, sondern Transporteur von Vitaminen oder Giften. Auch war ein Pickel kein Pickel mehr, sondern ein sicherer Vorbote von Neurodermitis.
Die Kinderärzte waren gottgleiche Autoritäten in den ersten Monaten, und die Tage zwischen den Arztbesuchen waren manchmal wie ein einziger Brei. »Ich habe mich oft gefragt, ob ich geduldig genug bin, ob ich wie eine gute Mutter denke«, sagt Alex. »Es war so ein schwer zu beschreibendes Gefühlsdurcheinander von Glück, Überforderung und Langeweile zugleich«, erinnert sich Nicole. Der Montag war wie der Dienstag, der Dienstag wie der Mittwoch – gut, wenn dann wieder Babytreffen war. In den Augen von uns Männern glich die Frauenrunde damals einer Selbsthilfegruppe. Da war keine Freundschaft zunächst, eher ein aneinander Anlehnen im egoistischen Sinne, ähnlich einer Schicksalsgemeinschaft von Einwanderern; nicht in ein neues Land, sondern in ein neues Leben. Das Einzige, was die Frauen verband, war für manche plötzlich alles, was sie hatten. Ein Kind.
Eine zu dramatische Sicht der Dinge?
Schon als wir uns zum ersten Mal im Geburtshaus trafen, sagten unsere Frauen, die damals fast alle berufstätig waren und von denen jede ihren eigenen Freundeskreis hatte, sie wollten »jemanden kennen lernen, dem es geht wie mir«. Es muss die Ahnung gewesen sein, dass sie mit der Geburt fast jede Bindung an ihr bisheriges, emanzipiertes Leben verlieren würden: kein Job mehr, der ihren Tag strukturierte. Kein Chef, der sie lobte. Kein Gehalt, das nur ihres war.
Und nun? Wo waren die Großeltern, die hätten helfen können? Bei den meisten von uns mehrere hundert Kilometer entfernt, schließlich waren wir mobil gewesen, so wollte es der Arbeitsmarkt. Wo war die größere Schwester, die schon Erfahrungen mit Kindern hat? Es gibt sie kaum noch. Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung ist die Existenz solch »informeller Netzwerke« aber mitentscheidend für den Kinderwunsch von Frauen, wichtiger noch als ein Kindergartenplatz. Denn ohne diese beiläufige, familiäre Hilfe scheinen da nur beiläufig gestellte Ansprüche zu sein: Heute muss eine Frau am besten Mehrfachmutter sein und erfolgreich im Beruf – kein Zufall, dass es inzwischen regalweise Selbstfindungsliteratur für junge Mütter gibt. Oder einen Geburtsvorbereitungskurs, der zum Familienersatz wird.
Manchmal sprachen die Frauen in ihrer wöchentlich tagenden Ersatzfamilie auch darüber, dass in ihren Beziehungen eine Entwicklung eingesetzt hatte, die ihnen ebenso logisch wie ärgerlich wie unaufhaltsam erschien: Ausgerechnet im Augenblick des größtmöglichen Bekenntnisses zueinander, in dem sie sich mit ihren Männern für ein Kind entschieden hatten, begannen sich die Lebenswelten von Männern und Frauen so weit auseinander zu entwickeln wie nie zuvor. Andreas flog auf Dienstreise nach London, Oliver nach Paris, ich nach Athen, aber manche Frau kam kaum mehr aus der Wohnung, außer zum Einkaufen. Es wurde Winter, es wurde dunkel, die Kinder konnten noch nicht krabbeln, und unsere Frauen waren noch weit entfernt von ihrer heutigen coffee to go -Gemütlichkeit auf den Spielplätzen, wo sie mittlerweile mal lässige, mal entzückte Blicke auf unsere Dreijährigen werfen.
Damals gab es großen Streit und große Versöhnungen. Es gab eine postnatale Depression und Trennungsgerüchte. Ein Mann zog vorübergehend aus.
Mit den Babys kam die Rollenverteilung: Frau hütet Kind, Mann geht zur Arbeit
Warum hatte keiner von uns Vätern den Job aufgegeben? Warum nicht Andreas, der Jurist? Thomas, der Orthopäde? Torsten, der Lichtplaner? Oliver, der Ingenieur? Kai, der Software-Entwickler? Martin, der Spezialist für Computer-Animationen? Oder ich, der Journalist?
