Von dieser Buchmesse berichteten die deutschen Medien nicht. Wozu auch? Ihre Leser, Zuschauer und Zuhörer können den Inhalt der meisten hier präsentierten Bücher, der Videos und Hörkassetten, nicht verstehen. Verglichen mit den großen Bücherschauen und Literaturfestivals des deutschen Kulturbetriebs, handelte es sich bei dem 2. Berliner Buch- und Kulturfest, das im April stattfand, nur um ein Randereignis. Die Autoren, die von zahlreichen türkischen Verlagen präsentiert wurden, sind in Deutschland so gut wie unbekannt.

Noch immer sitzt in unseren Köpfen die Vorstellung fest, dass das, was wir nicht lesen und verstehen können, uns auch nicht unmittelbar betreffen könne. Aber die Besucher, die sich an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag auf der Berliner Buchausstellung umsehen, orientieren sich nicht an den Debatten, die in deutschen Talkshows, Leitartikeln und Feuilletons geführt werden. Sie suchen und finden auf jener Messe Orientierung in einem festgefügten Wertesystem und Zugehörigkeit zu einer anscheinend intakten Gemeinschaft, die alle Bereiche des Lebens umschließt. Alles das also, was in unserer auf individuelle Autonomie, persönliches Glück und Massenkonsum ausgerichteten Gesellschaft so leicht nicht zu haben ist.

Ort des Geschehens, Berlin, Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg: Die Literatur, die hier verbreitet wird, beeinflusst einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung unseres Landes. In unmittelbarer Nähe zum Kottbusser Tor liegt das Gemeindezentrum des Vereins Mevlana Moschee, der seine Mitgliederzahl mit "etwa 1.200" angibt. Es ist der Ort der Veranstaltung, auf der es fast ausschließlich Bücher zu kaufen gibt, die sich mit religiösen, ethischen und politischen Fragen des Islams und seiner Umsetzung im täglichen Leben befassen.

Einstweilen ist das Zentrum noch in einem hässlichen Altbau untergebracht, doch bald soll an dieser Stelle ein prächtiges "Kulturhaus" mit Moschee, Versammlungs- und Seminarräumen entstehen. Ein Projekt, das allerdings umstritten ist. Manche befürchten, dass der Mevlana-Moschee-Verein der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) nahe stehe, die vom Verfassungsschutz wegen ihres islamistischen Hintergrunds beobachtet wird. Indes, die Führung der IGMG bemüht sich neuerdings um moderatere Töne.

Islamistisch – bei diesem Schlagwort denken viele Bundesbürger weniger an die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit für jedermann als vielmehr an so genannte Schläfer oder finster dreinblickende Mullahs. Dabei bedeutet Islamismus weit mehr: Der Begriff steht für eine weit verzweigte gesellschaftliche und kulturelle Bewegung, die wachsenden Einfluss auf das Denken und das Alltagsverhalten gerade bei jüngeren Mitgliedern der islamischen Gemeinden ausübt. Hinter der pauschalisierenden Bezeichnung "Islamismus" verbergen sich zahlreiche Strömungen und vielfältige Ausdrucksformen. Gewaltbereite Gruppen stellen in diesem Kosmos nur eine Minderheit dar. Aber das Problem besteht darin, dass die Grenzlinien zu den bloß ideologisch orientierten Aktivisten nicht immer eindeutig erkennbar sind.

Der Islamismus verbreitet eine starke Botschaft, die sich nicht auf Hasspredigten gegen die westliche Welt reduzieren lässt. Wer sich mit ihm auseinandersetzen will, muss zunächst sein Denken, seine Redeweisen und seine Taktiken begreifen. Wer dies tut, erkennt, dass der Islamismus als eine offen operierende, politisch-kulturelle Bewegung auf Dauer eine größere Herausforderung für die westliche Verfassungsordnung sein könnte als der Terrorismus kleiner Gruppen.

Allerdings findet diese Auseinandersetzung bisher so gut wie gar nicht statt. Kaum eine deutsche Zeitung, Fernseh- und Rundfunkanstalt beschäftigt innenpolitische Redakteure, die Türkisch oder Arabisch verstehen und den Debatten in muslimischen Gemeinden folgen können. Dabei leben in Deutschland ungefähr drei Millionen Muslime, gut zwei Drittel von ihnen stammen aus der Türkei. Die allermeisten von ihnen verbinden mit ihrem Glauben keinerlei politische oder gar radikale Absichten. Erschreckend genug aber, allein bei der IGMG sammeln sich laut Verfassungsschutz 26.500 Mitglieder (siehe Überforderte Ermittler ).

Die große Weltreligion Islam darf nicht mit dem Islamismus gleichgesetzt werden. Der Islamismus ist eine politisch-ideologische Bewegung, denn er verspricht eine ideale Gesellschaft, in der alle Widersprüche der modernen Zeit aufgehoben und durch die Harmonie einer ganzheitlichen, gemeinschaftlichen Ordnung ersetzt werden.