Islamismus Radikale Botschaft, sanft im TonSeite 6/6
Ebenfalls geht die Studie der Uni Hamburg auf die wachsende Rolle der zum Islam übergetretenen Deutschen im Gemeindeleben des Islamischen Zentrums ein. Mit knapp einem Dutzend sei die Zahl dieser Konvertiten zwar nicht groß, doch das Zentrum nehme zunehmend ihre Hilfe speziell für die „Werbung für den Islam“ in Anspruch. Man setze dabei auf deren „Sprachkompetenz und Institutionenkenntnis“. In der iranischen Gemeinde gelten sie „durch ihre Konversion als Beweis für die Überlegenheitsideologie des Islam“. Zugleich hält man sie aber auch für übereifrig – besonders die Frauen, die strikt auf die Verhüllung nach den im Iran geltenden Vorschriften achten.
Deutsche Konvertiten haben mittlerweile ein loses Netzwerk aus vielen Gruppen und Eigeninitiativen herausgebildet. Sie haben rund um Diskussionsforen wie die Monatszeitschrift al-Islam eine breite Debatte entwickelt, wie der Islam der deutschen Gesellschaft als einzige Alternative zum angeblichen Verfall westlicher Werte nahe gebracht werden kann. So präsentiert Mikail Alman auf der Website Islam Offensiv seine Ideen über die „Werte des Westens“ und den Islam als einzigen Gegenentwurf: „Die Zeiten wandeln sich und wir uns mit ihnen … Eines aber bleibt konstant: die Glaubensgewissheit der Muslime. Deshalb ist der Boden, auf dem wir gehen, fest und sicher. Deshalb haben wir das Ziel am Ende des geraden Weges immer ganz genau im Auge. Deshalb kann uns nichts erschüttern – gerade in unseren Tagen, in denen die Muslimen-Verfolgung weltweit forciert wird, weil der ,Westen‘ seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums keine Alternative mehr hat – außer dem Islam und seinem Gesellschaftsmodell.“
Diese erweckten deutschen Muslime suchen nach Wegen aus der „Parallelgesellschaft“. Sie verstehen sich zunehmend als integraler Teil der deutschen Gesellschaft und nicht mehr als exotische Randgruppe. Dabei entwickeln sie ein nicht nur religiöses, sondern auch politisch-soziales Missionskonzept. Als Grundlage dienen die angeblich unfehlbaren, zeitlosen Wahrheiten des Korans. Weit auf diesem Weg vorangekommen ist der Rechtsanwalt Abu Bakr Rieger, der die in Berlin erscheinende Islamische Zeitung herausgibt. In dieser Monatszeitung sind allerdings in letzter Zeit auch bemerkenswerte Zeichen der Mäßigung zu beobachten. So stellte Rieger in einem Kommentar unlängst die Frage, ob sich die Muslime tatsächlich überzeugend genug vom Terror distanzierten, ob sie deswegen nicht doch einmal auf die Straße gehen sollten. Allerdings nennt Rieger den Terror durchgängig „nihilistischen Terror“ – und drückt damit aus, dass dieser eben doch nichts mit dem Islam zu tun habe.
Ob diese neue islamistische Szene in einen demokratischen Diskussionsprozess eingebunden werden kann, oder ob sie zu einem Anziehungspol auch für mehr und mehr heilssehnsüchtige Deutsche wird – das hängt nicht zuletzt davon ab, wie selbstbewusst sich die demokratische Öffentlichkeit einer Auseinandersetzung mit diesen Kräften stellen wird. Ignorieren oder verbieten lässt sich der neue Islamismus nicht mehr. Er kann nur argumentativ bezwungen werden.
- Datum 06.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.05.2004 Nr.20
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