Auf den ersten Blick liest sich die Antwort ganz einfach: Unsere Jobs waren besser bezahlt als die unserer Frauen. »Diese Sicherheit war mir so wichtig, dass ich die auch der Gleichberechtigung zuliebe nicht aufs Spiel setzen wollte«, sagt Julia. So wurde bei einigen von uns mit der Geburt der Kinder eine Rollenverteilung manifest, die wir vorher noch eifrig ausgeblendet hatten: Der Job des Ernährers war uns Männern zugedacht. Lediglich als Kai arbeitslos wurde, glich Alex, seine Partnerin, das mit einem 30-Stunden-Job aus; er schrieb an seiner Doktorarbeit, und die beiden kümmerten sich gemeinsam um Paula und den Haushalt.
Nur die Arbeitslosigkeit des Mannes hatte also zu einer Art Gleichberechtigung geführt. Bei den anderen Paaren lief es quasi umgekehrt: Ina hatte noch in der DDR begonnen, Kunstgeschichte zu studieren; damals war ein Studienplatz ein künftiger Arbeitsplatz. Nach zwei Jahren in Leipzig, einem Jahr in Paris und drei Jahren in Berlin jedoch war das Land ein anderes, ihre Branche überlaufen und Ina seither stets vergeblich auf der Suche nach einer Lösung. Nicole wiederum war Sozialarbeiterin in einer Reha-klinik, ihr befristeter Vertrag lief unmittelbar vor dem Mutterschutz aus und wurde nicht verlängert. Elina, gelernte Friseurin, hatte sich gerade entschlossen, ihr Abitur nachzumachen, als sie schwanger wurde. Und für Julia, die Architektin, sollte es nach der Babypause auch keinen Job mehr geben in ihrem alten Architekturbüro.
Erziehungsurlaub? Rückkehr-Garantie? Diese Errungenschaften der alten Beamtenrepublik Deutschland blieben für die meisten Frauen Illusion. Nur Sybille, fest angestellt als Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, konnte sich fallen lassen ins soziale Netz. Die anderen fingen wir Männer auf.
Michi und ihr Freund Martin wiederum führen eine kleine Firma für bewegte Bildgestaltung am Computer. In ihrem Leben vor Noah ging es um »Pixel«, »Screens« und »Frames«. Einfacher gesagt: Die Sonne, die Wolken und der Regen im ZDF-Wetterbericht sind von ihnen. Viel Arbeit je nach Auftragslage, oft die Nächte durch. »Wir hatten uns vorgenommen, dass wir auch mit Kind alles 50:50 aufteilen wollen«, erzählt Michi. Das klappte naturgemäß schon mit dem Stillen nicht, »deshalb hat Martin damals im Job die Hauptrolle übernommen. Es muss ja immer einer da sein, der in der Firma ansprechbar ist – das konnte nur noch Martin sein.« Aus 50:50 ist in der Firma 30:70 geworden, doch immerhin konnte Michi nach vier Monaten an ihren Schreibtisch zurückkehren, und heute kann sie ihr Arbeitspensum frei dosieren. Weil Michi und Martin nach wie vor gleichberechtigte Partner in ihrer Firma sind, sie zu Hause etwas mehr involviert, dafür er im Büro, beziehen sie weiterhin gleich hohe Gehälter. »Wenn ich nicht selbstständig wäre, wäre das anders«, sagt Michi. Im Mai bekommt sie eine Tochter. Sie hatte Martin schon vor Jahren gesagt: »Ich möchte, dass mehr von mir bleibt als ein paar Animationen.«
So ist hier das große Rätsel einer patriarchalen Gesellschaft zu besichtigen: Was war eigener Wunsch der Frauen? Und was war unfreiwillige Selbstaufgabe? In einigen Fällen hatte der Arbeitsmarkt, diese maskuline Arbeitsvergabemaschine, unsere Frauen gar nicht erst eingelassen, in anderen Fällen hatte die Wirtschaftskrise sie zu den ersten Opfern der Konjunktur gemacht. Bei mehr als vier Millionen Arbeitslosen scheint unser System auf emanzipierte junge Mütter gerne zu verzichten. Manchmal aber hatten die Frauen auch eher ungezwungen zurückgesteckt. Fragen wir Michi, weshalb sie – trotz idealer Ausgangslage – Martin gegenüber nicht stärker auf ihr Recht gepocht hat, ihre berufliche Einschränkung wieder rückgängig zu machen. Sie hätte ihn doch nach dem Stillen für ein Jahr zum Hausmann machen können, oder?
