Glosse Vorsicht, Platzpatronen!

Bei der deutschen Criminale wird getafelt und geschossen

Noch vor vierzig Jahren konnte man vom deutschen Kriminalroman ernsthaft nicht sprechen. Seine Helden hießen Jerry Cotton und stammten von Autoren, die sich mit englisch klingenden Pseudonymen tarnten. Der deutsche Krimi brauchte Geburtshelfer, um auf die Welt zu kommen. Die Schweden Sjöwall/Wahlöö zeigten Mitte der sechziger Jahre, wie es gehen konnte: sozialkritisch, didaktisch, aufklärerisch. Zwei Friedriche aus der Schweiz wurden zu Vorbildern. Dürrenmatt hatte bereits in den fünfziger Jahren vorgemacht, wie Täter und Opfer die Rollen wechseln und wie Verbrechen sich literarisch lohnt. Glauser, der arme, kranke Versager, schuf in den dreißiger Jahren mit seinem Wachtmeister Studer das Vorbild des traurig-einsam einfühlenden Ermittlers. Nach ihm sind zu Recht die Preise benannt, die das Syndikat, der Zusammenschluss der deutschsprachigen Krimischriftsteller, inzwischen zum 18. Mal verleiht. Ein Glauser für den besten Kriminalroman des Jahres – das war und ist eine literarische Auszeichnung von Rang.

Der deutsche Krimi ist groß geworden. Das war das Ziel der gerade mal zwanzig Autoren, die 1986 das Syndikat gründeten, um dem deutschen Kriminalroman zu Ansehen zu verhelfen. Wie groß, das war im weitläufigen Gelände am Niederrhein zwischen Kleve und Duisburg, wo diesmal die Criminale stattfand, nicht mehr zu überblicken. Heute hat das Syndikat über 300 Mitglieder. Auf dem „größten Krimifestival Europas“ tummelten sich 170 Autoren auf mehr als 100 Lesungen. Gerichtssäle, Stadthallen, Klöster, Kuhställe und Kaufhäuser wurden kurzzeitig zum Schauplatz meist bieder ausgebreiteter Lese-Verbrechen.

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Crime sells. Das nutzen nicht nur kleine und mittlere Verlage, die neuerdings jährlich einen oder zwei Krimis produzieren, um die Krise abzufedern. Auch die Regionen, die Schlange stehen, um in den kommenden Jahren die Criminale mit noch mehr Autoren und noch mehr Lesungen veranstalten zu dürfen, erhoffen sich touristische Wertsteigerung. All das beweist, dass der Krimi nicht mehr verschüchtert am literarischen Tellerrand kratzt. Berührungsängste gibt es nicht mehr. Wer mit dem Bauernkarren in die Kulturscheune gefahren wird, dort ein „Diner macabre“ zur Lesung verspeist und zum Nachtisch noch die Autogrammkarte eines TV-Kommissars bekommt, hat garantiert seinen Spaß.

Spaß ist das Stichwort. Nichts gegen ein bisschen albernes Theater, wenn der bedeutende Literat Ulrich Wickert, unkenntlich unter Filzhut und hinter Sonnenbrille, unter allerhand Gefuchtel mit einem Platzpatronenrevolver in das Syndikat aufgenommen wird. Doch ob dies noch der Literatur dient? Die Grenzen zur Spaßgesellschaft werden immer durchlässiger. Die Mittel, mit denen die Syndikatsgründer den deutschen Krimi aus dem Schmollwinkel gebracht haben, kehren sich nun gegen sie selbst: Die diesjährige Verleihung der Glauserpreise (für durchaus lesenswerte Bücher) war von einer beliebigen TV-Gala kaum zu unterscheiden. Lange wird das Syndikat den bisher gelungenen Balanceakt nicht mehr durchhalten können und demnächst am Scheideweg stehen: Literatur oder Fun? Dann steht der deutsche Kriminalroman auf dem Spiel.

 
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