Der Ratschlag klang ironisch, aber nicht nur. "Warum schleichen Sie sich nicht einfach nachts raus und kommen morgens früh wieder nach Hause?" Ich hatte der Tischnachbarin beim Kennenlern-Small-Talk – "Haben Sie Kinder?" – erzählt, dass ich trotz langjähriger Bindung keine habe. Das hatte mein charmantes Gegenüber auf die Idee gebracht, ich solle mir halt kurzfristig einen Bullen mit guten Genen schnappen. Bald, ehe die biologische Uhr aufhöre zu ticken. Wir kicherten. Doch mittendrin kippte das Kichern in Verlegenheit. Bei ihr, weil sie meinen Blick ins Leere schwinden sah. Bei mir, weil man bei derart absurden, intimen Scherzen doch empfindlich ist.

"An wem liegt es denn?" Die Antwort hatte die besagte Dame im Interesse ihrer Pointe mal unterstellt. Andere Wildfremde aber wollten es ganz genau wissen. Übrigens nur von mir, der Frau. Die Frage war aber nicht als Versuch der Schuldzuweisung gemeint, sondern auffordernd: Schon vor der Antwort drängelten die Einfühlsamen mit der Geschichte von einem Paar, bei dem es nach der vierten oder vierzehnten Hormonbehandlung respektive Injektion aufbereiteter Samenflüssigkeit schließlich doch geklappt habe. ("Die haben jetzt ein süßes Mädchen!")

Umso tiefer war stets das Unverständnis darüber, dass ich die genauen Ursachen unserer Kinderlosigkeit gar nicht wissen wollte. Eine Zurückhaltung, die meine Gesprächspartner gleich zu deuten wussten, je nach Milieu.

Die übrig gebliebenen Tiefenpsychologen signalisierten vorsichtig: "Eindeutig ein massiv verdrängter unerfüllter Kinderwunsch. Unter dieser Voraussetzung zahlt doch die Kasse…" Häufiger ist aber neuerdings die bevölkerungspolitisch missgelaunte Variante: "Klar, man genießt ja auch seine Wohnung (Karriere, Unabhängigkeit)…"

Dieser Verdacht, dass allein materielle Gier mein mangelndes Engagement für Nachwuchs begründe – später mehr dazu, wie es wirklich war –, kriegt schließlich regelmäßig Zunder:

Zunehmend werden Kinderlose in Talk-Shows und Kommentaren als Asoziale dargestellt, die "weder ihr Geld noch ihre Zeit und Kraft mit anderen teilen"; die der Gesellschaft, wie der Buchautor Herwig Birg allen Ernstes schreibt, lebenslang beweisen müssen, dass ihr Handeln "dennoch mit den Geboten der Sittlichkeit übereinstimmt".

Fast wünscht man sich bei solchen Übergriffen zurück in jene Zeiten, in denen man über Kinderlosigkeit nicht mal sprach.

"Frag lieber nicht", hieß es in den sechziger Jahren, wenn ich wissen wollte, warum Onkel Max und Tante Gerda, meine Lieblingserwachsenen, keinen Nachwuchs hatten, "die sind so traurig". Das war lieb gemeint, aber sonst hatte das Tabu nur gemeine Seiten: Wenn kein Nachwuchs kam, wurden vor allem die Frauen als vertrocknete Jungfern angesehen, die ihre "natürliche" Bestimmung, also das Leben verpasst hätten. Als entehrt galten aber auch Männer (unter sich sagten sie: enteiert), die ihren Namen nicht in die Zukunft trugen.