»Martin ist nun mal ein totaler Workaholic«, sagt sie. »Wenn er nach Hause kommt, setzt er sich nicht hin und liest ein Buch, sondern macht dann schon wieder den Computer an.« Er ist von seinem Job durchdrungen, »er hätte als 100-Prozent-Vater garantiert nicht funktioniert. Mir ist meine Arbeit zwar auch wichtig, aber nicht so, dass ich sie immer zu hundert Prozent machen muss. Und außerdem: Ich will ja keine Kinder haben, um sie dann nicht zu haben.«
Haben die Frauen also vor uns Männern kapituliert? Oder sich gar auf uns verlassen? Warum landen viele Frauen immer noch in den brotloseren Berufen? Sozialarbeit, Kunstgeschichte, Physiotherapie – alles keine Brieftaschenfüller. Ist es immer die Übermacht der Männer, die die Frauen in diese Nischen zwingt, also »diese Ungerechtigkeit, dass Frauen für ihre Neigung, Menschen zu helfen, immer noch schlechter bezahlt werden als Männer für ihre Neigung, sich in juristische Kleinkriege zu begeben«, wie Nicole sagt? Oder sind einige »unbewusst vielleicht von vornherein bereit, einen Teil von sich aufzugeben für ein Kind«, wie sie andererseits glaubt?
Und wann beginnt diese Prägung?
Marie war gerade drei geworden, als sie Nicole und mir am Frühstückstisch erklärte: »Mamas arbeiten nicht.« Wir fingen an, unbeholfen mit den Armen zu rudern und zu sagen: »Doch, doch! Mamas können auch arbeiten. Mama sucht ja Arbeit.« Hektische Weltbildpflege überm Käsebrot – und plötzlich eine Frage: Wie stellen wir uns eigentlich die Zukunft unserer Tochter vor? Wir hatten uns nie überlegt, welches Frauenleben Marie einmal führen soll. Aber jetzt? Attraktive Professorin mit drei Kindern in glücklicher Ehe wäre schon nicht schlecht…
Die Arme.
Am Ende stellt sich die Frage »Kind oder Karriere?« meist immer noch den Frauen. In unserem Geburtsvorbereitungskurs wurde allerdings deutlich: Schwieriger, als das Muttersein erfüllend zu finden, war es, dieses Gefühl vor sich und der Welt zu vertreten – gilt es doch, nicht nur von einem Schritt hinter eigene Ansprüche zu berichten, sondern auch hinter historische Errungenschaften.
Am leichtesten fällt das Sybille, der Ärztin: »Ich habe von Anfang an gesagt: Ich will zu Hause sein. Ich will die erste Bezugsperson für meine Kinder sein. Wenn man als Berufsanfängerin eine Stelle an der Uni ergattert, fragt man sich natürlich irgendwann: Karriere oder Kinder? Meine Oberärztin, natürlich kinderlos, sagte damals zu mir: ›Überlegen Sie sich das gut, der Preis ist hoch.‹ Nur: Zum Glück musste ich mir das nie überlegen. Vielleicht fiel mir das später aber auch deshalb so leicht, weil ich fast als Einzige der Frauen die Gewissheit hatte, zurück in den Beruf gehen zu können, sobald ich das wollte.«
Im Unterschied zu unseren Frauen wurden wir Männer nicht vor die Wahl gestellt zwischen Kind oder Karriere: Es änderte sich alles und doch nichts, denn unser Alltag organisierte sich wie von selbst. Eine komfortable Lage, solange unser Einkommen für das Auskommen der Familie reicht. (Wobei an dieser Stelle mancher Mann sich fragt, ob im Unterschied zu den Frauen die Losung »Kind und Karriere« wirklich auf ihn zutrifft – oder ob er in seinem Büroalltag weder entschieden »Karriere« macht, noch wirklich »Kind« hat. Aber davon wird nächste Woche die Rede sein.)
Das Rollending. Eine große Sache, die sich bis ins Kleinste auswirkt. Zwar geht jeder von uns mit dem Geld anders um – doch versuchen jene Paare, bei denen die Frauen finanziell abhängig sind von den Männern, diese Tatsache zu kaschieren. Es gibt da zwei Modelle: Die meisten haben getrennte Konten, und jeden Monat überweist der Mann der Frau Geld, von dem die dann sagt, das sei selbstverständlich ihres. Nicole und ich hingegen haben ein gemeinsames Girokonto, und jeder hat eine EC-Karte – als Demonstration, dass es sich dabei um unser gemeinsames Geld handelt. Nun findet Nicole, dass einige der anderen Frauen bloß schlecht kaschiertes »Haushaltsgeld« bekommen. Die aber sagen, bei unserer Lösung sei Nicole sogar noch beim Abheben unter Kontrolle ihres Mannes. Es gibt keine Lösung in dieser Frage. Dafür aber augenzwinkernden Selbstbetrug.
Haben sich die Probleme unserer Frauen damit erledigt? Oder haben sie sich nur mit ihnen arrangiert?
Ungefähr zu der Zeit, als die Kinder nach etwa einem Jahr mobiler wurden (und mit ihnen die Mütter), begannen die Probleme im Alltag kleiner zu werden. Es waren keine Zerwürfnisse mehr zu befürchten, als wir Männer unseren Frauen die Kindersitze an die Fahrräder schraubten, obwohl die sicheres Indiz für die Rollenverteilung in einer Jungfamilie sind. Indes ist die stete Verpflichtung geblieben, Vater- und Mutterrolle nicht zu weit auseinander driften zu lassen – denn, schicksalhaft gesehen, geht es nach wie vor nicht gleichberechtigt zu: Was, wenn einer von uns Männern für eine noch bessere Stelle in eine andere Stadt, gar ein anderes Land wechseln wollte? Er würde den Bonus kassieren, seine Frau hätte den organisatorischen Ärger. Für ihn würde sich nichts ändern, denn wenn er abends nach Hause kommt, sitzen da dieselbe Frau und dasselbe Kind. Für die Frau ändert sich alles. Vor allem das soziale Umfeld, auf das sie angewiesener ist als er, das sich bei ihr jedoch nicht wie im Beruf quasi selbst ergibt.
Luxusdiskussionen sind das, solange sie im Konjunktiv stattfinden. »Wir haben ein Kind, wir haben Geld, wir sind weit entfernt von Existenznot«, sagt etwa Ina. So kommt es, dass sie ihre Lage »auch luxuriös« nennt: Sie hat den Freiraum, nebenbei ihre Doktorarbeit zu schreiben.
Auch Julia spricht von »Gewinnen«, obwohl uns ihre Lage nicht immer luxuriös erschien. Stets war sie getrieben von dem Wunsch, nicht den Anschluss an ihre Architektenwelt zu verlieren. Auch waren Torstens Einkünfte als Lichtplaner, der zurzeit unter anderem Beleuchtungskonzepte für ein WM-Stadion entwickelt, nicht immer sicher. Es gab Phasen, da hangelte er sich von Auftrag zu Auftrag. Julia hangelte sich mit, »aus Sorge, sonst ins Minus zu rutschen«.
Sie jobbte im Café, machte Führungen in einem Design-Museum, dolmetschte bei einer Pressekonferenz, mimte eine Museums-Wärterin, akquirierte Anzeigen für eine Design-Zeitschrift, machte Stadtführungen in Sachen Berliner Architektur und layoutete Grafik-Präsentationsmappen für Lichtplanung in China. Und sie modelte für die ostdeutsche Zigarettenmarke Cabinet: Julia im Pool. Das war im Sommer 2002, das Jahrhunderthochwasser überflutete den Osten, und in den Fernsehnachrichten sahen wir manchmal hinter den aufgeregten Korrespondenten aufgeweichte Cabinet-Plakatwände mit Julia drauf, der Arbeit suchenden Mutter.
Vom schwierigen Geständnis, mit dem Muttersein zufrieden zu sein
Froh sei sie, mitten in der Wirtschaftskrise ein Kind bekommen zu haben, sagt Julia jetzt, »Freundinnen von mir sind arbeitslos geworden und hatten gar nichts. Eine Krise spricht also nicht gegen ein Kind.« Julia stillte Ella ein Jahr. Auch wegen der Erfahrung »dieser absoluten Körperlichkeit« überlegt sie, auf Physiotherapeutin umzuschulen, Akupunktur und Massage zu lernen.
Stolz (oder auch nur gleichmütig) radeln unsere Frauen mittlerweile durch Berlin. Nie haben die großen und kleinen Irritationen das Mutterglück verschüttet – sie haben allerdings belegt, dass Kinderkriegen heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sondern für »moderne Frauen« ein großer Schritt und für »moderne Paare« eine Prüfung, »bei der man total aufpassen muss, als Mann und Frau in Kontakt zu bleiben, damit man nicht über Jahre in zwei unterschiedlichen Filmen ist«, sagt Sybille.
Das scheint den meisten in unserer Gruppe zu gelingen, deswegen ist bei vielen ja Teil zwei des Filmes in der Mache. Damit bestätigen wir Studien, denen zufolge der gern zitierte Trend zur Ein-Kind-Familie nicht sehr ausgeprägt ist. Wer einmal das Abenteuer Kind gewagt hat, bekommt meist ein zweites Baby.
So hat Elina nach Oskars Geburt nicht nur ihr Abitur nachgemacht, sondern nebenbei – so erschien es den anderen Frauen – noch Lotta geboren. Ina ist dankbar, »nicht mehr so kopfgesteuert zu sein, seit Clemens mir vorlebt, wie sehr man sich über eine abfahrende S-Bahn freuen kann. Das hat etwas extrem Weltzugewandtes.« Alex erzählt, dass Paula ihr noch einmal vor Augen führe, »wie ich als Kind die Welt gesehen habe«. Sybille sagt, ein angenehmer Nebeneffekt von Kindern sei, dass man erst mal keine Zeit habe, sich zu viel mit sich selbst zu beschäftigen. »Man kommt ein paar Jahre lang nicht dazu, sich zu fragen, zu welchem Friseur man geht oder ob man sich drei oder vier Leberflecke aus dem Gesicht entfernen lässt.« Ihr Mann Thomas, der Orthopäde, schafft es zwar nicht immer, sich die Wochenenden freizuhalten, ist jedoch zweimal in der Woche um 17 Uhr zu Hause, um die Kinder zu übernehmen, damit Sybille arbeiten kann.
Welch Luxus – und welch akademische Luxusdebatte, die wir führen: kein Vater, der für Wochen auf Montage oder jede Nacht im Schichtdienst verschwindet. Keine Mutter, die ihr Kind allein erzieht und nebenbei die Existenz zu sichern hat. Kein Kind, das von Sozialhilfe abhängig ist oder bei einem täglichen Existenzkampf der Eltern nebenher liefe. Nichts davon!
»Erst haben wir unsere Kinder ge plant, jetzt um planen wir sie«, sagt Ina, »ich bedaure manchmal, dass sie anders als früher keine Selbstverständlichkeit mehr sind.« Je weniger selbstverständlich Kinder sind, desto selbstverständlicher scheint ihre generalstabsmäßige Förderung zu werden. Clemens’ Förderprogramm in den ersten drei Jahren: Babymassage, Prager Eltern-Kind-Programm, Turnen, musikalische Früherziehung. Nicht anders bei Marie: Babyschwimmen, Prager Eltern-Kind-Programm, Musikschule, Kinderturnen. Im Kindergarten lernt sie jetzt Englisch.
Viel Ehrgeiz ist auf die Kinder übergegangen; zu viel, werden manche Pädagogen in 20, 30 Jahren wohl sagen. War es die Langeweile? Die Umschichtung des akademischen Ehrgeizes? Manche Frauen sind Expertinnen im Ankauf gebrauchter Kinderklamotten geworden, abgezockte Flohmarkthändlerinnen, eBay-Profis beim Verkauf von Babystramplern. Ein neues Wahrnehmungsraster liegt über den Dingen. Die Frauen sagen unisono, sie empfänden heute tiefer, stärker. Für Elina ist eine Vogelgrippe-Nachricht in der Tagesschau keine Meldung mehr, die sie beim Wetterbericht schon wieder vergessen hat. Für Sybille ist ein Tatort keine Unterhaltung mehr, sondern eine Qual, wenn darin ein Kind umkommt. Sie ist schneller gerührt als früher, »und zwar von den dämlichsten Sachen. Sogar von Merci-Werbung.« Ohne Nelly und Fritz wäre sie jetzt vielleicht Oberärztin mit 60-Stunden-Woche statt angestellte Ärztin mit 19-Stunden-Job – aber wäre sie auch glücklicher? »Abends, sieben Uhr«, sagt sie dazu, »wir sitzen am Esstisch, es gibt Nudeln mit roter Soße – was sonst? Genauer gesagt gibt es runde Nudeln, weil ich dachte, die passen am besten in Fritzis Mund. Aber jetzt rollt Fritz die Rundnudeln über den Tisch, und Thomas und ich rollen die Augen. Dann steht Nelly, die ältere Schwester, dauernd auf, rennt rum und stößt sich zweimal den Kopf an der Tischkante. Riesengeschrei. Aber in genau dem Moment legt Fritz seinen Kopf auf den soßenbeschmierten Tisch und guckt mich so von unten an, dass ich nur noch denken kann: ›Sind die klasse!‹ Natürlich haben wir dann wieder mal die Nachrichten verpasst, aber trotzdem geht man zufrieden ins Bett. Allerdings manchmal schon vor neun.«
Nicole hat nach langer Suche wieder eine Stelle als Sozialarbeiterin bekommen. 20 Stunden pro Woche. Genau das, was sie wollte. Nach Abzug der zusätzlichen Kindergartenkosten bleibt zwar nicht viel vom Gehalt, aber egal. Die Wertigkeiten sind jetzt andere.
Das ganze Land redet seit Pisa über Frühförderung und Ganztagsbetreuung, doch Nicole redet nicht mit, zumindest nicht über Kinderturnen und Musikschule hinaus. »Ich habe manchmal den Eindruck, dass nur noch gefragt wird: Wer kümmert sich um unser Kind? Und nicht mehr: Wie kümmern wir uns um unser Kind? Aber wer keine Zeit für seine Kinder hat, sollte keine Kinder bekommen«, sagt sie. Sie meint damit nicht alleinerziehende Frauen oder Paare in finanzieller Not, die sie als Sozialarbeiterin ja kennt. Aber sonst? Überall weniger Staat, nur bei der Erziehung mehr? Ganztagsschulen sollten zumindest nicht Pflicht werden, sagt sie: »Sich den ganzen Tag mit anderen Kindern messen? Angeleitet werden von 8 bis 17 Uhr? Es tut einem Kind auch mal gut, wenn es für sich sein kann. Einfach mal auf dem Bett liegen. Nichts machen, nur da sein. Allein auf eine Spielidee kommen.«
Dafür will sie eine Zeit lang da sein.
Und wir Männer? Welche Anforderungen bleiben da an den Vater? »Dass er selbstständig mit den Kindern zurechtkommt, und das tut er«, sagt Elina. Das ist ihr Maß, damit ist sie zufrieden.
Inzwischen rechnen sie sich ihre Kinder als Leistung an
Im vorigen Jahr sind die Frauen für ein Wochenende ins Wellnesshotel gefahren. Allein. Das Ganze einen »Test« zu nennen, ob wir Männer ohne Hilfe mit unseren Kindern klarkämen, wäre zu hoch gehängt, das hatten wir vorher schon sporadisch bewiesen, aber eine kleine Prüfung – ironisch bewitzelt – war es für manche Paare trotzdem. Einer von uns Vätern sprach nachher prompt von einer »Grenzerfahrung«. Dabei war er mit den Kindern vorsorglich zu den Großeltern gefahren, was den Frauen zum Triumph gereichte.
Sie rechnen sich die Kinder inzwischen offensiv als Leistung an, als Leistung, die der von uns Männern oder kinderlosen Berufstätigen in nichts nachsteht. Und die Debatte über den Zusammenhang von Kinderlosigkeit und Rentenlöchern hat ihnen ihre Wertigkeit noch bewusster gemacht.
Große Streits und große Versöhnungen gibt es allerdings noch immer, und irgendein Paar ist immer in der Krise. Wir ahnen, auch mit Kindern gibt es keine Garantie für dauerhaftes Glück; nahezu jeder von uns kennt Freunde oder Freunde von Freunden, deren Jungfamilie zerbrach. Das ist der traurige Realismus, den wir lernen mussten. Es gibt aber auch einen schönen: Immer öfter lächeln wir Eltern von heute über uns Eltern von gestern. In Bezug auf unsere Kinder ist da eine Entspanntheit, an der wir uns berauschen. Ein Pickel ist wieder ein Pickel. Manchmal ist ein Apfel sogar wieder ein Apfel. Die Frauen reden jetzt über Fruchtwasseruntersuchungen. Und sie werden sich noch jahrelang treffen, glaubt Elina, einmal pro Woche, immer reihum, weil ihr Ritual längst den Suchtfaktor einer Doku-Soap im Fernsehen habe: »Wir wollen ja alle wissen: Wie machen sich die Kinder? Wie überwinden die und die ihren Streit? Wie viel lässiger läuft alles beim zweiten Baby?«
Wer weiß, was noch passiert. Vielleicht kriegt eine der Frauen ja einen Traumjob angeboten, für den ihr Mann (mit seiner plötzlich brotlos anmutenden Arbeit) zu Hause bleiben müsste. Es gibt einige Männer, die sich danach sehnen. Aber für länger als ein Jahr?
- Datum 06.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.05.2004 Nr.20
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